Reisetagebuch 8 – Vorzeitiges Ende

Tag 8:

Erst um kurz vor 8 aufgewacht. Gestern ging es noch lang – also für meine derzeitigen Verhältnisse. Halb eins bin ich ins Bett. Wir saßen im Garten, tranken Bier und Schnaps. 11882838_10207291594273962_2019203257290441094_o

Irgendwann schrieb ich etwas angetrunken ein Gedicht ins Gästebuch. 11825239_10207298146517764_7773955610997533850_n

Ich habe heute aber keinen Kater und vor allem auch keinen Muskelkater mehr. Ich fühle mich gut: ausgeruht und fit.

Ich recherchiere die Strecke zum CCCamp – diesmal mit Strava. Strava ist eine Empfehlung von Martin. Er nimmt die App zu Tracken und Planen von Touren. Sie greift zur Unterschützung auf die Nutzerdaten der anderen Radler zu. „Populäre Routen“ stehen einem so zur Verfügung. Alles wird besser mit Daten!

Ich finde einen Campingplatz unterwegs, unterhalb von Neustrelitz. Das sind dann allerdings 100 Km von Greifswald entfernt. Eine Herausforderung, aber die 100 Km wollte ich eh noch knacken. Warum nicht heute.

Ich wecke Leander und wir frühstücken belegte Brote. Ich würde gerne noch etwas länger rumsocializen, aber ich habe Hummeln im Hintern. Ich will los. Gegen 9 fahr ich vom Hof. Danke für die Gastfreundschaft!

Als ich so fahre, merke ich, dass der Hinterreifen unrund läuft. Oh nein, was ist denn nun schon wieder? Ich steige ab und sehe eine Wölbung an einer Stelle des Mantels. Hmm, keine Ahnung was das ist. Wird sich sicher noch einfahren.

Ich irre durch die Stadt und suche den Ausgang. Strava kann zwar Routen planen, hat aber keine aktive Navigation. Naja, geht schon mit etwas rumverfransen.

Das Unrunde laufen des Hinterrades wird derweil zum Schleifen. Och nöö. Ich steige ab. Die Wölbung ist tatsächlich größer geworden. Wohl nicht richtig draufgezogen, der Reifen.

Per Google Maps finde ich einen Fahrradladen, gleich 100 Meter weiter. Ich schiebe mein Rad hin und zeige das Problem. Ich müsse die Luft noch mal ablassen und neu aufpumpen wird mir empfohlen. Sie geben mir eine Luftpumpe. Nachdem ich getan wie sagten, ist das Problem wieder da. Wir schauen genauer.

Ah, ich hatte das Ventil zu sehr rausgezogen. Das dürfe man nicht machen, sagt man mir. Das soll ganz locker sitzen und sich nur durch den aufgepumpten Schlauch von allein rausdrücken. Wieder was gelernt.

Mit rundem Rad fahr ich weiter, raus aus Greifswald. Jetzt ist alles ok. Das Wetter ist bedeckt, leicht windig. Ideal. Das einzige Manko. Meine Achilles-Sehne schmerzt etwas beim treten. Wahrscheinlich eine leichte Entzündung. Kann ich auf dem Camp auskurieren, denke ich.

Ich fahre immer weiter gen Süden. Die Strecke ist unspektakulär. Sie geht vor allem auf großen Straßen entlang, Autos und LKWs fahren ständig an mit vorbei. Das nervt etwas, aber dafür komme ich auf dem Asphalt schnell voran.

Kaum, dass ich mich versehe, habe ich 41 Km gemacht. In unter zwei Stunden. Krass. So easy war das noch nie. Bis auf die Schmerzen. Die werden aber auch nicht schlimmer. Immerhin. Ich esse einen Erdbeerkuchen, trinke einen Kaffee und fülle mein Wasser nach.

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Martin hat mir beigebracht, immer das Wasser immer mit einer Sprudeltablette isoton zu machen. Ich wusste zwar, dass das irgendwie gut ist beim Sport machen, aber Martin insistierte, dass es unabdingbar wäre. Man verliere ja schließlich im gleichen Maße Satz, wie man Wasser ausschwitze. Das sehe ich ein.

Kaum, dass ich mich versehe, bin ich in Neubrandenburg. Ein Ort von dem ich vorher noch nie gehört habe. Um so erstaunter bin ich, als ich merke, dass das eine richtige Stadt ist. So richtig mit McDonalds und Banken und so.

Hier mache ich meine nächste Pause. Es ist mittag und ich ziehe mir zwei der Energieriegel rein, die ich Martin abgekauft habe. Außerdem geh ich zu McDonalds. Will Cheeseburger holen. Ich stelle mich vor eine neu aufgemachte Kasse, merke aber, dass eine Frau aus der anderen Schlange auch vor die Kasse huschen wollte. Ich überlasse ihr das Feld. Ich bin ja nicht so. Dann stellt sich ihr Typ mit dazu. Direkt vor mich. Er trägt Thor Steinar und hat eine Glatze. Ich ärger mich über mich selbst.

