Reisetagebuch 4 Fortsetzung

Tag 4 / Fortsetzung:

Was für ein krasser Tag!

Also kurz, nachdem ich die letzten Zeilen schrieb, hat es aufgehört zu regnen. Ich also Zelt abbauen, Sachen packen und dabei möglichst wenig Sand mitnehmen. Es ist brüllend schwül. Ich schwitze und fluche. Dann ist alles zusammen, alles verstaut und es kann losgehen.

Mein Hunger treibt mich aber zunächst Richtung Timmendorf. Dort bei einem kleinen Imbiss bestell ich mir Matjesfilet mit Bratkartoffeln. (Ja, ich stehe auf Matjes. Außerdem ist es voll super, wenn man Sport macht. Denkt an die Elektrolyte!) Dazu mach ich natürlich erstmal meine Wasservorräte voll. (Auch so ein Ritual, dass mir in Fleisch und Blut übergegangen ist.)

Ich also runter von Poel, immer der App nach. Blöder weise habe ich gestern die App nicht mit „Pause“ beendet sondern habe mich vertouched (hihi) und bin auf „Ende“ gekommen. Nun ist mein Tracking weg. Also musste ich ein neues starten.

Die Neue Route geht aber davon aus, dass ich zunächst einmal erst wieder nach Wismar will. Also radle ich und radle ich und bemerke erst den Fehler als ich schon über 5 Km in die falsche Richtung unterwegs bin. Als ich den Fehler bemerke, ärgere ich mich gleich doppelt. Nicht nur habe ich 10 Km umsonst zurückgelegt, nein. Der großen, grauen Gewitterfront, die da von Westen auf mich zurollt, hätte ich leichter hinter mich lassen können.

Ich also wieder Richtung Norden. Bis ich meinen Weg wiedergefunden habe, ist die Front bereits so nah, dass ich die Striemen am Horizont sehen kann, die Regen versprechen. Ein Blick auf Regenradar macht klar, dass ich Glück habe, aber mich durchaus sputen muss. Die Front verläuft nordwärts, aber drückt sich dabei auch immer weiter Richtung Osten – auf mich zu. Ich hingegen muss weiter Richtung Nord-Osten. Der Gewitterfront vorweg.

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Ich will nicht nass werden, also beschließe ich, mir mit der Gewitterfront ein Rennen bis nach Rostock zu geben. Ich steige in die Pedale und versuche Land zu gewinnen, während die graue Front sich links von mir immer weiter nähert.

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Ich radle also was das Zeug hält. So langsam nehme ich bei mir einen deutlichen Trainingseffekt wahr. Als ich die 30 Km zusammen habe, ohne größere Pause (ich muss alle Stunde mal die Wasservorräte umfüllen), merke ich das nur beiläufig. Selbst bei dem höhren Tempo. Zum Vergleich: bislang war ich die Tour mit 18 Km/h Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs. Jetzt bewege ich mich zwischen 21 und 22 Km/h.

Ich und die Gewitterfront bewegen uns fast perfekt parallel. Nur, dass sie ein bisschen schneller scheint. Bei Km 40 merke ich die ersten Ermüdungserscheinungen. Wie weit ist es eigentlich noch nach Rostock. Egal, wird schon nicht so weit sein. 50Km oder so.

Bei Km 50 ist Rostock nicht mal ausgeschildert. Dafür ist die Gewitterfront fast über mir. Ich spüre die ersten Tropfen. Mist. Ich muss schneller treten.

Bei Peplow dann die Wende. Meine Strecke geht direkter nach Osten weg. Das verschafft mir Luft. Langsam aber stetig radel ich mich frei. Der Himmel über mir klar sich auf. Ich versuche dennoch das Tempo zu halten. So langsam spüre ich meine Beine. Und mein Arsch. So ein Fahrradsattel ist nicht gerade das bequemste.

Bei Neubokow seh ich das erste mal die Unterzeile „Landkreis Rostock“ und freue mich. Kann ja nicht mehr allzu weit sein.

Dann geht es erstmal wieder nordwärts. Ich merke, wie die Gewitterfront wieder näher kommt. Oha, da ist sie. Direkt vor mir.
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Ich geb noch mehr Gas. Wieder die Tropfen. Bei Km 60 ist Rostock immer noch nicht ausgeschildert und die Gewitterfront ist ganz nah.

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Verdammt. Wie weit ist dieses verfluchte Rostock denn noch? Da ein Schild. Rostock 23 Km. Nooooooiiiiin!!

Ich radel immer noch wie wild. Die Tropfen werden weniger. Ich schwimme mich frei. Aber ich bin völlig am Ende. Über 60 Km ohne pause mit vollem Gepack, vollgas. Ich kann gleich nicht mehr. Das Gewitter immer noch im Nacken.

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10 Km vor Rostock wird klar. Ich hab es geschafft. Ich hab das Gewitter abgehängt.

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Aber zu was für einem Preis. Ich war die Tour noch nie so fertig. Völlig unterzuckert. 76 Km Vollgas. Ich will in Rostock sofort eine riesige Portion – irgendwas Deftiges essen. Das mache ich dann auch. So als Siegerehrung.

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(Ich schaffe es natürlich nicht, diese Riesenhaxe aufzuessen.)

Nach dem Essen gehe ich erstmal zu Netto einkaufen, Vorräte auffüllen. Ich schau mich etwas in Rostock um. Es ist hübsch.

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Aber ich muss weiter. Ich muss noch einen Platz zum Zelten finden, außerhalb von Rostock. Die App führt mich weiter auf meiner Route, durch wunderliche Grünanlagen am Rande von Rostock. Es ist schön. Und wie als Anerkennung zwischen zwei Sportler schenkt mir der Himmel ein wunderschönes Bild.

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Es ist bereits kurz vor 8 und ich bin unter Zeitdruck. (Mal wieder). Wenn ich vor 9 mein Zelt nicht aufgebaut habe, killen mich die Mücken und im dunkeln aufbauen ist eh doof.

Die App führt mich direkt in den Hafen. Finde ich nett. Ich mag diese riesigen Industrieanlangen. Aber dennoch merkwürdig. Wo soll es denn hier hingehen?

Nach einigen Km im Hafengelände komme ich an ein Tor mit polnischer Aufschrift. Die App sagt: weiter geradeaus. Ich sage: ich glaube nicht.

Ich drehe um. „Route wird angebasst.“. Und „Bitte jetzt umkehren“. Ich sage: „Fick dich! Deinetwegen hab ich mich verfranzt“. Ich muss tatsächlich den ganzen Weg zurück. Ich fahre wieder zurück zu dem Grünstreifen. Hier war nett.

Ich schlage mein Notunterkunftszelt auf. Mitten in der Wallachei, hinter einem Busch am Feld. Ich tarne das Zelt mit ein paar abgerissenen Zweigen. Muss reichen.


Ein Gedanke zu “Reisetagebuch 4 Fortsetzung

  1. @mspr0: Bis hierher gern gelesen 🙂 Sehr parataktisch, das Ganze (also stilistisch jetzt), dennoch erstaunlicherweise nicht langweilig, wie ich als zwanghafter Hypotaktiker neidlos eingestehen muss. – War heut auch fahrradmäßig unterwegs, völlig untrainiert. Es ist halt doch schön, wenn der Schmerz nachlässt 😉 Keep up your good spirits!

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