Ein paar lose Gedanken zu Oslo

Als Osama bin Laden erschossen wurde, hatte ich das Gefühl, dass damit ein Aktendeckel zuging. Das erschien mir aber selbst etwas vorschnell und irgendwie auch nicht wirklich reflektiert, deswegen ließ ich es bleiben, darüber zu schreiben. Aber irgendwie fühlte es sich so an, als sei damit das Thema internationaler Terrorismus – und damit meine ich seine dominante, den Diskurs der Weltgesellschaft bestimmende Form – vorbei. Ich kann es nicht beschreiben, aber es war mir, als ob ein weiterer Anschlag irgendwie „unoriginell“, irgendwie unpassend, ineffektiv erscheinen würde.

Als nun Oslo passierte und die Spekulationen über einen möglichen islamistischen Hintergrund die Runde durch die Medien machte, dachte ich zuerst, dass diese Einschätzung vorschnell gewesen sei. Ja, ich gebe gerne zu, dass ich die Spekulation der Kommentatoren nicht so hinterfragt habe, wie ich es eigentlich müsste.

Aber andererseits wäre auf die tatsächlichen Hintergründe der Tat wohl keiner von uns gekommen. Es ist die komplette Antithese der westlichen Vorurteile. Und es ist wie in einem Film. Wie in „Seven“, wie Torsten Kleinz mir zurief. Wir erleben gerade eine völlig neue Dimension von Zeugenschaft. Als ob das alles für uns inszeniert worden ist. (Ist es ja auch.) Wir wissen binnen kurzer Zeit den Namen des Attentäters, seine Adresse schauen wir auf Google Streetview an und seine Bankkontoinformationen liegen uns offen. All das wurde innerhalb kürzester Zeit gecrowdsourced.

Und dann das Manifest. Ein so unglaubliches Dokument. Vollständig in englisch geschrieben, damit wir alle es im Original lesen können. Ein Text, der einen detaillierten Einblick in das Geisteswesen eines Mannes offenbart, den kein Drehbuchautor besser hätte entwerfen können. Wir lesen seinen Tagesablauf, wie er sich mit Freunden triff, wie er auf Partys diskutiert, seine Familie besucht und wie er neben dem heimlich an seinem Plan schraubt, viele unschuldige Menschen zu töten. 9 Jahre lang werkelte er im Geheimen. Wir bekommen seine Ideologie dargelegt und es ist so erschreckend, dass uns vieles sehr bekannt vorkommt. Das alles ist so verstörend nah, so lückenlos, so perfekt abgestimmt, so unglaublich real. Baudrillard würde sagen: Hyperreal. So real, dass man an seiner Realität beginnt zu zweifeln. (Was ich natürlich nicht wirklich tue)

Und dann die Gewissheit, dass das so vieles ändern wird. Wäre es tatsächlich ein islamistisches Attentat gewesen, wäre es schlimm gewesen. Die Rückkehr des Terrors. Aber so ist es mehr, ein Paradigmenwechsel. Nicht in der Art, wie der 11. September die Welt veränderte, sondern vielmehr so wie der Mord an Theo Van Gogh. Irgendwie stehen die beiden Taten in Korrespondenz zueinander.

Der Mord an Van Gogh hat die politische Debatte verschoben. Es war ebenfalls die Tat eine verrückten Einzeltäters, aber es führte dazu, dass eine ganze Gesellschaft ihre Haltung zur Toleranz vor allem dem Islam gegenüber überdachte. Sie führte auch zum Erstarken der Rechten in ganz Europa. Sie führte – oder verstärkte zumindest enorm – die Antiislamdebatte und die neue Rechte und sie führte somit eben auch zu Breivik.

Dabei weiß ich nicht, wie dieses Ereignis die Dabatte verändern wird. Reflexartig wendet man sich gegen die sogenannten „Islamkritiker“ und macht sie implizit mitverantwortlich für die Tat. Ich persönlich hatte schon einen Blogeintrag fertig, in dem ich die Debatte um die Islamfeindlichkeit hiermit für alle Zeiten für diskreditiert erklärte. Ich habe den Artikel, wie einige andere, doch nicht veröffentlicht. (In solchen Situationen ist es immer nicht schlecht ein paar Artikel erstmal für den Mülleimer zu produzieren.)

