Des Faschodrives neuste bürgerliche Fassade

Ich muss zugeben, dass mir die Ereignisse und immer noch überall ausbrechenden Nachbeben zu Hamburg ebenfalls zu denken geben. Sascha Lobo beschreibt das, was mich beunruhigt so:

„ein sozialer Medien-Massenfuror, nicht als einzelner Wutausbruch, sondern über zwei, drei Tage, sich immer wieder selbstentzündend. Die deutsche Netzöffentlichkeit hat sich nach anfänglicher Irritation über die Härte der Polizei hineingesteigert in einen Empörungsrausch. […] Jemand fordert, man müsse „diese Leute endlich Terroristen nennen“. Jemand anderes erklärt, dass nach der ersten Gewaltnacht eigentlich jeder Demonstrant zum Mob gehöre. Ein Dritter wünscht sich Scharfschützen herbei, es könnte ein überzogener Scherz sein, aber weitere Kommentare sind eindeutig: „Abschlachten das Pack“, „zur Strafe selbst anzünden“, „Erschießen ist zu gnädig“.“

Nicht nur Sascha ist das aufgefallen, sondern auch Leo Fischer. Er aber sieht in den maßlosen Kommentaren nicht einfach den emotionalen Momentzustand der Kommentatoren, sondern unterstellt eine unterschwellige Grundstimmung. Er nennt diese Leute „Umfaller“, weil sie sich liberalbürgerlich inszenieren, heimlich aber Pozeistaatsphantasien pflegen.

„Ich weiß nicht, wie Sie’s halten, aber ich merke mir solche Leute. Gerade solche, die von unserer als der freiesten aller Gesellschaften schwafeln, aber sich in wütendste Apologeten der Staatsgewalt verwandeln, sobald sie das Gefühl haben, dass nun doch der Ausnahmezustand vor der Tür steht. Diese Leute sind zu nichts zu gebrauchen. Ihre Liberalität, ihre Bürgerlichkeit, ihr Konservatismus ist nichts wert, wenn er unter der geringsten Erschütterung zusammenbricht. Ihre Liebe zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung reicht nur für den Alltag.“

Ich glaube, Fischer hat recht. Dahinter steckt mehr, als ein im Eifer des Gefechts passierter Ausbruch. Und hier ist nun meine Theorie dazu:

Es wurde ja des öfteren bemerkt, dass wir es derzeit mit einem weltweiten Rechtsruck zu tun haben. Wir sehen die Türkei in die Diktatur abdriften, Polen und Ungarn eifern ihr nach. Brexit und Trump waren ebenfalls solche Indikatoren. Man kann von einer weltweiten Lust am Totalitären sprechen, am Autokratischen, an uneingegrenzter staatlicher Gewalt und einfachem Freund/Feind-Denken. Ich nenne diese allgemein steigende Lust am Totalitären der Einfachheit halber den „Faschodrive“. (Ich habe indes keine gute Theorie dazu, wo er herkommt, darum soll es hier aber auch nicht gehen.)

Interessanter Weise galt Deutschland immer – und seit die AfD so absäuft – immer mehr als Ausnahme zu diesem Trend. Und ich fürchte, das beruht auf einem Mißverständnis.

Es ist zwar richtig, dass der Faschodrive in Deutschland besondere Herausforderungen zu meistern hat, da er aufgrund unserer Geschichte … sagen wir verpönt ist. Aber das heißt nur, dass umso mehr Energie darauf abgestellt werden muss, beim vor sich hinfaschistoieren, die bürgerliche Fassade zu wahren. Das ist genau das Angebot, das die AfD immer unterbreitete und eine ganze Zeit lang erfolgreich an den Mann gebracht hat. Ich persönlich glaube, es war Björn Höcke, der es versaut hat. Seine Rhetorik erinnerte dann doch einen Deut zu viel an den Geschichtsunterricht, so dass die bürgerliche Fassade nicht mehr glaubhaft aufrecht zu erhalten war. Die bürgerlichen Sympathisanten fühlten sich ertappt und wandten sich ab, von den – auf einmal – Schmuddelkindern.

