Politik aus Sicht eines Technikdeterministen

Es hat etwas gedauert, aber dann hatte ich ja und so und außerdem war ja alles wieder und…

Natürlich wollte ich über Wikileaks schreiben. Hab ich letzte Woche auch gemacht, ist aber gestern erst erschienen: bei Zeit.de so allgemein.

Und auf CTRL-Verlust über den Bezug zur Queryöffentlichkeit und warum das, was Wikileaks macht, heute nicht wirklich ein aufklärerisches Projekt sein kann.

Und dabei fällt mir ein, dass ich ein „fröhlicher Technikdeterminist“ bin. Ja, ich glaube, dass die Informationstechnologien unser Miteinander, unsere Institutionen, unser Weltbild und unsere politischen Handlungsräume maßgeblich bestimmen. Mehr dazu gleich.

Und dann war ich das Wochenende auf der Konferenz/Barcamp-Chose der SPD. Ich war bei den Grünen ja auch, so dachte ich mir, also der Fairness halber. Bei der SPD kenn ich bereits einige der netzpolitischen Akteure und kann nur sagen: ganz tolle, nette und ausgezeichnete Menschen. Auch kompetent. Wirklich. Keine Frage.

Aber diese Ideologie … Jedenfalls Björn Böhning – der hat auf dem Podium sinngemäß folgendes gesagt: Die Technik/das Internet müsse dem Menschen dienlich sein. Die Politik habe die Aufgabe dafür zu sorgen. Man müsse das Internet also „gestalten“. Alle klatschen. (Dazu sei gesagt: Björn war der glaubhafteste Kämpfer in der SPD gegen die Netzsperren und hat auch sonst immer durchdachte netzpolitische Positionen)

Klar, ist ja auch erstmal richtig. Politik ist dafür da, zu gestalten. Da kommt also sowas neues in’s Haus wie das Internet, dann muss man das jetzt wohl auch getalten. Der Politiker ist eben ein Gestalter und gestaltet alles, was ihm so in Finger kommt, denn alles andere würde ja seine Legitimität untergraben. Deswegen ist das auch nicht nur ein Problem der SPD, sondern man sieht es ebenso bei den Grünen und bei allen anderen. Es ist quasi eine Politikerkrankheit.

Das Internet aber ist erstmal etwas, dass jeden mit jedem kommunikativ vernetzen kann. (Hackr hat das sehr schön anhand der Systemtheorie erklärt). Das heißt also: Das Internet ist etwas, das (potentiell) ungefilterte, direkte Kommunikation aller Akteure untereinander ermöglicht. Mit anderen Worten: Es gibt keinen Gestaltungsspielraum, die Konnektivität des Internets zu erhöhen, aber viel Gestaltungsspielraum diesen einzuschränken. (Ich nehme hier mal bewusst den politischen Kampf für Netzneutralität heraus, weil es eher ein Kampf gegen die „Gestaltung“ des Internets durch gewisse wirtschaftlichen Akteure ist.)

Folgerichtig ist die Netzpolitik der letzten Jahre (und vermutlich auch in Zukunft) ein Kampf gegen Netzpolitik der etablierten Parteien. Denn deren „Gestaltungs“spielraum beläuft sich zum Großteil auf Regulierung und damit auf Einengung der Konnektivität.

Als Technikdeterminist lehne ich also größtenteils ab, das Internet politisch gestalten zu wollen. Ganz im Gegenteil! Ich sehe die Aufgabe der Politik der nächsten Jahre, sich vom Netz gestalten zu lassen!

Aber dafür muss ich meinen Technikdeterminismus anhand eines pseudowissenschaftlichen Historismus noch etwas erläutern:

Jede Handlung ist durch das Setting seiner kommunikationstechnischen Möglichkeiten begrenzt und somit ist es auch die mögliche politische Organisationsform von Menschen. Vor der Schrift war der Agora/der Markplatz der Ort der Politik und konnte sich bestenfalls auf Stadtstaaten beziehen. Mit der Schrift konnten immerhin dezentral Fürstentümer entstehen, die mithilfe des Briefverkehrs einander Schnittstellen boten. Mit dem Buchdruck – also den Massenmedien – wurde das erste Mal so etwas wie ein flächiges, regierbares Staatsgebiet möglich und mit der Alphabetisierung konnte man anfangen von der Demokratie zu träumen. Die repräsentative Demokratie ist somit die evolutionär bestmögliche Staatsform innerhalb der Beschränkungen der heutigen Massenmedien – also auch deren Endpunkt. Denn heute haben wir das Internet und einige merken bereits, wie sehr es nach einer neuen Organisationsform für das Politische schreit.