Aber begeht man damit nicht den selben Fehler wie nach dem Tod Theo Van Goghs? Wieso sollen wir – auch wir – Leute in Sippenhaft für die Tat eines Einzelnen nehmen? So wenig, wie ich Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin, Leon de Winter, Ralph Giordano und den vielen anderen in ihren verqueren Analysen Recht gebe; es ist unfair ihr Schaffen in diesen Zusammenhang zu stellen. Es ist das selbe, wie Friedrich Nietzsches Werk als Bauanleitung des Nationalsozialismus zu interpretieren, oder die Scharia für den 11. September verantwortlich zu zeichnen oder Killerspiele für die Taten eines Robert Steinhäusers. Wir haben das kritisiert – zu Recht!

Natürlich kann und soll man den rassistischen Antiislamdiskurs kritisieren. Und gerne jetzt noch um so heftiger. Aber ich warne davor, ihn nun in einer Art linkem Rollback als illegitim zu diskreditieren. Ich warne davor, monokausal auf den Diskurs und seine Akteure einzuschlagen. Am Ende nämlich werden wir damit nur die Meinungsfreiheit beschädigen und jene bestätigen, die schon immer raunen, dass man bestimmte Dinge ja in diesem Land nicht sagen dürfe.

Ist es nicht vielmehr Zeit, als Gesellschaft anzuerkennen, dass man sich nicht vor Verrückten schützen kann? Dass es nichts hilft, Diskurse zu verbieten, Weltanschauungen verantwortlich zu machen, Flugpassagiere ihre Schuhe ausziehen zu lassen und alles mit Kameras vollzustellen? Wir Menschen sind viele. Da sind immer ein, zwei durchgeknallte Exemplare dabei. Vor denen kann sich sich eine Gesellschaft nicht schützen.

Wenn wir ehrlich sind, werden wir niemals einen Mohammed Atta oder einen Breivik verhindern können. Denn ein Mohammed Atta oder einen Breivik wird immer etwas oder jemand anderes sein, als wir in dem Moment erwarten. Breivik war ein schwarzer Schwan. Es gibt nichts, was die Norweger hätten tun können. Wer was anderes behauptet, ist ein Terrorexperte – ein Experte für weiße Schwäne.

Wir werden damit leben müssen, dass die Welt kein sicherer Ort ist und es wäre klug sich einzugestehen, dass man bestimmte Dinge nicht verstehen kann.


London und die nächste Woche

Gerade schau ich mir London an. Ob ihr’s glaubt oder nicht: ich bin das erste mal hier. Es scheint sich besonders Mühe zu geben, allen seinen Clichés zu entsprechen, jedenfalls was Wetter und die Qualität des Essens entspricht. Ansonsten überrascht mich auch sonst recht wenig. Jedenfalls positiv.

Auf der Negativseite gibt’s allerdings ein paar Dinge:
1. Die Frauen tragen hier rücksichtslos und völlig unabhängig von ihrer Figur viel zu enge Kleidung. Alles quillt und spannt. Neben ihnen selbst leidet vor allem das ästhetische Empfinden ihrer Mitmenschen.
2. Es gibt zwar hier viele Späti-Kiosk-ähnliche Shops. DIE VERKAUFEN ABER KEIN BIER!!!
3. Mein mobiles Internet von T-Mobile, das ich mir hier geholt habe, ist zensiert. Unter anderem wir.muessenreden.de. Ein Jugendschutzfilter, der per default alles was er nicht kennt wegblockt. Die Briten haben sie doch nicht alle! (Man kann das irgendwie wegmachen, indem man irgendwelche ID zur Identifizierung irgendwo hinschickt, vermutlich nur für Engländer) Sowas macht mich echt wütend. Zensur ist etwas, das gar nicht geht. Ich spreche jedem Land ab, ein freies Land zu sein, dass das Internet zensiert. Aus welchen Gründen auch immer!

Aber eigentlich wollte ich noch ganz andere Dinge erzählen. Ich bin hier nämlich voll am orgarn dran. Irgendwie ist dieses Es ergeben sich Dinge„-Leben auch nicht immer so selbstbestimmt, denn die „Dinge“ halten sich ja auch nicht an Urlaubsplanung. Zum bespiel Geburtstage. Die kommen immer voll unerwartet hereingebrochen wie schwarze Schwäne.

So wie Dienstag da habe zum Beispiel ICH Geburtstag! Ich werde in der Trailer Lounge feiern. Ihr seid herzlich eingeladen, wenn ihr euer Fleisch selbst mitbringt. Platz und Grills wird’s wohl genug geben. So ab 16:00 wird nämlich gegrillt. Bier gibt’s an der Bar. Hoffentlich ist das Wetter gut.