Der Zusammenbruch der AfD ist natürlich zu begrüßen, heißt aber auch, dass der wachsende Faschodrive seit einem Jahr ein neues Ventil sucht. Und dieses fand er in Hamburg. Wenn man die öffentlichen Reaktionen aus dem bürgerlichen Lager in Relation zu den tatsächlichen Ereignissen stellt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass hier etwas explodiert ist. Und das, was da explodierte, hatte wenig mit den paar brennenden Autos und Mülltonnen zu tun, sondern ist viel besser mit einem überreifen, entzündeten Pickel voller Faschodrive-Eiter vergleichbar.

Aber warum Hamburg? Wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, woran der Faschodrive in Deutschland so leidet, stellt man fest, dass Hamburg ein super Anlass war, ihn unter einer perfekt bürgerlichen Tarnung zu entfesseln.

  1. Während die AfD und Pegida-Heinis immer „gegen das System“, waren, konnte man bei Hamburg „mit aller Härte“ für das System sein. Hier waren die Linken die Outsider und kaum hatte man sie als Outgroup definiert, konnte man ihnen schnell jedes Recht auf alles absprechen. Und wer sollte die eigene Bürgerlichkeit dabei in Frage stellen, wo doch der Bürger traditionell immer auf Seiten des Staates ist. Sich mit dem System zu identifizieren und diejenigen zu jagen, die „gegen das System“ sind, passt prima in das bürgerliche Selbstbild. (Natürlich wären, wenn diese Menschen es wirklich durchdächten, Freiheiten wie das Versammlungsrecht und das Recht auf körperliche Unversehrtheit auch der Polizei gegenüber ebenfalls „Teil des Systems“, aber solche Ausbrüche haben ja selten etwas mit denken zu tun.)

  2. Die Linken sind auch deswegen gerade das perfekte Ziel des Faschodrives, weil der Angriff auf sie nicht unter Rassismusverdacht fällt. Das ist sehr wichtig, weil es – gerade auch durch die Debatten um AfD und Pegida – eine verschärfte Diskussion um bürgerliche Werte gab, in der Rassismus mehr und mehr als unbürgerlich und pfuibah identifiziert wurde. Das kann man durchaus als Erfolg verbuchen, führt aber erstmal dazu, dass sich die Bürgerlichen für ihren Faschodrive neue Hassopfer suchen müssen. Die Linksradikalen geben hier – mit ihrer meist selbst weißdeutsch-bürgerlichen Herkunft – ein unbelastetes Ziel ab.

  3. Man kann die Links(-Radikalen/Extremisten) hassen, ohne sich damit „gefühlt“ politisch allzu sehr zu verorten. Während man bei der AfD gleich ein ganzes politisches Programm unterschreiben muss und bei Pegida immerhin mit den Redebeiträgen und hochgehaltenen Schildern OK sein muss, kann man die eigene Härte gegen „Linke“ für sich immer noch in ein pragmatisches Narrativ verpacken. Man will ja nur Ruhe und Ordnung bewahren und wenn dabei ein paar Demos verhindert werden, Knochen brechen und Menschen unschuldig hinter Gittern landen, dann ist das eben ein kleiner Preis, den man dafür zahlt. Dass die eigenen totalitären Forderungen weit über jede Verhältnismäßigkeit hinausgehen, ist ja schließlich Ansichtssache.

Und so wurden die Hamburgereignisse ein ideales Ventil für den inneren Nazi mit der perfekten bürgerlichen Tarnung. Und das macht es so gefährlich.

Daraus kann sich etwas entwickeln, das ich für fast noch gefährlicher halte, als die AfD. Eine aus der bürgerlichen Mitte entspringende Bewegung, die Schulter an Schulter mit dem Establishment Amok gegen das Grundgesetz rennt – mit der Rechtfertigungsstrategie, es zu verteidigen.

