Vorerst…

geht es hier in den Kommentaren weiter:

… mit dem eigenen Blog schafft man seinen eigenen Raum. Jenseits und GLEICHZEITIG diesseits der Öffentlichkeit. Jedes Blog ist nur ein Supplement des öffentlichem Raumes. Und gerade deswegen ein Raum der unbegrenzten Möglichkeit, aber auch der absoluten Verantwortlichkeit.


Postmoderne und Verantwortung

Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird.
[Ton Steine Scherben – der Traum ist aus]

Die Postmoderne ist so ein Begriff. Heute aus der Mode gekommen, schien er damals – schon damals – unser heutiges Leben zu beschreiben. Kurz: es ist alles nicht mehr so einfach. Die vielfältigen Verstrickungen und Wirrungen, die einem heute bereits begegnen, wenn man versucht eine Handlung oder eine gängige Praxis zu kritisieren, sind ein gutes Beispiel. Man kann nicht mal mehr für „Brot für die Welt“ spenden, ohne den einen oder anderen Bauern in der Armutsregion in seiner Existenz zu bedrohen. Man kann keine Kleider spenden ohne der ansässigen Textilindustrie zu schaden. Man kann kein Geld spenden, ohne den einen oder anderen korrupten Diktator zu stützen. Man kann keine Süßigkeiten mehr essen, wenn man gegen Nesté opponiert. Man kann Politiker nicht mehr für irgendwas verantwortlich machen, weil sie schon auf dem Zettel stehen haben, warum ihnen die Hände gebunden sind.
Überhaupt. Niemand ist verantwortlich. Für nichts. Wenn uns ein Verantwortlicher für irgendetwas präsentiert wird, dann kann man sicher sein, dass es sich um ein Bauernopfer handelt. So ist sie die Welt. Nicht mehr greifbar. Die Macht verschwindet in der Struktur. Und gegen die Struktur zu kämpfen ist wie gegen Windmühlen zu kämpfen.

Mercedes Bunz hat versucht, diesem Umstand in ihrem Text Rechnung zu tragen. Und überhaupt gehört zu den Vorzügen ihrer Bemühungen den Einsatz der Postmoderne wieder zu repolitisieren. So fordert sie hier z.B. auf die Strukturen freizulegen, die Macht aus ihrer Diffusität herauszuholen, sie sichtbar zu machen. Ihr Ansatz basiert dabei auf Foucault’s Werk, der sein Leben nichts anderes versucht hat.

Dennoch. Es bleibt verführerisch sich auf die Struktur zu berufen. Auf die Komplexität der Welt, der Situation, der Zeit und der Macht. Der Fatalismus ist immer ganz nahe, wenn man sich auf den Gedanken einlässt. Und nicht umsonst musste sich Foucault von Chomsky anhören, er sei ein Nihilist. Hatte Chompsky damit recht? Ja. Und nein.

Richtig ist, das Foucault keinen Ausweg sah, als den, die Strukturen offen zulegen. Die Macht zu entlarven. Aber was brachte es? „Gouvernementalität“, ein Ausdruck Foucaults um das Einschreiben der Macht ins eigene Bewusstsein zu auszuformulieren, heißt heute „Selbstmanagement“ und „Neurolinguistische Programmierung“. Es wird in Managementseminaren angeboten. Für teures Geld, kann man sich dann „umprogrammieren“ lassen. Das Buch „getting things done“ ist nichts weiter, als eine in eine Anwendung gegossene foucaultsche Selbstpraktik.

Ja, auch Foucault selbst wurde antizipiert von der Macht. Und vielleicht liegt es an seiner Position, die er sich sein ganzes Werk über weigerte zu befragen. Einfache Fragen: Wenn die Regeln des Diskurses alles bestimmen, welche Regeln bestimmen dann mich? Wenn die Macht strukturell ist, kann ich überhaupt die Außenposition einnehmen, um sie zu entlarven. Reicht es zu fordern die Macht aufzuspüren, oder verfällt man dann nicht wieder schnell in eine unangemessene: „Wir – Die“ Symetrie, die das selbe Innen-Außenverhältnis reproduziert, das man ja eigentlich hinterfragen wollte. Wahrhaft ein Problem gegen eine Macht, die – auf dauer – kein Außen kennt.

Die Frage bleibt: Was tun gegen den Fatalismus? Reicht Kritik hier aus? Wie steht es mit der Ethik im postmodernen Zeitalter?