Dann werden Max und ich Donnerstag, den 14. Juli (voraussichtlich) wohl wieder einen „Wir müssen reden“ machen. Völlig egal, ob man das in England hören kann oder nicht. So ca 21:00 könnte es wohl wieder einen Livestream geben.

Am Samstag den 16. Juli werde ich bei dradio.wissen morgens um 11:00 im c’t Online-Talk sitzen. Und zwar mit Don Dahlmann, Anne Roth und Jürgen Kuri moderiert. Es wird um Social Networks gehen: vermutlich aufgehangen an G+, aber auch Diaspora, Facebook etc. Ich freu mich vor allem auf die Sendung, weil ich endlich mal den von mir sehr geschätzten Jürgen Kuri persönlich kennen lerne.

Und gleich am Montag, den 18. Juli – ja, uff – um ca. 18:30 (wird bestimmt keinen Livestream geben) werde ich an der Uni-Tübingen einen Vortrag über den Kontrollverlust halten. Mein erster Reentry in den akademischen Diskurs, quasi. Das Seminar ist im Bereich Medienwissenschaften angesiedelt. Bin gespannt wie meine Thesen bei den Studenten ankommen. Danach werd ich mal nach Stuttgart rein, meine Schwester besuchen.

So, das werden die nächsten Tage. Nicht mit dabei die anderen nichtoffiziellen Termine. Ganz schön viel Holz und deswegen muss ich von hier jetzt so viele Mails hin und her schreiben. Aber morgen geht’s erstmal auf das 1234-Festival in Shoreditch. Bin gespannt. Kenne keine einzige Band.

PS: Was ich noch vergas. Ich bin eigentlich voll damit beschäftigt die Welt zu retten. Vor Außerirdischen nämlich. Die greifen in unterschiedlich starken Wellen an und wollen meine Cores klauen und ich muss mich mit Towern verteidigen. Ja, ich gebe es zu, ich bin voll addicted. In Defense Grid aus dem OSX-App-Store. Arrghh, das kostet so viel Zeit!


Und nochmal Archäologie

Ich war das Wochende bis Montag bei meinen Eltern. Mein Vater hatte Geburtstag und so war eine jener Gelegenheiten an denen „man sich blicken lässt“. Aber diesmal hatte ich mir selbst noch einen Auftrag erteilt: Archäologie.

Es ist wirklich viele Jahre her, vermutlich mehr als zehn, dass ich einen Blick in die Fotoalben meiner Kindheit geworfen hab. Ich bin kein besonders nostalgischer Typ und so ist die Vergangenheit für mich vor allem eins: vorbei.

Aber letztens ging ein Link auf Twitter rum, der meine Begristerung weckte, wie die von vielen anderen. In diesem Blog werden Fotos von Fotos gesammelt, die vor dem Hintergrund ihrer jetzigen Realität fotografiert wurden. Und irgendwie machte es die Vergangenheit – und vor allem das Vergangensein der Vergangenheit – greifbar und damit interessant.

Und als ich nun zuhause war, habe ich meine alten Fotoalben durchgeblättert und nach ähnlichen Gelegenheiten gesucht. Ich bin ich nicht so der gute Fotograf, aber ich glaube, der Effekt kommt trotzdem rüber.

Der Baum ist gewachsen, wie man sieht, aber die Struktur stimmt noch. Das da war mein Spielplatz. Mitten auf dem Acker, eine winzig kleines Wäldchen. Wir haben Lagerfeuer gemacht und Kartoffeln darüber gegart. Jetzt ist vieles zugewuchert, was vorher frei war.

Ich hatte in der Streetview-Debatte immer wieder auf das Projekt von Fritten hingewiesen, der etwas sehr ähnliches tut. Fotos von damals sammeln und in den Kontext mit dem Heute stellen. Es ist eine ganz besondere Form der Archäologie und eine Form des Erinnerns, die mir sehr nah ist, theoretisch wie emotional. Und die irgendwie Zeitgemäß ist.