Jetzt werden mir die Bürgerrechtsbewegten auf die Schulter klopfen und zurecht einwenden, dass diese Bewegung lange Existiert und mal „CDU“ und mal „SPD“ und in letzter Zeit vor allem „Große Koalition“ genannt wird. Aber ich meine es ernst. Es ginge hier nicht mehr um das Kleinklein stetig ausgedehnter Vorratsdatenspeicherungstaatstrojaner-Befugnisse, sondern um das Umsetzen der Forderungen, die man nach Hamburg eben so hörte. Zerschlagt die Antifa, stürmt die Rote Flora, schießt auf linke Demonstranten, die Bundeswehr soll die Schanze aufräumen. Sowas. Also eher voll in Richtung Erdogan.

Was daraus folgt? Wir sollten, nur weil die AfD besiegt erscheint, nicht aufhören, wachsam zu sein. Der Faschodrive kann uns auch in Gestalt eines SPD-Bürgermeisters oder eines sonst liberalen Kommentator entgegenspringen. Leo Fischer hat recht. Wir sollten uns diese Menschen merken.


Nachgetragen: Bundestagsanhörung

Mit meinem alten Macbook Air (2010) konnte ich irgendwann keinen Videoschnitt mehr machen, weswegen ich einige Veröffentlichungen aufgeschoben habe. Mit dem neuen Macbook geht das wieder ganz gut, so mein Eindruck, weswegen ich nun hier ein paar Videos von Auftritten nachreichen möchte.

In diesem Fall handelt es sich um einen Zusammenschnitt meines Auftritts als Sachverständiger im Ausschuss Digitale Agenda des Bundestags vom Dezember 2016. Es ging um Plattformregulierung, Interoperabilität und Neutralität. Ich habe hier nur die Einleitung, mein Eingangsstatement sowie die Fragen an mich und meine Antworten auf bequeme 22 Minuten zusammengeschnitten. Die gesamte Anhörung findet ihr hier, und hier findet ihr noch den von mit beantworteten Fragenkatalog, der das, was ich im Video nur in aller Kürze ansprechen kann, genauer ausführt. Viel Spaß.


Enttäuschung

Ganz ehrlich, ich bin enttäuscht. Ein großes, ein deutliches Zeichen hier lebender Muslime gegen den islamistischen Terror hätte ich schön gefunden. Nein, nicht nur schön. Ich hätte es notwendig gefunden.

Aber nur einige Hundert Leute, statt der angekündigten 10.000? Das ist schon bitter! Dabei war der Aufruf nicht mal exklusiv gegen islamistischen Terror gerichtet, sondern auch gegen Gewalt an Muslimen. Das ist nicht genug.

In linken Kreisen wird jetzt wieder und wieder das Mantra ausgebreitet, dass die Muslime und der Islam doch gar nichts mit den islamistischen Anschlägen zu tun hätten. Und dass es unfair sei, von ihnen zu verlangen, sich davon zu distanzieren. Und ob ich mich auch von allen Anschlägen distanzieren würde, die von Christen verübt würden?

Diese Argumentation hört sich nur für einen kurzen Augenblick lang schlüssig an, fällt aber in sich zusammen, sobald man merkt, dass sie die falsche Äquivalenz aufmacht.

Anschläge beispielsweise von Rechtsradikalen werden nicht im Namen des Christentums verübt. Sie werden im Namen einer bestimmten Vorstellung des Deutschseins verübt. Also, ja, in meinem Namen.

Heißt das, dass ich damit etwas zu tun habe? Nein, das heißt es nicht. Nicht ich persönlich. Aber es heißt auch, dass die Aussage im Raum steht, diese Anschläge seien in meinem Namen passiert. Und völlig unabhängig davon, ob irgendwer diese Aussage ernsthaft glaubt, fühle ich, dass ich ihr widersprechen muss.