Ich weiß auch nicht, was uns das Internet für neue Organisationsformen noch bescheren wird. Liquid Democracy ist ein frühes Experiment und sicherlich nicht das letzte. Wir stehen hier selbstredend gerade erst am Anfang. Wichtig ist aber, zu verstehen, dass wir nicht das Internet an unsere Welt, sondern die Welt an das Internet anpassen müssen. Das wird den Politikern nicht passen, denn vermutlich werden sie – wie nach und nach alle institutionalisierten „Vermittler“ – durch das Internet wegrationalisiert werden.


39 Gedanken zu “Politik aus Sicht eines Technikdeterministen

  1. Das mag sein. Dann ist die heutige Aufgabe der Politik – um es genauer zu formulieren – das Herbeiführen der besten technisch möglichen Organisationsform ihrer selbst.

  2. „Als Technikdeterminist lehne ich also größtenteils ab, das Internet politisch gestalten zu wollen.“

    Es ist interessant, wie Dein Ruf nach Plattformregulierung an anderer Stelle mit dem Rest Deiner Texte und Aussagen nicht zusammenpasst. (Das ‚größtenteils‘ müsstest Du eigentlich streichen. Oder anfügen: oberhalb und unterhalb des Plattformlayers.)

  3. Im letzten Absatz hört es sich fast so an, als ob du die Begriffe „Welt“ und „Internet“ als disjunkt betrachtest.
    Ich sehe das genau anders herum: Das Bisherige und das Internet verschmelzen immer mehr, die Technologie hält immer mehr Einzug in alle Bereiche.

  4. Marcel, ach je. Soll ich dir das noch mal erklären? Plattformneutralität ist – wie Netzneutralität auch – eben keine Regulierung oder Gestaltung in klassischen Sinne, sondern eine Festschreibung der Nichtregulierung.

  5. @mspro Netter Rhetoriktrick. Aktuell gibt es kein Eingriff von außen auf die Ausgestaltung von Plattformen wie Facebook und Twitter. Du forderst eine Gleichschaltung der Plattformen – Plattformneutralität -, also eine Regelung die von außen, von der Regierung, kommt, und bezeichnest diese Regulierung als Nichtregulierung.
    Auch eine gesetzlich festgeschriebene Netzneutralität wäre eine Regulierung, weil sie eine Einschränkung des Handlungsspielraums einiger Akteure bedeutet. Das muss per se nichts Schlechtes sein.

    Ich habe nur auf die Inkonsistenz Deiner Aussagen hingewiesen. 🙂

  6. Mir ist egal, ob eine Regulierung von innen oder außen kommt. Ich lehne Regulierung von Informationsströmen ab.

  7. sofern es allgemeine Spamfilter sind, ja. Ich habe nichts gegen – sondern bin sehr (nein extrem, fanatisch) für – persönliche Filterung.

  8. Eigenwillige Definition von Regulierung. Das heißt, du machst das subjektabhängig? Es ist Regulierung, wenn es die Endnutzer trifft und es ist nie Regulierung, wenn es Anbieter trifft und die ‚Regulierung‘ der Endnutzer ‚aufhebt‘?

    „Ich lehne Regulierung von Informationsströmen ab.“

    Hast Du nicht neulich geschrieben, dass Du hier Troll-Kommentare löschst? Wie passt das denn zusammen? Nimmst du dir selbst raus, was du Facebook, Twitter und co. verbieten willst?

  9. Schöner Text. Der letzte Satz „Das wird den Politikern nicht passen, denn vermutlich werden sie – wie nach und nach alle institutionalisierten “Vermittler” – durch das Internet wegrationalisiert werden.“ wäre nochmal einen eigenen Text wert.

    1. ist „wegrationalisiert werden“ in dem Fall ja nicht nur eine technische Ersatzlösung, sondern die alten Vermittler treffen auf neue, offenere, besser ausgestattete Enabler.