Durch den Cut, den die Konfrontation des selben mit seinem Vergangenem erzeugt, wird eben nicht, wie es in der klassischen Geschichtsschreibung getan wird, eine rationale Kontinuität erzeugt und eine Geschichte erzählt, sondern die nackte Andersheit zwischen den Zeiten deutlich gemacht. Es ist so, wie wenn man einen Bekannten nach langer Zeit wieder trifft und er einem sagt, dass man ja dünner oder dicker geworden ist. Das bekommt man aus seinem direkten Umfeld meist nicht zu hören, weil das zu nahe dran ist, als dass es die Veränderung beobachten könnte.

Das Geschichtsbild, das hier zum Ausdruck kommt, gleicht dem Foucaults, der die Brüche und Diskontinuitäten zwischen den Geschichts- und Diskursformationen hervorhebt. Nicht der lineare Übergang, sondern Zack – und alles ist anders. Bei Foucault sind es die Diskurse, die sich schlagartig wandeln. Auf einmal werden Dinge aussagbar, die vorher irgendwie nicht möglich waren zu sagen. Nicht in erster Linie, weil es durch Repression unterdrückt war, sondern weil das gesamte Weltbild ein anderes war. Die gesamte Konfiguration dessen, was gedacht und gesagt werden konnte.

Manchmal, wenn ich an das Weltbild meiner jungen Jahre zurückzuerinnern versuche, erlebe ich die selbe Fremdheit. Ja, ich glaube, ich habe zumindest einmal (vielleicht auch mehrmals) eine Diskursformation verlassen und bin in einer andere eingetreten. Nicht bewusst und nicht so, dass ich diese Formationen heute beschreiben könnte. Ich habe aber das Gefühl, dass ich in dieses Archiv hereingehen könnte, es archäologisch wie Foucault analysieren und den Riss beschreiben könnte, wenn ich mühe gäbe. Aber erinnern ist immer so anstrengend.

Abbo war unser erster Hund. Er war auf Fotos immer ein schwarzer Fleck und ist schon sehr lange tot. Das Meta-Foto hier war eine Herausforderung, weil an der Position an der das Original aufgenommen wurde, heute ein großer Busch steht, in den ich mich fast reinzwängen musste.

Doch da ist noch etwas anderes, an dieser Form der Erinnerung. Etwas das gleichzeitig hinter Foucault zurückbleibt und über ihn hinausgeht. Es ist ihre unwissenschaftliche Unbekümmertheit, ihre Beiläufigkeit und Zufälligkeit. Es ist nicht die Fraktur der Geschichte, die da beschrieben wird, wie sie Foucualt beschrieb (am liebsten anhand des diskursiven Wandels um das 17. Jahrhundert herum). Was wir auf den Fotos sehen ist eben keine intendierte Ausarbeitung einer Diskontinuität. Sie scheint da hindurch, das schon. Aber die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Gegenwarten ist beliebig. Irgendein „Jetzt“ wird mit irgendeinem späteren „Jetzt“ in Beziehung gesetzt.

Wo Foucaults Analyse den Bruch anhand der Dokumente vergleicht und so die unterschiedlichen Diskursformationen identifiziert, sagen diese Bilder nur: guck mal, wie anders. Sie enthalten sich quasi einer Wertung und einer Interpretation.

Der ehemalige Weggefährte aber auch Kritiker Foucaults Jaques Derrida hat das Archiv und die Archäologie in „dem Archiv verschrieben“ neu und anders gedeutet: „Wenn wir wissen wollen, was das Archiv bedeutet haben wird, so werden wir es nur in zukünftigen Zeiten wissen.

Wenn es so ist, dass Foucault Diskursformationen ausgemacht hat, in denen bestimmte Aussagen getätigt werden können und andere nicht (so seine Definition des „Archivs“ in Archäologie des Wissens), was versetzt ihn dann „heute“ in die Lage, diese neuen Fragen an die Geschichte zu stellen, die er stellt? Und noch viel wichtiger: welche kann er heute noch nicht stellen?

Es ist nicht so, dass Foucault diese Schwierigkeit nicht bewusst gewesen wäre. Doch eine Antwort hat er auf diese Frage nicht gefunden. Jedenfalls keine befriedigende, denn schließlich hätte das grundsätzliche Infragestellen der eigenen Perspektive seine Arbeit relativiert. Sie wäre, wie die Fotos hier, eine Momentaufnahme einer zeitgenössischen Geschichtsinterpretation und offen für jede neue diskursive Verschiebung. Auch über Foucault hinaus.