Und ich bin nicht der Einzige, der so empfindet. Es widersprechen viele Deutsche immer wieder, laut und deutlich diesem von rechts gesetzten Narrativ. Unter anderem und am deutlichsten auf Demonstrationen gegen rechts, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten wie Gesprächen, Diskussionen; on- wie offline. Es ist mir wichtig, klar zu signalisieren, dass solche Dinge nicht in meinem Namen passieren. Auch dann, wenn mich niemand dazu auffordert.

Ich erzähle das nicht, um mich selbst zu loben. Um ehrlich zu sein, bin ich eher ein unterdurchschnittlicher Antifaschist. Ich will auch nicht sagen, dass in Deutschland in Bezug auf rechts alles ok ist. Das Gegenteil ist der Fall! Ich denke aber schon, dass es in Deutschland ein sichtbares Problembewusstsein und eine weitgehend normalen Abgrenzungsdiskurs gegen rechts und gegen rechte Gewalttaten gibt. Dass es zumindest viele hunderttausende Menschen in Deutschland gibt, die eine solche Abgrenzung regelmäßig und öffentlich praktizieren. Das ist nicht gut, sondern normal. Es sollte zumindest normal sein.

Sascha Lobo hatte neulich anlässlich einer Rede von Björn Höcke an einem Gedankenexperiment illustriert, warum das so wichtig ist.

„Wenn sich einhundert Menschen versammeln, und ein paar sind darunter, die murmeln Nazi-Zeug – das macht die restlichen 95 nicht zu Nazis. Aber wenn diese paar zum Beispiel anfangen würden, sichtbar Hakenkreuz-Fahnen zu hissen, dann kommt ein essenzieller Moment: Wie gehen die 95 mit den fünfen um? Akzeptiert die große Mehrheit diese Symbole unwidersprochen? Bleiben die fünf Teil der Gruppe? Ab einem bestimmten Punkt steht eine gehisste Fahne nicht mehr nur für die fünf, sondern kann oder muss als Absichtserklärung der gesamten Gruppe verstanden werden. So funktioniert politische Gruppendynamik: über Zustimmung, Schweigen und Abgrenzung. Und es gibt einen Moment, da wird Schweigen zur Zustimmung. Als würde man ohne Protest einer Fahne hinterherlaufen.“

Wenn jemand im Namen einer Gruppe Mist baut, dann ist die Gruppe in der Pflicht, sich von dem Mist zu distanzieren. Sonst muss sie sich vorhalten lassen, den Mist zumindest zu dulden.

Die Terroristen stellen den Bezug ihrer Anschläge zum Islam immer wieder deutlich her. Unter Muslimen scheint aber das Bedürfnis sich gegen diese Vereinnahmung zu wehren, nicht sonderlich groß zu sein. Und das verstehe ich nicht und es macht mich traurig. Natürlich kann man mit Rassismus, Islamophobie und genereller Unterprivilegiertheit als Nichtdeutsche einiges erklären. Aber all diese Erklärungen reichen an dieser Stelle schon lange nicht mehr aus.

Mir scheint, dass ein antifaschistisches Problembewusstsein im Islam wenig ausgeprägt ist. Ich weiß, dass mein Wort für Muslime wenig Gewicht hat und dass man solche Dinge von außen schwerlich einfordern kann. Aber ich glaube, dass sich was ändern muss. Diese Änderung können Muslime nur selbst bewirken. Ich kann aber an dieser Stelle nicht mehr so tun, als gäbe es kein Problem.