    2. Und das Problem extrem verschärfend: Man schaue sich die „ITK“-Ausstattung und die Arbeitsprozesse von Abgeordneten und Parlamentsverwaltungen des Bundestages und der Länderparlamente an, von der kommunalen Ebene wollen wir gar nicht erst reden – das haben wir einen so krassen GAP in der Netz- und moderne Technologienutzung wie zwischen 1. und 3. Weltstaaten. Und ich habe keine Idee, wie man das aufholen kann. Mangelhafte Ausstattung, falsche IT-Leitlinien, mangelnde Medienkompetenz holt man nicht mal eben auf. Das bekommen ja die paar Menschen im politischen Raum sehr deutlich mit, die Versuchen, mit gutem Beispiel voran zu gehen.

  10. marcel, den ersten Teil deines Kommentars habe ich kognitiv nicht erfassen können.

    Zum zweiten Teil:

    Die Probleme damit – vor allem was die Definition von Plattform etc. angeht, habe ich in dem entsprechenden Posting vollumfänglich dargelegt. http://mspr0.de/?p=1853 Ich weiß nicht, was du darüberhinaus jetzt von mir wissen willst. Vielleicht solltest du die Frage klarer stellen.

  11. Seb – mein technikutopismus zum trotz: ja, da sehe ich schlimme Probleme auf uns zurollen. Die Ungleichzeitigkeit einerseits der Politik die neuen Werkzeuge übergangsmäßig zu integrieren und andererseits der Legitimitätsschwund, der repräsentativen Demokratie, den wir jetzt bereits beobachten können, wird vermutlich bald zum Clash führen. Ungleichzeitigkeiten sind immer holprig. Hoffen wir das beste.

  12. Ich wollte nur ausdrücken, dass Dein Ruf nach Plattformregulierung Deinem Postulieren des unaufhaltsamen Kontrollverlusts diametral entgegen steht.
    Wenn ersteres in der von Dir vorgestellten Art notwendig ist, ist zweiteres nicht der unaufhaltsame Prozess, für den Du ihn (mMn größtenteils zu recht) hinstellst.
    Ausführlicher gern an anderer Stelle.

  13. Marcel, nein. Ich bin für die Nichtregulierung von Information – nicht weil sonst der Kontrollverlust gestoppt würde (das wird er nicht) – sondern weil sonst neue Machtungleichgewichte entstehen und vor allem alte erhalten bleiben. Nicht für immer, aber lange genug, um ordentlich Schaden anzurichten. Das habe ich übrigens immer geschrieben. Zuletzt gestern bei CTRL-Verlust:

    Der Kontrollverlust – ich wiederhole mich – ist nicht rückgängig zu machen und jetzt könnte ich sagen, dass man höchstens das Internet abschalten könnte, aber selbst daran glaube ich nicht.

    Was solche Einschränkungen der Filtersouveränität höchstens produzieren (oder eher: reproduzieren) sind Machtverhältnisse. Wir sehen heute besser denn je, wie diejenigen mit Macht jede beliebige Informationskontrollnorm heranziehen, um ihre Position verteidigen. Das wird natürlich nicht dazu führen, dass sie langfristig die Sieger bleiben werden, aber es wird dafür sorgen, dass sie uns die nächsten X-Jahre drangsalieren, Innovationen verhindern und Transparenz blockieren werden und zu diesem Zweck teils totalitäre Züge annehmen werden müssen, um ihre überkommenen Vorstellungen mit der Brechstange durchsetzen. Das wird kein Spaß.

    Das selbe gilt für innere Informationsflussregulierung von Plattformen wie Facebook etc. Es ist völlig egal, ob Staat oder Unternehmen regulieren wollen. An Paypal und Mastercard kann man das gut beobachten. Was dem einen seine Zensursula, ist dem anderen die AGB. Plattformneutralität versucht die Nichtregulierung allgemein zu erfassen.

  14. Marcel, wenn wir schon über nette rhetorische Tricks reden wollen: Gleichschaltung ist ganz vorne mit dabei!

    Das Argument, dass Netzneutralität den Handlungsspielraum einiger Akteure einschränkt, ist weitgehend wertlos, besteht die Einschränkung schlicht darin, dass die Eingeschränkten anderen keine Einschränkungen mehr aufzwingen dürfen. Pragmatische Ansätze dieser Art, etwa die GPL, zeigen, dass gerade im technischen Bereich eine derartige Einschränkung der Möglichkeit zur Einschränkung ein recht tragfähiges Prinzip ist.