Derrida, auch ein als „postmodern“ gelabelter Philosoph, hat versucht eine andere Antwort zu geben. Zunächst würde er der These widersprechen, dass es sich um ein Zeitalterproblem handelt. Die Welt wäre „immer schon“ komplex gewesen. Zu komplex, jedenfalls, um sie beschreiben zu können. Zu komplex um entscheiden zu können. Zu komplex als dass man überhaupt eine Grenze ziehen könnte, zwischen gut und böse, schlecht und recht, schön und hässlich. Ja, diese Grenze selber, „die Grenze an sich“ ist eines seiner liebsten Problematisierungen.

Das scheint uns nun zunächst nicht besonders weiterzuhelfen. Die Konsequenz scheint im Gegenteil im absoluten Fatalismus zu enden. Ist damit Ethik überhaupt möglich? Nein. Mit Derrida ist keine Ethik zu machen. Keine Ethik jedenfalls, die im klassischen Sinn ein Set von Regeln zur Verfügung stellt, mit dem man die Seeligkeit oder Gutheit erreichen könnte. Keine Anweisung, kein kategorischer Imperativ, nicht mal eine Minima Moralia.

Und dennoch stellt er sich hin und fordert. Was fordert er? Er fordert eine Entscheidung. Ja, eine Entscheidung, dort, wo alles Unentscheidbar ist. Gerade dort. Nur dort. Denn ein entscheidbares Problem kann man nicht entscheiden. Denn, so Derrida, eine Entscheidung ist nur dann eine Entscheidung, wenn man sie Rückhaltlos getroffen wird. Wenn man nicht sagen kann: „Ich habe mich entschieden, weil…“ Dieses Weil nimmt der Entscheidung, jeder Entscheidung, die Verantwortlichkeit. Sie bietet Ausflüchte, eben all die Ausflüchte, die heute möglich sind. Man kann sich immer auf eine Struktur berufen, man kann sich immer auf jemand anderes Berufen, auf Regeln, Zwänge, eben auf diese diffuse Wolke, die man Macht nennt. Oder auf sein Unwissen. Auf die Komplexität, wenn man sich entschieden hat, nicht zu entscheiden. Dieses „Weil“ ist der Grund für unsere Situation. Dieses „Weil“ ermöglicht der Macht sich zu verschleiern. Denn dieses Weil ist ein strukturell unendliches „Weil“. Eines das immer ein Aufschub für Verantwortlichkeit ist. Ein Aufschub der niemals endet. Sogar niemals geendet hat.

Eine Entscheidung braucht also Verantwortlichkeit. Und die zu fordern, von jedem zu fordern, schafft eben kein Außen mehr. Niemand kann sich dem entziehen. Das Unentscheidbare zu entscheiden wäre also die Ethik, die keine ist. Es wäre die unlösbare Aufgabe, die man sich auf die Fahnen zu schreiben hat in unserer Welt. An der man nur scheitern kann, die man aber nicht abstreiten kann. Der man sich ihr nicht entziehen ohne ein „Weil“ vorzuschieben, indem man sich auf die Komplexität der Welt, der Umstände oder der Struktur beruft. Indem man sich also auf das beruft, zu dessen Teil man sich gerade dadurch macht.

Aber es ist noch viel mehr. Es sollte der Schlachtruf des Bloggens sein. Denn hier – genau hier – wird der tot geglaubte Autor wieder eingesetzt. Hier kommt das Subjekt zurück, aber anders zurück, ganz anders: als Vielheit. Als Vielheit der Verantwortlichkeit. Statt als Rädchen in der schweigenden Masse eines Verlages. Denn wenn das Bloggen dem Journalismus eines voraus hat, dann ist es eben diese Verantwortlichkeit.

Vielleicht ist das nur ein Traum. Vielleicht ist der Traum auch schon wieder aus. Aber ich werde alles geben, dass er ankommt, dass er in irgendeiner ganz anderen Zukunft der angekommene Traum gewesen sein wird.


Vernunft und Leid

Passend zu dem Thema und sehr nachdenkenswert. Das Verhältnis von Vernunft und Leid bei D-Radio Essay.


Die Logik der Verschwörung

Die Philobar bebauptet:

Verschwörungstheorien lohnen kaum die Diskussion

Einspruch!