Wieder unterwegs kommt mir das erste Mal der Gedanke, den Flow auszunutzen und zu versuchen, einfach bis zum CCCamp durchzufahren. Ich halte an und passe die Stravastrecke entsprechend an. Okay …

Die Sehne schmerzt immer dann am dollsten, wenn ich nach eine Pause wieder anfahre. Dann wird der Schmerz wieder weniger. Ich bin gespannt, wie es mir damit morgen geht …

Ich bin immer noch schnell und gut unterwegs, aber die Pausenintervalle werden kleiner. Nach nur weiteren 25 Km mache ich Rast bei Neustrelitz. 100 Km habe ich da auf der Uhr. Das Netz ist schlecht.

Ab Km 100 beginnt es, anstrengend zu werden. Dafür wird die Strecke schöner. Abseits der großen Straßen geht es durch die Mecklinburger Seenplatte und die Uckermark, hier und da sogar durch den Wald. Dafür habe ich die ganze Zeit fast nie Netz.

So langsam merke ich die Km. Aber mit dem elektrolytigen Wasser und den Energieriegeln, die ich mir in einer Tour reinschiebe, ist scheinbar alles machbar.

Es geht jetzt teils über abenteuerliche Feldwege, quer durch den Wald und über anstrengende Sandwege und unbefestigten Straßen. Ich fahre durch allerlei Dörfer am Arsch der Heide, doch die Landschaft ist schön.

Meine Muskeln brennen. Außerdem geht mir langsam das Wasser aus. Ich habe heute zwei mal geholt. Das heißt insgesamt 8 Liter müssen durch meinen Körper diffundiert worden sein.

Bei Km 140 esse ich den letzten Energieriegel, den ich habe und fülle das letzte Wasser in die Trinkflasche. Es sind nur noch ca. 10 km. Das war knapp kalkuliert.

Um kurz vor 18:00 komme ich auf dem Gelände des Ziegeleiparks an. Ich blicke über ein Meer von Nerdzelten. Ich bin da. Meine Tour ist vorbei.

Statistik: Ich habe jetzt tatsächlich 22 Km/h Durchschnittsgeschwindigkeit über den ganzen Tag gehalten. Die ganzen 149,3 Km lang.

Insgesamt bin ich ca. 650 Km in 8 Tagen gefahren. Ich habe viel gelernt, habe viel gesehen und bin jetzt um einiges fitter als am ersten Tag.

Als ich aufs Gelände fahre, hole ich mir ein Bändchen und laufe sofort Bekannten übern weg. Ich baue mein Zelt im OpenDataCity-Village auf und begrüße Leute. Dann, als erste Maßnahme geht es ab, springe ich in den Teich. Selten hat Wasser so gut getan.

Ich halte den Abend über meine konstante Wasserzufuhr aufrecht, auch immer mit den Elektrolyte-tabletten. Da ist auch Magnesium dabei. Ich will keine Krämpfe kriegen heute nacht.

Dann mache ich mir ein weiteres Mal mit dem Kocher mein Spezial-Reis-Rezept. Ich brauche immer noch massig Kohlenhydrate.

Nun nur noch das Zelt von Gregor Sedlag aufbauen. Es wurde ihm per Karavan hergebracht, er selbst kommt aber erst morgen.

Jetzt sitz ich Village, mit dem Rechner auf den Schoß und verblogge das vorzeitige Ende meiner Ostseetour. Es war einer meiner tollsten Urlaube, ein großartiges Abendteuer.

Wahrscheinlich gehe ich heute früh ins Bett.

Danke für die Aufmerksamkeit, liebe Leser. Es war mir ein großes Vergnügen. Die Show ist jetzt vorbei, ihr könnt alle nach hause gehen. Oder aufs Camp. Aber wenn, dann sagt hallo.


5 Gedanken zu “Reisetagebuch 8 – Vorzeitiges Ende

  1. Was für Elektrolyt-Tabletten sind denn das genau? Sind die einzeln verpackt oder geht das auch so?

  2. Elektrolyt-Tabletten sind sehr sinnvoll. Habe ich bei meiner Alpen-Überquerung auch eingesetzt.

  3. Vielen Dank für deine interessantes und inspirierendes Reisetagebuch. Ich hab es sehr gerne gelesen. Spannend war es für mich auch, weil du mehrere mir sehr bekannte Orte abgefahren bist.

  4. Achillessehne ist ne Zicke. Kenn das vom Laufen. Am besten erstmal schonen und kühlen, und wenn schmerzfrei mal dehnen.
    Ansonsten hat mich das alles an meine Rennradtour ca. 1994 erinnert: Von Hannover nach Hitzacker an die Müritz und später nach Rügen. Tolle Zeit das.

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