    Oder, um mal über das Ziel hinauszuschießen: Mit einem genügend radikalliberalen Ansatz könnte man sicher auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit ablehnen.

  15. @mspro, du zeichnest (oder hast vielleicht) ein etwas zu naives Bild der Politik, gewissermaßen als „Die dort, die nur Finsteres im Sinn, aber eigentlich keine Ahnung haben“. Politik ist das Spiel der Macht, um deren Ausübung und Vermehrung. Jeder, der mitspielt, wird zum Politiker. Also auch Du, ob du es nun so siehst oder nicht. Man kann lediglich zwischen Berufs-, Interessen-, Laien- oder Stammtischpolitik unterscheiden. Die Spielregeln haben sich jetzt durch das Internet erweitert, durch den schnellen und freien Informationsaustausch und die Möglichkeit der Teilhabe, die plötzlich jedermann offen steht. Die älteren Mitspieler versuchen jedoch, die neuen Spielregeln zurückzumanipulieren. Dabei sind diese noch in einer (übrigens ständigen) Entwicklung begriffen. Dass ein exklusiver Teil der Mitspieler meint bzw. danach trachtet, diese nach seinem Gusto „gestalten“ zu können, erscheint von dieser Warte aus gesehen besonders absurd. Vielleicht hilft dieser Spin jedoch vielen anderen, sich besser in die neuen Gegebenheiten, die politischen Möglichkeiten hineinzudenken.

  16. MasterGoba – I strongly disagree. Aber ich finde den Kommentar interessant, weil er – ich sag mal – die herkömmliche Sichtweise auf den Politik/Netz Clash aufzeigt und mit meiner kontrastiert:

    Ich unterstelle, dass die Politiker aus dem Selbstveständnis und der Tradition ihres Standes heraus gar nicht anders können, als zu glauben, das Netz gestalten zu müssen. Viele Leute im Netz glauben aber wirklich, dass hier einfach die alten Akteure der Macht ihre Position verteidigen. Das mag bei einigen Politikern ein Teilaspekt sein, ist im großen und ganzen aber eine Verschwörungstheorie.

    Ich habe nun schon länger mit einigen dieser Politiker persönlich zu tun und kann nur sagen: nein, im Gegenteil: diese Verschwörungstheorie ist naiv.

  17. @mspro Ich verstehe, was Du meinst, wo ich Dich möglicherweise falsch verstanden habe:

    Zu oft zeigt sich, dass die Berufspolitiker (wir sprechen mal nur von denen in Deutschland) gar nicht mal faul sind, sonder eher das Gegenteil. Sie suchen sich immer neue Aufgaben, sehen ihre Daseinsberechtigung sonst in Gefahr. Nicht umsonst spricht man ja alle Jahre wieder vom gefürchteten „Sommerloch“. Dann haben Schnellschüsse wie jener von Axel E. Hochkonjunktur. Leider muss man ständig achtgeben, dass unsere Volksvertreter ihre ungaren Gedankengänge nicht mal eben schnell mit Paragraphen durchnummerieren.

    Und trotzdem – ich bleibe dabei: es ist das Spiel um Macht, das Spielgeld ist die Erfüllung von Interessen. Man kann es gewinnen, oder aber auch verlieren. Wenn man nicht aufpasst.

  18. Was classless – ganz oben – sagt (für mich: Andrew Pickerings Bild der Materialität als „Mangel“ (im Sinne einer Wäschemangel), die mit beeinflusst, was am Schluss rauskommt, aber eben nicht determiniert – und das ganze in immerwährenden Spiralen gedacht).

    Und überhaupt: wärst du ein richtiger Technikdeterminist, müsstest du dir über das Netz keine Sorgen machen dürfen, weil es ja dann – zu Ende gedacht – politisch gar nicht regulierbar wäre, bzw. jeder (soziale) Regulationsversuch letztlich der deterministischen Wirkung der Technik (Logik des Internet setzt sich am Ende durch) weichen müsste. Ist aber nicht so, oder?

  19. ((Nachtrag, um das Bild klarer zu machen: Materialität ist ein Teil der Pickeringschen Wäschemangel, das Soziale der andere))

  20. Till. Doch, genau das glaube ich. Die Regulierungsversuche werden langfristig scheitern und nur die Menschen drumrum unnötig Schwierigkeiten bereiten. Siehe meinen Disput mirt Marcel Weiß in diesem Thread weiter oben.