Verschwörungstheorien sind ein durchaus interessantes Thema und gehen vielleicht tiefer das Selbstverständnis der Philosophie an, als es zunächst den Anschein hat. Die Verschwörungstheorie ist nämlich ein schönes Fallbeispiel der Theorie schlechthin. Alles muss auf die Frage zulaufen: „Warum gibt es Verschwörungstheorien?“ Es muss einen Grund und eine Ursache haben, warum es Verschwörungstheorien gibt. Das ist eine wichtige Frage und ich möchte sie hier stellen. Denn ich habe da eine Theorie …

Aber zunächst: Was genau stört die Kritiker der Verschwörungstheorie? Was genau wird dort als „unredlich“ kritisiert? Was genau kann man der Verschwörungstheorie vorwerfen?

Die Frage der Verschwörung an sich? Oder die Frage der Theorie an sich? Beides, so muss man feststellen, wird auch von den Kritikern nicht in Frage gestellt: Weder die allgemeine Existenz der Verschwörung, noch die Notwendigkeit der Theorie. So hat Mathias Brökers zu Recht darauf hingewiesen, dass auch die „offizielle“ Version der Anschläge des 11. Septembers eine „Verschwörungstheorie“ ist. Es ist eine Theorie, die von der Verschwörung einer islamistischen Gruppe als Attentäter ausgeht.

Ist es eine Theorie? Würden die Vertreter der „offiziellen“ Version bestreiten, dass ihre Version eine Theorie ist und vielmehr behaupten sie sei ein Faktum? Was ist eine Theorie? Wenn man an Definitionen glaubt, kann man definieren: „Jede Theorie geht von dem aus, was wahrnehmbar (vielleicht faktisch ist) ist (Griechisch: theorein: beobachten, betrachten, [an]schauen) und denkt sich einen Grund dafür aus (Griechisch: theoría: Überlegung, Erkenntnis).“

Zunächst ist die Unterscheidung von Fakt und Theorie sicher erst einmal eine sehr theoretische. Ein Fakt ist etwas, dessen ich mir sicher bin, dass unanzweifelbar im Raum steht, dass ich nicht leugne, vielleicht nicht leugnen kann. Eine empirische Tatsache. Nun ist man seit jeher in der vertrackten Situation, dass man Fakten grundsätzlich in Frage stellen kann. Ich kann jeden Fakt in Frage stellen und wenn mir jemand diesen Fakt „beweist“, kann ich weiterhin darauf insistieren und behaupten, die Messgeräte seien falsch geeicht, die Schiedsrichter bestochen, also: dass sich alle Welt gegen mich und meine Weltsicht verschworen haben.

Ja, es ist immer im Bereich des Möglichen, dass es eine Verschwörung gibt, dass sie nach wie vor geheim ist, und dass nur ich der letzte Zweifler bin, der der den „angeblichen“ Fakten misstraut. Das Misstrauen ist unhintergehbar und grundsätzlich unausräumbar, was schließlich und letztendlich jeden Fakt zur Theorie werden lässt.

Hier sind wir sicher der Verschwörungstheorie ein Stückchen näher gerückt und können festhalten, dass die Verschwörungstheorie die Trennung von Fakt und Theorie einerseits empfindlich angegreift, wenn nicht außer Kraft setzt. Aber andererseits sollten wir vorsichtiger sein: Die Verschwörungstheoretiker wollen mitnichten diese Trennung zwischen Fakt und Theorie aufweichen, auch wenn sie es implizit tun und wenn ihnen das auch vorgeworfen wird. Die Verschwörungstheoretiker klopfen aber genau so auf die „Fakten“ und brandmarken die Gegenseite genauso als reine Theorie, genauso wie es ihnen selber vorgeworfen wird. Natürlich ist da der Vorwurf der Irrationalität nicht weit: Wikipedia über die Verschwörungstheorie:

Der Begriff wird meist zur Abwertung von Ansichten benutzt, die als unbegründet, irrational, abseitig oder sogar paranoid gelten und weltanschaulich geschlossen, also festgefügt betrachtet werden.

Halten wir kurz bei dem Begriff „irrational“ an, denn dieser Vorwurf hat eine gewisse Brisanz. Es ist eine durchaus aufklärerische Geste, das je Andersmeinde als „irrational“ zu brandmarken. Hier die rationale Erklärung (diese oder jene Ursache befördert diese oder jene Wirkung), hier die irrationale Erkärung, die keinen Grund, keine Ursache, keine Wirkung vorsieht. Kann man diesen Vorwurf den Verschwörungstheoretikern machen? Arbeiten sie nicht genauso mit Ursache und Wirkung. Ja, sind sie nicht verrückt danach die Ursache finden zu wollen, die „wahre“ Ursache, den „wahren“ Verursacher, der Verursacher, der im geheimen operiert, der noch aufgedeckt, entlarvt und erschlossen werden muss. Der geheime Grund, irgendwo da draußen. Ist das nicht die rationale Ethik selbst, der Anfang jeder wissenschaftlichen Entdeckung, sich nicht mit einfachen Antworten zu begnügen, Antworten, die aus diesem oder jenem Grund unbefriedigend sind und sich deshalb auf die Suche zu begeben, nach dem „echten“ Grund, der Wahrheit. Also schlicht: Der nichtzufälligen Ordnung des Seins?