PS: Falls Muslime hier mitlesen, möchte ich noch eine persönliche Botschaft loswerden. Es ist doch so: Islamistische Terroristen und europäische Rechtsradikale haben ein gemeinsames Ziel. Sie wollen das friedliche Zusammenleben zwischen euch und uns Nichtmuslimen verhindern. Sie wollen uns gegeneinander aufhetzen. Lass uns einen Pakt machen: Ich trete dem Teil in Arsch, der sich anmaßt, in meinem Namen zu hetzen und zu töten und du trittst denjenigen in den Arsch, die vorgeben, in deinem Namen Bomben zu bauen. Lass uns gemeinsam zeigen, dass diese Leute nicht für uns sprechen. Lass uns zeigen, dass es ein „uns“ jenseits dieser beiden Gruppen gibt und dass „sie“ in der Minderheit sind.


Ferris Bueller und mein verinnerlichter Neoliberalismus

Gestern habe ich nach Ewigkeiten mal wieder Ferris Bueller’s Day Off gesehen. Für mich ist es einer dieser Filme, die man in der Jugend gesehen hat, die einen ziemlich geprägt haben. Ich habe mir ihn immer mal wieder angeschaut, auch deswegen, weil er verdammt gut gealtert ist. Es ist immer noch ein handwerklich wahnsinnig rundes Werk und es war popkulturell ohne Frage enorm einflussreich.

Was mir aber das erste mal aufgefallen ist, ist, dass der ganze Film im Grunde eine einzige Reflexion der Philosophie Ayn Rands ist. Das meine ich nicht oberflächlich oder polemisch, so wie viele Hollywoodschinken irgendwie Rand’isch-neoliberal daherkommen, sondern ich meine es sehr konkret.

Ferris Bueller ist der ideale Rand-Charakter. Er ist egoistisch, liebt es, sich über Regeln hinwegzusetzen und dabei sind ihm alle Mittel recht. Er täuscht seine Mitmenschen und nutzt sie gnadenlos aus, seine Familie, seine Freunde, die Institutionen, alle. Alle anderen Menschen scheinen zu seinem Amüsement zu existieren.

Klingt extrem unsympathisch? Im Film eben nicht! Der Film schafft es, Ferris Bueller dennoch als extrem „likeable“ zu zeichnen. Für die anderen Charaktäre im Film ist er das Gegenteil eines Unsympaths, einer, den alle mögen, gar frenetisch bewundern und lieben. Alle wollen so sein wie er und am Ende – und hier kickt die Rand-Message erst so richtig rein – profitieren auch alle von seinen selbstsüchtigen Aktionen.

Da ist zum einen sein „Freund“ Cameron (es fällt wirklich schwer, diese Beziehung als Freundschaft zu charakterisieren). Der ist gehemmt, extrem fremdbestimmt durch sein überreguliertes Elternhaus und ihm geht es deswegen immer schlecht. Ferris überredet ihn ständig zu Dingen, die er nicht will, im Film vor allem das super wertvolle Auto (ein alter Ferrari) seines Vaters für ihre Spritztour zu nutzen. Ferris verkauft ihm das so, als würde er das für ihn tun, ihm quasi beibringen, frei zu sein. Aber in Wirklichkeit – das gibt er selbst zu – geht es ihm doch nur um den Spaß mit dem Auto. Der Film jedoch kommt zu einem Ende, an dem Ferris‘ beständiges Ausnutzen seines Freundes diesen so weit bringt, sich in einer dramatischen Aktion von seinen Eltern zu emanzipieren.

Am krassesten wird das Narrativ „Ferris Selbstsucht macht alle glücklich“ in Szene gesetzt, als er sich auf den Festwagen einer Parade schmuggelt und dann Rockenroll-lieder schmettert und die ganze Stadt (Chicago) deswegen ausflippt. Wir lernen: nur weil Ferris alle Regeln bricht – blau macht, alle anlügt, illegal den Paradenwagen in Beschlag nimmt, etc – und dabei ausschließlich egoistisch seinem Drang nach Spaß nachgeht, kann er sein Potential entfalten. Und dieses Potential ist es, wovon die ganze Gesellschaft dann profitiert – dargestellt als tanzende Menge. Das ist Ayn Rand in Reinform.