  21. Genau an dem Punkt finde ich mein – oben etwas hingekritzeltes Argument – aber doch treffend: wenn du davon ausgehst, dass es (mittelfristig) nicht möglich ist, das Internet so zu regulieren, dass es wider der von dir angenommenen in der Technik steckenden Möglichkeiten funktioniert, dann müsstest du – wenn du diesen Glauben ernst nimmst – eigentlich jede Form von Netzpolitik (auch sowas wie Kritik am JMSTV) ablehnen, und dich zurücklehnend an der derzeitigen „Verelendungsstufe“ vor dem Netzkommunismus ergötzen. Oder?

  22. Das ist doch Quatsch. Der Kontrollverlust – und das Internet – ist doch kein Selbstzweck. Nur weil das Internet langfristig nicht zu regulieren ist, heißt es nicht, dass der Versuch es zu regulieren nicht Schaden anrichten würde. Bei den Menschen, bei der Demokratie und so weiter. Nein, um das Internet mach ich mir keine Sorgen. Wenn ich für Netzpolitik argumentiere dann tu ich das für die Menschen.

  23. (Oder, um meine Position etwas klarer zu machen: ich glaube schon, dass Materialität dazu beiträgt, bestimmte Handlungsoptionen zu ermöglichen oder einzugrenzen. Nur wer Hochhäuser/Flugzeuge/Heißluftballons baut oder auf Berge steigt, kann auch von ganz oben runterschauen – ohne diese Materialität ist diese Möglichkeit nicht gegeben. Diese Erweiterung des Möglichkeitsraums ist aber nicht zwingend (wer Hochhäuser … hat, kann auch zwanghaft versuchen, bloß nicht runterzuschauen), und vor allem ist sie in ihrer Überführung in soziale und kulturelle Praktiken gestaltbar – und wird auch dort erst auf Dauer gestellt, und dann wiederum in technischer Weiterentwicklung verankert. Die Grenze zwischen „harter“ Materialität und „weicher“ sozio-kultureller Gestaltbarkeit wird da besonders unscharf, wo es um Software und ähnliche Techniken geht: wer ein Internet hat, kann daraus relativ leicht – sowohl auf der Seite der sozialen Nutzungspraktiken als auch auf der Seite der technischen Weiterentwicklung – ein großes Warenhaus machen. Oder ein zentralisiertes, gefiltertes Propagandasystem. Sowohl den Glasfaserkabeln als auch dem TCP/IP-Protokoll ist das erstmal egal.)

  24. Oder, als vorerst letzter Kommentar und als Versuch, zur weiteren Klärung beizutragen:

    Erstens finde ich es seltsam, dass du ernsthaft eine technikdeterministische Position vertreten willst, dann aber zwischen den Wirkungen der Technik einerseits und Demokratie, den Menschen, … andererseits trennst. Das erscheint mir willkürlich (und ignoriert, dass Demokratie auch bloß eine (Handlungs-/Verfahrens-)technik ist. Warum genau da die Grenze ziehen – und nicht (so würde ich es sehen) die Regulation als Teil der Technik begreifen?

    Zweitens glaube ich, dass du nicht genau genug sagst, von was für einer Technik du eigentlich redest. Was genau macht „das Internet“ als Technik aus, dass da eine neue politische Organisationsform usw. erforderlich erscheinen, um mit gewachsenen – technikdeterminierten – Möglichkeitsräumen klar zu kommen? Welche Teile von „das Internet“ (bzw. oben noch allgemeiner: „die Informationstechnologien“) können wegfallen, um trotzdem noch diese Wirkung zu erzielen. Spielt sowas wie die Frage, wem die Server- und DNS-Infrastruktur gehört, eine Rolle? Spielt die Topologie der Vernetzung eine Rolle? Spielt das eingesetzte Protokoll eine Rolle? Spielt die Programmierbarkeit und prinzipielle Offenheit (hallo, iPad-walled-garden-Netz?) eine Rolle? ((Die selben Fragen ließen sich natürlich ebenso für die anderen angeführten Medientechniken stellen – was macht ein Massenmedium aus, und wie weit spielt die tatsächlich dahinter liegende Technik wirklich eine Rolle, oder geht es eher um bestimmte Formate, um bestimmte Machtstrukturen, um bestimmte Wissensbestände usw.?))