Wenn wir beide Seiten also so betrachten lässt, sich festhalten: Die Verschwörungstheoretiker werfen den offiziellen vor, Theorien als Fakten zu verkaufen und die „echten“ Fakten geheim zu halten.

Die Offiziellen werfen den Verschwörungstheoretikern dagegen vor, Fakten und Theorien nicht zu trennen, Fakten nicht als Fakten anzuerkennen.

Es ist also ein Kampf zwischen einer Grenze, der Grenze zwischen Fakt und Theorie, der diese Grenze gerne nach einem bestimmten Ort hin ausrichten will. Ein klassischer Grenzkampf könnte man sagen.

Ich will hier keiner Seite das Wort reden, will aber darauf hinweisen, dass es durchaus „Fakten“ gibt, bei denen sich beide Seiten einig sind: Zunächst, dass das WTC eingestürzt ist. Als nächstes: dass die Trennung von Fakt und Theorie mitnichten eingestürzt ist. Als nächstes: Dass das eine Ursache haben muss.
Nur bei der Frage nach der Ursache sind sie sich uneinig. Was ist der Grund? War es die Verschwörung der Islamisten? War es die Verschwörung der Buschregierung? War es eine Mischung aus beidem?
Es geht nicht um Verschwörung und Nicht-Verschwörung sondern nur darum: welche Verschwörung?

Fragen wir anders: Wie sähe eigentlich das Andere der Verschwörungstheorie aus? Hier meine provokative Antwort: „Die Flugzeuge rasten aus Zufall in die Türme“.
Ja, das wäre tatsächlich eine Nicht-Verschwörungstheorie. Der Zufall träte hier als das Andere der Verschwörung auf. Der Zufall wäre also eine Lösung aus dem Dilemma der Verschwörung und Beschwörung des Grundes und vielleicht wird er uns noch etwas über das Wesen der Verschwörung und die Theorie im Allgemeinen erzählen.

Bevor ich darauf weiter eingehe, möchte ich aber zunächst auf eine andere Debatte verweisen, die eine strukturelle Ähnlichkeit mit der der Verschwörungstheorie hat, aber in der der Zufall eine, ich würde sagen prominentere, Rolle spielt: Es geht um die Debatte Kreationisten vs. Evolutionslehre, die in letzter Zeit noch mehr die öffentliche Wahrnehmung erreicht hat, als jede andere Verschwörungstheorie. Merkwürdiger Weise taucht aber hier dieser Begriff nicht auf, obwohl er sich hier viel besser zur Abgrenzung der jeweiligen Positionen eignen würde. Denn die Kreationisten setzen ihre „intelligent Design“ Theorie an einer ganz entscheidenden Stelle gegen Darwin ein: Den Zufall.

Darwin, der in dieser Debatte den Standpunkt des redlichen Wissenschaftlers einnimmt, lässt seine Theorie der Evolution auf den Zufall fußen. Die Formen, Farben und Arten, so seine These, haben sich in einem langen Prozess der zufälligen Mutation entwickelt, wobei sich abhängig von den je unterschiedlichen Gegebenheiten, also der „Lebensumstände“, gewisse Mutationen durchgesetzt haben, andere, sogar die meisten, eben nicht.

Man kann diese Zäsur nicht hoch Genug bewerten. Darwin krempelt hier in einer einzigen Geste die Wissenschaft und die Wissenschaftlichkeit um: Das rationale Prinzip schlechthin, das der „Ursache“ und der „Wirkung“ wenden sich hier gegen jede Positivität. Darwins Theorie kann (und will) nämlich nicht mehr „erklären“, wie es zu dieser oder jener Art, dieser oder jener „Eigenschaft“ gekommen ist. Was also die „Ursache“, der „Grund“ für diese Eigenschaft ist. Darwin muss hier immer auf den Zufall verweisen. Das heißt auch auf die Unentscheidbarkeit, das was jede Erklärung übersteigt, was weder Ordnung hat noch Ursache hat, das was konfus bleibt, unlogisch oder sich jeder Logik widersetzend.