Es ist so, als ob ein zukünftiges Ich diese Fotos hier noch einmal nehmen kann und dann noch einmal die Originalstätten aufsuchen und eine dritte Zeitebene hinzufügen kann. Oder sogar jemand anderes. Oder jemand tut damit etwas völlig neues damit. Oder derjenige befragt meine Perspektive auf die Geschichte. Ohne Zweifel: das geht.

Ich habe dieses Fahrrad bekommen, als ich in die 7te Klasse kam und habe es sehr lange gefahren. Sogar noch fast die gesamte Unizeit. Es wurde nie geklaut, weil es so auffällig war. Die beiden Tannen vor dem Haus sind inzwischen Verweihnachtsbaumt worden.

Vielleicht werden wir eines Tages müde lächeln, über meine 2D-Archäologie. Vielleicht braucht es in ein paar Jahren ja nur ein paar alte Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven und der Computer kann daraus ein 3D-Modell zimmern. Wer weiß schon, welche Archäologie morgen möglich sein wird? Oder wie man denken wird über das vergangene Heute oder über die Vergangenheit ansich? Oder über das heutige Denken der Vergangenheit?

Diese merkwürdige Konfiguration der Zukunft, die alles, all die Arbeit, all die Archäologie, all die Erinnerung offen wie ein Scheunentor macht – offen für Neubearbeitung, Neuinterpretation, etc – habe ich bekanntlich „Kontrollverlust“ genannt. Foucault – im Gegensatz zu Derrida – scheint der Kontrollverlust nicht geheuer gewesen zu sein. Und ja, ich gebe gerne zu, dass die Idee des Kontrollverlusts auf einer Derrida-Engine läuft.

Derrida, der seinen Blick weg von der Geschichte, auf den Blick des Historikers – oder den Foucualts – lenkt, hat eine Sache gesehen: dass ein Geschichtsbild mehr über denjenigen aussagt, der das Geschichtsbild anfertigt, als über die Geschichte selbst. Dementsprechend kann es nie um die „richtige“ Interpretation von Geschichte gehen, egal, wie man sein Geschichtsbild transformiert. Es kann immer nur um das zukünftige Gesichtsbild gehen.

Was wird X gewesen sein?“ ist Derridas immer und überall gestellte Frage. Es ist natürlich keine Frage, die man in einem empirischen oder gar formal korrekten Sinne beantworten kann. Die Befragung des Heute aus der Zukunft verschiebt die Betrachtung von der Epistemologie hin zur Politik. Ich habe das hier letztens versucht durchzuexerzieren. Ich glaube, aus diesem Denkansatz lässt sich noch eine ganze Menge herausholen. Vielleicht eine neue, zeitgemäße Linke Position?

PS: All diese Gedanken gären schon seit vielen Jahren in mir. Es ist meine bislang nicht vollendete Dosktorabeit. So langsam komme ich an dem Punkt, meine Gedanken entsprechend formulieren zu können. Vielleicht gibt es ja noch Hoffnung? Wer es genauer wissen will, lese das Exposé meiner Diss dazu.


Jugendmedienschutz gestalten: die filtersouveräne Antwort

/*****
Folgenden Text habe ich im Nachgang zur Debatte um „Jugendmedienschutz gestalten“, bei dem ich im Juni auf dem Podium im Rahmen des Medienforums NRW saß, geschrieben. Und ich dachte, hier macht sich der Text auch ganz gut.
*****/

Wenn wir heute über Jugendschutz in den Medien reden, sprechen wir über zwei Zukünfte: Jugend und Medien. Beide sind gewisser Maßen gerade in der Entstehung und werden sich weit weg von dem Entwickeln, was wir heute sehen. Wir haben so wenig davon Ahnung, wie das Internet in 20 Jahren aussehen wird, wie, ob aus jenem 4 jährigen Mädchen einmal eine Bundespräsidentin wird.

Nur eines ist sicher: Der Umbruch, den wir erleben wird beim heutigen Internet nicht halt machen, sondern weiter fortschreiten und die Kinder von denen wir heute reden, werden in einer anderen Welt leben, mit anderen Medien hantieren als wir es uns heute vorstellen.