    Beides zusammen soll heißen: ich glaube, wirklich sinnvoll argumentieren lässt sich mit der von dir gewählten Metapher des Technikdeterminismus in der Netzpolitik erst, wenn du dir überlegst, was du a. unter Technik verstehst (slippery slope ins schwarze Loch), und wenn du b. sehr viel genauer definierst, welches Wirkungselement von „die Informationstechnologie“ die von dir vermuteten deterministischen Folgen zeitigen wird.

  25. Ich würde meine Position ungern „materialistisch“ nennen, weil ich auch das Internet nicht materialistisch nennen würde. Klar, stimmt es, dass wir alle jetzt irgendwie die „Produktionsmittel“ der Medien ownen – in einem nahezu marxistischen Sinn, aber ist nicht der springende Punkt.

    Kommunikationstechniken greifen viel tiefer in dien Welt und die Gesellschaft ein, als Steine, Hochhäuser oder Flugzeuge. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass diese Dinge nur in soweit einen nennenswerten Impact auf die Gesellschaft haben, wie man sie selbst als Kommunikationstechnologie versteht. (Zumindest bei Hochhäusern und Flugzeugen kann man das schön begründen)

  26. Kurz nachgefragt: was genau sind für dich Kommunikationstechniken – und wie sicher ist es, dass „das Internet“ in jedem Fall eine Kommunikationstechnologie darstellt (und nicht nur sowas wie Steine?)

  27. Habe ich mich auch schon gefragt – ein paar Medientheoretiker(innen?) gehen in die Richtung. Kittler z.B. Ob’s dafür einen Namen gibt?

  28. Ich gebe zu, dass mein Ansatz da etwas fahrig und noch theoretisch zu ununterfüttert ist. Zinächst folgende Erklärung: Gesellschaftsstruktur und Kultur und Politik sind Kommunikative Akte. Die Kommunikationstechnologien geben vor, welche Kommunikativen Akte welche Menschen mit wie viel Aufwand mit wie vielen Personen haben können. Das ist das, was ich oben „Konnektivität“ genannt habe. Habe ich als Infrasturktur also nur den öffentlichen Raum, st das was anderes, als wenn ich bereits mit Schrift Zeit und Raum weiter kommunikativ durchschreiten kann. Mit dem Buchdruck habe ich plötzlich zu viel geringere Kosten für Konnektivität mit vielen Menschen. Mit dem Internet habe ich das erste mal die technischen Grundlagen zur Kommunikation jeder mit jedem. Das sind die Rahmenbedinungen.

    Innerhalb der gegebenen Rahmenbedinungen spielen sich also die Gesellschaftswerdungsprozesse ab. Diese können durchaus vielgestaltig ablaufen, sind also nicht fest determiniert, aber durchaus nur innerhalb dieser Grenzen brauchbar. Eine repräsentative Demokratie auf einem Staatsgebiet wie Deutschland wäre noch vor dem Buchdruck nicht möglich gewesen. Innerhalb der Rahmenbedingungen gibt es aber evolutionäre Prozesse, als deren Endpunkt ich die repräsentative Demokratie im Rahmen der Massenmedien erachte. Siehe oben.

    Im Grunde geht es mit Luhmann um nichts weiter als Komplexitätsreduktion. Eine Gesellschaft evoluiert immer nur die Institutionen, die innerhalb der gegeben Rahmenbedingungen Komplexität am effektivsten reduzieren. Mit dem Buchdruck war eine höhere Masse an Menschen koordinierbar, also kam es zum Staat, später sogar zur Demokratie.

    Mit dem Internet – das ist die These – wird nun ein wahnsinniger Sprung beim Komplexitätsgrad an gesellschaftlicher Organisation möglich. So intim wie in der Marktplatz im Dorf, so weitreichend und beständig wie die Schrift und viel breitbandiger als die Massenmedien.