Er kann lediglich erklären warum diese oder jene Eigenschaften NICHT vorhanden sind. (Sie hat sich nicht durchgesetzt)
Darwin kann keine positive Eigenschaft „erklären“, er kann kein „Faktum“ erklären. Er kann aber rückwirkend erklären, warum die Dinosaurier oder der Neandertaler ausgestorben sind. Und nicht mal das. Jedenfalls nicht konkret. (Noch heute wird darüber gestritten)

Darwin, der keinen Grund für unsere Existenz liefern kann, außer einem Zufall und dessen „Bewährung“ ist heute, vielleicht genau deshalb, die Angriffsfläche der Kreationisten. Und witziger Weise ist dieser per se unwissenschaftliche Zufall genau das, womit sich die Kreationisten sich nicht zufrieden geben: Ihr Hauptargument ist: Es muss einen Grund geben. Es muss eine Ursache haben, dass alles so ist, wie es ist. Es muss eine Verschwörung geben, eine Verschwörung eines oder mehrer Götter, jedenfalls eines Wesens, das der Verschwörung fähig ist, damit alles so ist, wie es ist. (Und ja, es ist möglich, dass man sich mit sich selbst verschwören kann, dass man sich selbst gegenüber einen Schwur leisten kann, etwas zu tun oder zu lassen, es geheim zu halten, oder beides. Es erscheint mir all zu evident, als dass ich es hier ausführen möchte, ich kann es aber bei Bedarf gerne tun)

Hier, genau hier sind wir am entscheidenden Punkt: Dieses: „Es muss einen Grund geben!“ verbindet die Kreationisten mit jeder Verschwörungstheorie – und nicht zuletzt – mit allen positiven Wissenschaften, vielleicht: mit jeder Theorie im Allgemeinen.

Wenn eine Theorie zuerst und vor allem die Unterscheidung zwischen Theorie und Faktum ist, wenn Theorie weiterhin erklären möchte was ist (Grund, Ursache, Anfang, Ursprung), wenn eine Theorie also eine rationale Erklärung ist, dann kann Darwin nicht mehr als Theoretiker begriffen werden und die Evolutionslehre muss als irrational gelten, gerade weil sie keinerlei Verschwörung beschwört. Und zwar gerade weil Darwins Denken jeder Verschwörung eine Absage erteilt.

Kämpfen in dieser Debatte nicht also „Rationalisten“ (Leute die auf eine Ursache pochen) gegen eine nicht-rationale, weil auf den Zufall bauende, also per se irrationale Annahme?

Denn der Zufall ist per se irrational. Vielleicht sogar die Definition des Irrationalen.

Ist es also nicht schon längst an der Zeit, die Begriffe zu wechseln, wenn man denn diesen Kampf führen möchte?

Zurück zu den Verschwörungstheoretikern: Ihr Anliegen und ihre Argumentation ist ebenso rational, wie die der offiziellen Version. Es ist bei beiden eine Theorie, die auf die Verschwörung, das heißt auf den Grund oder die Ursache eines gewollten, aber geheimen Handelns, einer geheimen Instanz und so weiter ausgeht. Als ob es Gott selber wäre, der die Flugzeuge gelenkt hat.

Was unterscheidet also eine Verschwörungstheorie von ihrem Anderen, wenn dieses andere selber eine Verschwörungstheorie ist? Ist es nicht vielmehr nur der Streit zwischen zwei verschiedenen Theorien?

Wo existiert die Grenze? Vielleicht eher zwischen „offiziell“ und „inoffiziell“ oder „verbreitet“, „weniger verbreitet“? Kann man beantworten, warum diese oder jene Verschwörungstheorie existiert? Kann man einen Grund, eine Ursache, vielleicht eine Verschwörung für diese Mutation der Wahrheit finden? Und sollte man es tun? Sollte man die allgemeine Verschwörung aller Verschwörungstheoretiker aufdecken, die sicher, irgendwo das draußen, existiert?

