Behavioral Targeting

Ich mag ja Behavioral Targeting. Ein schönes Beispiel ist mir heute passiert. Aus Spaß hab ich lediglich nach „ausflug“ gegooglt. Vor der Ergebnisliste wurde eine Googlewerbung eingeblendet (die teure Art bei Google zu werben). „Berlin-ausflug“. Ich klickte darauf und landete bei der Unterubrik „Reisen“ von AOL. Gepriesen wurde dort ein Ausflug nach Berlin, den ich nun sofort buchen könnte.

Ich stell mir das so vor: Die Googleserver erkennen anhand der IP meines Providers, dass ich in Berlin sitze. Sie kombinieren diese Information mit dem gesuchten „Ausflug“ und blenden die Werbung ein. Eine tolle Idee: Hamburgern einen Ausflug nach Hamburg, Berlinern einen Ausflug nach Berlin und Oberammergauern einen Ausflug nach Oberammergau anzubieten. Das senkt die Streuverluste auf nahezu 100%.

Ich hasse AOL gottseidank genug, um ihnen zu gönnen, unglaublich viel Geld dafür zu bezahlen, dass ausschließlich die Leute über ihr Angebot informiert werden, die daran eben nicht interessiert seien werden. Bitte weiter so.


Professionalisierung / Werbung in Blogs

Ich hatte hier, sogar hier, einige Diskussionen über die Kommerzialisierung/Professionalisierung von Blogs geführt. Allerdings jenseits der Vorträge und Pannels. Ich will das alles nicht im einzelnen wiedergeben, aber kurz einige fruchtbare Gedanken und Positionen wiedergeben:

Die Frage der Unabhängigkeit:
Die am häufigsten geäußerten Bedenken, drehen sich um den eventuellen Einfluss, die Fremdbestimmung auf den jeweiligen Blogger. Diese Ängste sind nur verständlich. Denn Blogs werden, vor allem bei der ersten Nutzung, der Entdeckung dieser Technik, als extrem frei empfunden. Gerade bloggende Journalisten rühmen diese Unabhängigkeit und Freiheit, die sich hier ermöglicht, gerade im Kontrast zum eng reglementierten redaktionellen Alltag.
Aber ist dies tatsächlich eine Gefahr?

Ich würde ganz klar sagen: ja. Eine Professionalisierung schränkt diese Freiheit empfindlich ein. Nicht aber, wie es sich manche, vielleicht etwas plump vorstellen: durch die Werbung. Die Unternehmen werden den Teufel tun redaktionellen Einfluss zu üben und selbst das Argument, dass sie es subtil in Form eines mehr oder weniger unbewussten vorauseilendem Gehorsams des Bloggers tun, glaube ich nicht. Wenn dann ist dieser Einfluss in zu vernachlässigenden Größenordnungen.

Nein. Die Freiheit wird von anderer Seite eingeschränkt: durch die Leser. Wenn es zunächst einfach der Drang zu Ruhm und Reichweite ist, der einen treibt, möglichst schnell möglichst viele Leser zu bekommen, so ist es bald das Bewusstsein einer wie auch immer gearteten Verantwortung. Sei es, weil dass man aufhört zu private Dinge zu bloggen, sei es, dass man manche Position abschwächt, oder gar nicht erst äußert um Leser nicht zu verschrecken oder abzustoßen. Man verkeift sich vielleicht hier etwas, geht hier einen Weg, oder verlässt einen Anderen, weil man glaubt im Interesse des Lesers zu schreiben. Man ist hier etwas lauter, dort etwas leiser, hängt sich an Trends ran und ist immer auf dem Sprung zum nächsten Hit, um die Leser bei Stange zu halten.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich ist dieser Druck immer da. Schon von Anfang an, aber in unterschiedlichen Dosen und Ausprägungen. Nun ist es aber so, dass Werbung, aber nicht nur Werbung, diesen Druck erhöhen. Im Grunde aber wird er dann die dominante Triebfeder, wenn man vorhat, davon leben zu wollen. Der Lesereinfluss, der immer schon da ist, wird dann zur Existenzfrage.

Die Frage der Professionaliserung:
Professionalisierung nimmt den Blogs also die Unabhängigkeit. (Johnnys Argument, dass jeder Angestellte abhängiger ist, als ein professioneller Blogger kann ich nicht gelten lassen. Schließlich geht es ums Bloggen. Denn ja, jeder Angestellte, der nach der Arbeit bloggt, bloggt freier als ein freier aber professioneller Blogger) Professionalisierung essen Freiheit auf. Punkt.

Spreeblick
Nun ist es so, dass Spreeblick diesen Prozess bereits länger hinter sich hat. Schon vor adical war diese Idee der Professionalisierung da und wurde forciert vorangetrieben. Und man kann sagen, es war eine geglückte Umwandlung. Spreeblick ist trotzdem lesenwert geblieben. Anders, aber nach wie vor gut. Ich persönlich weiß, was ich von Spreeblick zu erwarten habe und was nicht. Und die Erwartungen, die ich an Spreeblick nicht (mehr) stellen kann, werden wo anders gut genug bedient.

Aber was ist mit den anderen Adicalisten?
Es ist so, dass das adical-Netzwerk den Trend zur Professionalisierung in der Blogsphere vorantreiben wird. Und ja, einige der Blogger, die vorher nicht an Professionalisierung gedacht haben, werden diesen Weg jetzt versuchen zu gehen. Und ja, es wird an diesen Blogs dann etwas verloren gehen. Vielleicht aber auch etwas hinzukommen.

Was ist nun daraus zu schließen?
Die Blogesphere ist kein begrenzter Raum, in dem nur solche oder solche Blogs Platzhätten. Die Blogsphere SIND die Blogs. Jedwede Deutungshoheit oder Absolutheitsanspruch in Regelfragen halte ich deshalb für völlig verfehlt und lässt ein großes Unverständnis gegenüber dem Internet erahnen. Es bleibt einem jeden selbst überlassen, was er will. Es ändert nichts am Bloggen im Allgemeinen, sondern immer nur für den Einzelnen.

Und dennoch: jeder, der sich auf das Abenteuer Professionalisierung einlässt, sollte sich und seinen Lesern gegenüber nicht rumheucheln, dass sich dadurch nichts ändern würde. Es IST ein Unterschied, der nicht ohne Folgen bleiben wird. Das Bloggen und das Blog wird sich dadurch verändern.

Als Leser hingegen sollte man besser mal bitte die Schauze halten. Wenn es einem nicht passt, was ja durchaus gute Gründe haben kann, soll man halt wo anders hingehen. Still. Aber konsequent.

Ich persönlich mache mir keine Sorgen um das Bloggen. Vielleicht werde ich das eine oder andere Blog weniger oder garnicht lesen. Was solls. Ich seh das völlig ideologiefrei. Und ich kann es so sehen, denn es gibt noch so viel Gutes da draußen. Und jeden Tag mehr. Der Lesestoff wird mir sicher nicht ausgehen.