    Zum Kontrollverlust: Es sind im Grund drei Dinge, die ihn verursachen:

    1. Jeder kann Senden. Digitale Techniken werden jedes Jahr für mehr Leute erschwinglich. Internetzugänge verbreiten sich ebenso. Und schon ist zack – jeder ein Medienproduzent. Und Medien damit allgegenwärtig.
    2. Alles ist kopierbar. Das Internet ist eine Kopiermaschine. Man muss Aufwand treiben etwas nicht unmittelbar Weltöffentlich zu haben. Und immer öfter ist dieser Aufwand vergebens.
    3. Alle Operationen im Internet sind algorithmisierbar. Jede Ordnung, die ich bei der Speicherung anlege, kann ich genau so gut auch nachträglich anwenden. Das bedeutet – und das ist die eigentliche Herausforderung und der eigentliche Kontrollverlust – dass aus jeder Schicht des Internets ein neues Internet entstehen kann (und entsteht). Das Internet entwickelt sich vertikal fort. Und egal auf welchem Layer man ansetzt, es zu kontrollieren: Aus einer Lücke wird Hack und aus dem Hack ein neuer Layer.
    Das heißt aber auch, dass jede gegebene Ordnung nachträglich aus den Daten herausgelesen werden kann. Durch Echtzeitverknüpfung von Daten kann … ach, ich hab nicht schon wieder bock das alles hier aufzuschreiben. Lies einen von hunderttausend Texten, die ich dazu schrieb.

    Zu deinen Fragen:
    >Spielt sowas wie die Frage, wem die Server- und DNS-Infrastruktur gehört, eine Rolle?
    Nicht wirklich. (DNS ist im Grunde ja nur ein Usabilitylayer für übersetzung von IP-Adressen. Ließe sich leicht ersetzen, bzw, wird schon dran gearbeitet)

    >Spielt die Topologie der Vernetzung eine Rolle?
    Grundsätzlich ja. Ich weiß selber, dass es da bei der Physischen Infrastruktur zentrale Engpässe gibt. Aber ich mir sicher, dass diese schnell ersetzt würden, wenn sie in Gefahr wären.

    Spielt das eingesetzte Protokoll eine Rolle?
    Natürlich! Das Internet IST TCP/IP. Wenn ich von Internet spreche, dann meine ich natürlich das TCP/IP Protokoll, so wie jeder Informatiker, wenn er vom Internet redet. Davon abgesehen sind auch die Weiteren Layer von Bedeutung. Auch kann ich mir vorstellen, dass man ein alternatives Protokoll entwickelt, dass ähnlich oder besser funktioniert, sehe dafür aber keine Veranlassung.

    Spielt die Programmierbarkeit und prinzipielle Offenheit (hallo, iPad-walled-garden-Netz?) eine Rolle?
    Ja, natürlich. Und nein. Das alles macht kein Halt bei iPad. Apples Kampf gegen den Jailbreak wird auch weiterhin verloren bleiben. Jeder, der ein offenes System haben will, wird eines haben. Computer sind so.

  29. Ja, Kittler geht etwas die Richtung, aber lässt es bei der – ich nenns mal – erhfürchtigen Schockstarre vor der Apparatur. Ihn interessiert weniger die Technik als Kommunikationsmedium sondern als Kulturobjekt. Er ist halt kein Soziologe. Auf einer Veranstaltung hat er mal gesagt, ihn würde die vernetzung von Computern nur dann interessieren, wenn diese selbsttätig Daten austauschen. Internet, Web, etc. Das hat den alles nicht interessiert. Wichtig war ihm nur, dass es (egal was) in C geschrieben ist.

  30. Danke schon mal für die ausführliche Erläuterung!

    (BTW: Auch mit dem interneteuphorischen Technikdeterminismus erinnert mich das ganze ein bißchen an Castells‘ Sachen aus den späten 1990ern – die Netzwerkgesellschaft und so.)

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  32. Den „fröhlichen“ Technikdeterministen finde ich schon hübsch, allein wegen seiner Foucault-Referenz. Nur als Verweis aber: Determinismen auf beiden Seiten (Technik und Gesellschaft) gibt es mehr oder weniger stark schon seit 150 Jahren und die von euch geführte Debatte ebenfalls, leider. Und um Till mal in einer spezifischen Weise beizuspringen: für eine vernünftige Analyse des Zusammenhangs von Technologie und z.B. Regulierung sind Determinismen eher ungeeignet.

    Das wird an zwei Stellen deines Blogposts schon überdeutlich: Zum einen wird, wenn sich deinen Gegensatz Internet/Regulierung ansieht, recht deutlich, dass dein Regulierungsbegriff ziemlich konventionell erscheint. Er bezieht sich nämlich auf (national)staatliche Intervention durch Gesetzgebung. Das ist einerseits schwierig, denn gerade in kontemporären Gesellschaften scheint mir das nur ein besonders kleiner Teil der Regulierungspraxis zu sein und ignoriert alle Formen der Selbstregulierung ebenso wie alle Formen der Regulierung DURCH Technologie. Andererseits ist so ein Begriff wegen seiner negativen Seite schwierig: als wäre Nicht-Einmischung keine Regulierung oder als könne man sich nicht auch Einmischen, um zu De-Regulieren.