Natürlich denken wir nicht so. Wir glauben in der besten aller Welten zu leben und unsere Werte sind das Maß der Dinge. Unsere Aufgabe ist es, aus unserer selbstherrlichen Perspektive, den Kindern diese unsere Werte im Umgang mit Medien auf den Weg zu geben. Wir kannten den direkten Draht zur Öffentlichkeit nicht, also müssen die jungen Menschen das Konzept Privatsphäre eingetrichtert bekommen. Wir hatten nicht den Zugriff auf alle Informationen, also müssen wir auch unsere Kinder vor diesen Möglichkeiten schützen. Wir nennen dann diese Beschneidung der Welt auf das uns bekannte Maß: „Medienkompetenz“ und glauben auch noch den Kindern etwas gutes damit zu tun.

Aber während wir uns hier noch darüber Streiten, wie wir unsere alte Welt in die neue, grenzenlose und digitale Welt importieren können und vor allem den KIndern beibringen, von den vielen, neuen Möglichkeiten keinen Gebrauch zu machen, rollen diese nur mit den Augen und handeln die Umgangsweisen und Werte des kommenden Medienzeitalters aus. Denn das ist ihre Aufgabe. Nicht die unsrige.

Jugend und Medien: das ist eine Koevolution. Und egal wie wir uns bemühen, die Kinder sind doch eh schon wo anders, bevor die Tinte auf dem ersten Gesetz getrocknet ist.

Wenn man also von „Medienkompetenz“ sprechen will, so darf man nicht von dem sprechen, was wir uns als „Medienkompetenz“ vorstellen. Man muss – und ich bin mir der Unmöglichkeit dieses Unterfangens durchaus bewusst – von der Medienkompetenz der Zukunft sprechen. Man muss sich fragen: was könnte Medienkompetenz in Zukunft heißen.

So schwer diese Frage auch zu beantworten ist, glaube ich, dass man zwei Punkte jetzt schon festklopfen kann, ohne sich allzu weit aus dem Fenster zu lehnen:

1. Medienkompetenz wird etwas anderes sein, als das, was wir heute dafür halten.
2. Medienkompetenz wird vor allem mit der Fähigkeit zusammenhängen, sich in einem riesigen Informationsberg zurecht zu finden.

Die erste These ergibt sich aus dem Gesagten. Lassen Sie mich nur die These 2 kurz erläutern:

Eric Schmidt – noch vor kurzem der Chef von Google – bemerkte unlängst, dass in den letzten 2 Jahren so viele Daten produziert wurden, wie seit Beginn der Menschheitgeschichte bis 2003. Wenn man diesen Prozess nur ein paar Jahre weiterdenkt, hat man eine Vorstellung – nein, die Nichtvorstellbarkeit – der zukünftigen Medienrealität – also jene, in der die heutige Jugend einst leben wird. Diese Medienrealität wird ein wenig dem ähneln, wie es George Louis Borges beschrieben hat: in der Bibliothek zu Babel befinden sich alle mathematisch möglichen Texte, also alle denkbaren Buchstabenkombinationen. Eine Unendlichkeit an Daten.

Die Frage der Medienkompetenz der Zukunft wird also zwangsläufig lauten: Wie wird man sich in dieser Welt zurechtfinden?

Man wird außerordentliche Fähigkeiten entwickeln müssen, sich hier zurechtzufinden. Man wird heute noch kaum denkbare Software verwenden, um den Informationsstrom individuell aufzubereiten. Und man wird sich dabei darauf verlassen müssen, zu allen Informationen, die verfügbar sind, auch theoretischen Zugriff zu haben.

Ich glaube deswegen, dass es eine neue „Informationellen Selbstbestimmung“ geben wird. Die Selbstbestimmung sich im Wust der Informationen seinen eigenen Weg zu bahnen. Und diese Sebstbestimmung in der Filterung, Aggregierung und Aufbereitung von Information wird eine erhöhte Sensibilierung gegen Zensur voraussetzen.

In der Welt von Morgen wird es darum gehen, Herr über die Informationsflüsse zu sein, die einem die Realität bedeuten. Ich fürchte, dass Eltern, die das Netz für ihre Kinder vorfiltern, ihnen damit keinen Gefallen tun. Kinder von klein an, an das Regime der Zensur zu gewöhnen, wird nicht die Menschen aus ihnen machen, die mit dieser Zukunft gut zurecht kommen werden. Ich glaube, es wäre klug, die Kinder im Gegenteil früh gegen Zensur zu sensibilisieren und dem Umgang mit der Bibliothek von Babel nicht auszuweichen, sondern mit ihnen Wege des Umgangs damit zu entwickeln. Ich sage bewusst „entwickeln“, nicht erlernen. Denn wir sind den Kindern kein Stück voraus.