Und dann ist da noch Ferris‘ Schwester, Jeanie Bueller. Ihr Problem ist, dass sie wahnsinnig neidisch ist auf ihren Bruder ist. Sie findet es schrecklich, dass Ferris alle Regeln bricht und damit nicht nur durchkommt, sondern dafür auch noch geliebt und bewundert wird. Sie wird im Laufe des Films aber „geheilt“, indem ein sehr junger Charlie Sheen ihr rät, sich statt um ihren Bruder, mehr um sich selbst zu kümmern. Wir lernen: Die Heilung von Neid gegenüber den Grenzüberschreitern ist also eine eigene, „gesunde“ Selbstsucht zu entwickeln. Cameron und Jeanie werden also beide „geheilt“, indem sie ihren Fokus wie Ferris ausschließlich auf sich selbst richten, auf ihre eigenen Wünsche und ihr eigenes Fortkommen.

Das ist exakt das, was uns Ferris bereits in den ersten Minuten des Films auf den Weg gibt. Als er aus der Dusche steigt, erzählt er uns, dass er von „communism, fashism“ und anderen „isms“ nichts hält. Ein Ferris Bueller glaubt an nichts anderes als sich selbst. Und dass es darum geht, Spaß zu haben im Leben. Aber gut, die eigene Ideologie als Antideologie zu verkaufen ist ein sehr alter Trick.

Aber schauen wir den Tatsachen ins Gesicht: Ferris und die Welt haben eine „abusive Relationship“ und die Welt leidet am Stockholmsyndrom im Spätstadium. Ferris ist ein Arschloch und vielleicht wird er mit seiner Masche in seinem Leben noch einige Erfolge feiern, aber irgendwann wird er sehr, sehr einsam sein. Naja gut. Oder er wird Präsident der USA.

Als ich den Film zum ersten Mal sah, hatte ich ja keine Ahnung von Ayn Rand und ihren Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft und die Mächtigkeit der neoliberalen Ideologie. Mir vermittelte der Film tatsächlich Konzepte von Freiheit, die ich verinnerlicht habe. Besonders habe ich dieses umbedingte Lob auf den Individualismus verinnerlicht und auch, dass Regelbrechen zum Freisein dazugehört – zumindest, dass Regeln der Freiheit im Weg stehen.

Ich habe mich nie wirklich wohl gefühlt beim Regelnbrechen, deswegen bin ich über die Jahre zu anderen Strategien übergegangen. Ich bin eher ein großer Regelvermeider. Ich versuche mich immer Situationen zu entziehen, in denen ich mich Regeln oder dem Regime anderer unterzuordnen habe. Und ich muss gestehen, dass ich immer noch ein Problem damit habe, Autoritäten anzuerkennen und mich in Gemeinschaften einzufügen.

Ich weiß nicht genau, was ich mit dieser Erkenntnis machen soll. Ich trage sicher eine ordentliche Portion Rand’schen Neoliberalismus in mir und ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich ihn in Gänze loswerden will. Mein Freiheitsdrang hat mich dorthin gebracht, wo ich bin und ich kann mir viele Situationen vorstellen, in denen ich unglücklicher wäre. Und über Jahre habe ich gelernt, meinen Egoismus besser zu reflektieren und bewusster dagegenzusteuern.

Was ich aber jede/r/m empfehlen kann, ist sich immer mal wieder die Filme (oder Bücher), die einen als Jungendliche/r geprägt haben, kritisch in die Hand zu nehmen und zu untersuchen, welche Ideologien man da mit der Muttermilch aufgesogen hat. Man lernt da unter Umständen viel über sich selbst.


Linkliste zur Alt-Right

Seit Trumps Wahlsieg beschäftige ich mich ziemlich eingehend mit der Alt-Right-Bewegungen und allem, was da so drumrum passiert ist. Ich habe den Eindruck die letzten Jahre etwas verpasst zu haben, das direkt in meinem thematischen Vorgarten passiert ist und dessen Auswirkungen wir nun schlagartig zu spüren bekommen. Das sichtbarste Zeichen ist, dass mit Steve Bannon der wahrscheinlich wichtigste Kopf im Weißen Haus aus dieser Szene kommt.