    Zum anderen wird aber vor allem am Ende deines Beitrags die Analyse brüchig: Medienformen – vor allem distinkte (Marktplatz/Schrift/Buchdruck/Netz) – kausal mit Staatsformen zu verbinden, ist leider wenig plausibel. Das hat einerseits damit zu tun, dass diese Kausalverbindung nur funktioniert, wenn man ein einziges, distinktes Merkmal der identifizierten Medien herausgreift und zum Organisationsprinzip erklärt. Das hat andererseits damit zu tun, dass historische Studien zu Medien (Eisenstadt, Gieseke, Burke, etc.) allesamt zeigen, wie komplex die Verwobenheit von technischer und (hier) politischer Entwicklung sind und wie viel Arbeit notwenig ist, um uns nachher davon zu überzeugen, dass es gar nicht anders hätte sein können.

  33. Wie gesagt: Determinismus trifft es nicht so. Eher die Annah,e von Rahmenbedingungen durch Kommunikationstechnologie, wobei Rahmen auch durchaus unüberschreitbarer Rahmen meint.

    Klar, fasst man den Regulierungsbegriff weit genug, dann wird die Grenze schwammig. Waren die Vorgaben der DARPA an die Universitäten bei der Entwicklung des DARPA-Net schon eine Regulierung? Aber mein Text, das dürfte auch rübergekommen sein, versuchte sich jetzt nicht als Wissenschaftliche Abhandlung zu verkaufen. Und ich denke schon, dass Du weißt, was ich meine.

    Um es vielleicht etwas präziser zu fassen: Mit Regulierung im Bezug auf das Internet meine ich jede irgendwie geartete Informationsflusskontrolle. Dazu gehören übrigens auch Vorschriften zur Impressumspflicht, Netzsperren, Datenschutz, Urheberrecht, der jmstv. Heraus nehme ich – oben auch explizit – Netzneutralität.

    Zu den Historischen Studien. Das ist natürlich interessant. Würde mich interessieren, ob den von mir oben skizzierten Zusammenhang jemand mal in einer ähnlichen Art wirklich untersucht hat. Wichtig wäre aber eben keine „historische“ Analyse allein, sondern mehr eine Komplexitätsüberlegung, wie oben skizziert. Ray Kurzweil hat mal die analogen Medien in ihrer Datenverarbeitungskapazität in den Kontext der neuen gestellt. Sowas müsste man mit der Konnektivität ebenfalls machen, dann würde man sehen, wie die Medientechnologien zu einer bestimmten Zeit überhaupt nur fähig waren Gesellschaft innerhalb einer bestimmten Komplexitätsgrenze zu organisieren.

    Dabei geht es nicht darum, dass alles hätte so kommen müssen, wie es kam, das nicht – nicht der starke Determinismus – aber durchaus, wie eine Flächendemokratie wie heute eben vor dem Buchdruck nicht möglich gewesen wäre. Wenn es eine solche Untersuchung gäbe, das würde mich interessieren.

  34. Klar weiss ich, was du meinst. Aber du nutzt für deine Argumentation einen Gegensatz von Narrativen (Gestaltung von Technologie, Gestalten lassen durch Technologie), die eine lange (akademische) Geschichte haben. Und es kann nicht schaden, die zu bedenken, wenn man darauf starke Thesen aufbaut.

    Im Übrigen teile ich einen Teil deiner Einschätzungen ganz klar: statt wie wild rechtlich zu regulieren und dabei Muster zu verfestigen, die zu ganz anderen Medienpraktiken mehr oder weniger gepasst haben, sollte man neugieriger sein, welche neuen Praktiken denn wirklich entstehen. Nur bin ich überzeugt, dass das besser geht, wenn man nicht schon vorher annimmt zu wissen, was eine bestimmte Technologie ausmacht (hier: TCP/IP = unbegrenzte, skalierbare Konnektivität), sondern sich davon überraschen zu lassen, welche Praxis sich tatsächlich einstellt.

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