Es gibt einen klugen Begriff in der Evolutionslehre, der mir hier als ein Ausweg erscheint: „Viabilität“

Viabilität ist nicht einfach das „fittest“ aus „Survivel of the fittest“. Es ist auch nicht das „Stärksten“ aus „nur die Sträksten überleben“. Es ist grundsätzlich das Überlebenkönnen, das Lebenkönnen also, welche das Leben selbst übersteigt, und zwar ganz unabhängig von irgendwelchen zuweisbaren Eigenschaften. Es ist vielleicht selber eine Eigenschaft, aber eine sehr seltsame Eigenschaft, die sich nicht darstellt, nicht im hier und jetzt darstellt, vielleicht überhaupt nicht darstellbar ist. Von dem was ist, wird man diese Eigenschaft nur in der Zukunft feststellen können. Man wird sie festgestellt haben.

Man kann heute sagen, dass der Neandertaler, trotz (oder wegen?) seiner Stärke, nicht viabel war. Das warum lässt sich wohl in Wirklichkeit nie mit Sicherheit feststellen lassen. Es muss eine Theorie bleiben, so wie jede Ursache. Aber man kann sagen, dass er nicht viabel war, weil er nicht überlebt hat. Vielleicht bleibt sogar auch das aber nur eine Theorie, wenn es irgendwo auf der Welt, in einem fernen Land, irgendwo da draußen, unentdeckt, doch noch Neandertaler gibt? Dann wäre auch seine Viablitität eine Eigenschaft, die in der Zukunft liegt. So wie unsere Viabilität, die von uns Menschen. Sie ist jedenfalls keinesfalls sicher. Wer wird darüber entscheiden?

Die Viabilität ist also ein Gespenst, weder hier noch dort oder hier und dort. Jedenfalls gehört es einer anderen Sphäre der Realität an, einer anderen als der Gegenwart. Gleichzeitig einVersprechen in der Zukunft und eine Gewissheit in der Vergangengeit: : „Etwas wird viabel gewesen sein.“

Welche Version der Anschläge wird wohl viabel gewesen sein? Man kann es nur vermuten. Schlüssigkeitskriterien mögen dabei eine Rolle dabei spielen. Vielleicht auch nicht.

Wird die Evolutionslehre ihre Viablität beweisen? Oder ist ihre Zeit gekommen? Nietzsche sagte „Gott ist tod“ und meinte: „Die Idee von Gott ist nicht mehr viabel“. Hatte er Recht? Viele haben es lange geglaubt. Lange war die Idee von Gottes Tod viabel, doch es gibt keinen Schutz gegen die Wiederkehr der Geister. Vielleicht ist es nur das Gespenst Gottes, das uns zur Zeit heimsucht, in Form einer Verschwörung der Kreationisten. Ich denke, es ist berechtigt hier eine Verschwörung zu wittern.

Letztendlich muss ich aber selber entscheiden, was ich glauben will. Aber ich kann gewiss sein, dass meine Entscheidung eine der Entscheidungen sein wird, die über die Viablitität mitentschieden haben wird.

Ich jedenfalls glaube an Gespenster und ich nehme sie sehr ernst: Ernster als Kreationismus, Gott oder Verschwörungstheorien.


War Nietzsche ein Rocker?

Ich sage euch:
man muss immer noch Chaos in sich haben,
um einen tanzenden Stern gebären zu können.

(Zarathustras Vorrede)

Auf die von JGE in seiner Philobar gestellte Frage, warum Nietzsche so populär ist, gibt es eigentlich nur eine Antwort: Nietzsche ist Philosophie gewordener Rock’n Roll.

Er ist eine tragische Figur der Auflehnung gegen das bürgerliche Spießertum. Er ist ein wütender, alle Gewissheiten zerschlagender Hotelzimmerverwüster. Er ist der größenwahnsinnige Brachialpolemiker mit dem Holzhammer. Und dennoch ist er auch der traurige Außenseiter, von seinen unglücklichen Lieben aufgezehrt und schließlich auch mithilfe von Drogen um den Verstand gebracht. Es ist, als sei er nie wirklich erwachsen geworden, was ihm eine nicht zu nehmende Schärfe verleiht, ihn aber letztendlich vollends den Verstand und wohl auch das Leben kostete. So bleibt er uns im Gedächtnis wie so viele andere, James Dean, Jimmy Hendrix und Kurt Cobain, als ein Märtyrer dieser sinnlosen Rebellion, die man Jugend nennt.

Ach ja, er selbst hat mit Begeisterung, aber dafür weniger mit Erfolg Musik gemacht, dabei orientierte sich sein Musikgeschmack erklärtermaßen an Richard Wagner, wessen Werk sich eine gewisse Rock’n Roll-Attitüde nicht absprechen lässt. (wobei ich immer noch Beethoven für den größten Rocker unter Klassikern halte)