Ich habe also das Gefühl, dass ich etwas Wesentliches nicht mitbekommen habe, also habe ich nachgesessen und viel gelesen. Herausgekommen ist dabei zunächst die Serie „Das Regime der Demokratischen Wahrheit“, in der es eigentlich um einen anderen Aspekt geht, der sich aber nach und nach immer tiefer in die Analyse der Alt-Right hineinbegeben wird. (Teil I, Teil II, Teil III … to be continued … – und jetzt auch leicht überarbeitet auf Riffreporter.)

So langsam habe ich das Gefühl einen Überblick zu haben, was wie zur Alt-Right dazugehört und wo die ideologischen Linien verlaufen. Und weil ich ja nicht so bin, habe ich mal eine kommentierte Linkliste erstellt, von Texten, die mir weitergeholfen haben.

Die Liste ist alles andere als vollständig, aber als Überblick vielleicht hilfreich. Man merkt sicher auch, dass ich einen Schwerpunkt auf die netzkulturellen Strömungen der Alt-Right gelegt habe, der nicht repräsentativ sein muss. Der richtig harte Nazi-Teil ist etwas unterrepräsentiert, wie auch der esoterische Ansatz. Die Richard Spencer-Ecke scheint mir aber nicht viel neues zu beinhalten, sondern ziemlich mit dem kongruent zu sein, was wir in Europa unter Nouvelle Droite und der Identitären Bewegung kennen.

Überblick zur Alt-Right

  • Fangen wir erstmal mit diesem großartigen Vortrag von Florian Cramer an. Geschlagene zwei Stunden, die sich aber von Anfang bis Ende lohnen.

  • Der beste Überblicksartikel ist dieser hier. Er enthält auch eine hilfreiche Karte, die die verschiedenen Strömungen kartiert.
  • Manchmal kann es sinnvoll sein, die Rechte über sich selbst reden zu lesen. Milo Yiannopoulos hat einen wirklich lesenwerten Überblick auf Breitbart über die Bewegung veröffentlicht, den ich aus offensichtlichen Gründen nicht aktiv verlinken will: http://www.breitbart.com/tech/2016/03/29/an-establishment-conservatives-guide-to-the-alt-right/
  • Dieser Dailywire-Artikel ist quasi eine Antwort auf Milos Artikel und entsprechend kritischer.
  • Eine allgemeine, tiefgehende, wissenschaftliche Ressorce zur zur rechten Szene allgemein bietet das Namensverzeichnis des Southern Powerty Law Center

Steve Bannon

Steve Bannon ist natürlich der interessanteste (und derzeit mächtigste) Kopf. Über ihn ist viel geschrieben worden. Ich habe mich vor allem darauf konzentriert, was Bannon so denkt, ideologisch.

  • Portrait über ihn in der NYTimes.
  • Was Bannon so liest.
  • Die Theorie des Fourth Turning, die zentral für Bannons Denken ist.
  • Historisch spannend: Bannon interviewt Trump als er noch nicht in die Kampagne involiert war. (2. nov. 2015): http://www.breitbart.com/2016-presidential-race/2015/11/02/exclusive-full-breitbart-news-daily-interview-with-gop-frontrunner-donald-trump/
  • Bannon himself als Gast im Breitbart-Podcast als er dann Trumps Campaign Manager war: http://www.breitbart.com/radio/2016/11/02/trump-campaign-ceo-stephen-k-bannon-speaks-with-breitbart-news-daily-to-celebrate-show-anniversary/
  • The Camp of the Saints – ein französischer Roman aus den 70ern, der zum kulturellen Ankerpunkt in der Immigrationfrage in der neuen Rechten wurde und ebenfalls für Bannon wichtig ist.

4Chan – Trolling Culture

4Chan oder allgemeiner die Trolling-Culture spielt eine wesentliche Rolle bei der Alt-Right. Personell, aber vor allem strategisch.

The_Donald / TheRedPill

Reddit spielte neben 4Chan (und 8Chan) eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Alt-Right. Einerseits mit r/The_Donald. Das ist ein Subreddit, in dem sich Trumpsupporter im Netz fanden und gegenseitig anstachelten. Mit diesem Subreddit eng verbandelt ist eine ältere Community: r/TheRedPill. Eine wilde Mischung aus Trollen, Pickup-Artists, Rassisten, die aber eine richtige (verschwörungstheretische) Ideologie entwickelt haben.

Neo-Reactionism/Dark Enlightenment

Wenn die Alt-Right sowas wie die netzgewordene konservative Revolutuion ist, dann ist das Neo-Reactionary-Movement sowas wie der George-Kreis. Klein, fein, hoch intellektuell und mit großem Einfluss auf die Alt-Right-Bewegung, ihr aber nicht direkt zugehörig. Allein dass Peter Thiel, der einflussreiche Silicon Valley Investor ein Adept ist, macht die Sache relevant. Es ist wohl die spannenste Seite der Alt-Right und mit Abstand die intellektuell anspruchsvollste.

Infowar/Stromfront/KKK/1488er

Wie gesagt, zu den fringigen Verschwörungsloonies, den Esotherikern und den harten Nazis hab ich nicht so viel.

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Passt nirgends richtig rein, ist aber auch wichtig.

Wenn ihr selbst gute Artikel gelesen habt, gerne in den Kommentaren ergänzen.


Ihr kämpft immer noch gegen die falsche Dystopie

/******** Dies ist ein Rant. Er ist undifferenziert und angreifbar. Ich habe das Gesagte allerdings in differenzierter und durchargumentierter Form in meinen Blogs und vor allem in meinem Buch vorgelegt. Ich darf das. ********/

Technologischer Totalitarismus! Edward Snowden! Wir werden alle unterdrückt! Die Zivilgesellschaft ist am Boden, die Demokratie gemanagt! Das Internet ist zur Kontrollarchitektur geworden, die uns alle versklavt! Überwachungskapitalismus! Totale Kontrolle, kein Entrinnen! Wir müssen Widerstand leisten! Wir brauchen dringend neue, digitale Grundrechte! Und zwar jetzt! Reclaim Autonomie!

Ihr habt doch alle den Schuß nicht gehört! Habt ihr die letzten Jahre einmal aufgepasst? Habt ihr überhaupt mal hingesehen, was gerade passiert?

Nein. Wir haben kein Problem mit der Unfreiheit des Bürgers. Dem Bürger geht es gut. Der ist so frei wie niemals zuvor! Trotz NSA. Trotz Google und Facebook. Nein, halt. Das Gegenteil ist der Fall! Gerade durch Google und Facebook! Durch das Internet.

Ihr erzählt alles falsch herum. Der Bürger wurde durch das Internet ermächtigt, nicht geschwächt. Er wurde immer mächtiger und mächtiger. Er wurde zum Monster. Und der Staat ohnmächtig.

Was ist los? Der Wutbürger ist los! und das Internet hat ihn entfesselt. Und wir – die Netzpeople – wollten das so.

Erinnert euch: wir kämpften für freie Vernetzung, Abbau aller Hierarchien, für dezentrale Machtverteilung, alternative Medien, Gegenöffentlichkeiten und feierten den Tod des Gatekeepers. Zehn Jahre ist das erst her.

Und wir bekamen PEGIDA und andere Facebookgruppen voller Hass, ein Journalismus in der Krise, der niemanden mehr erreicht, weil die alternativen Medien jetzt überall sind und lieber Verschwörungstheorien und Fakenews verbreiten. Eine weltweite Bewegung der desinformierten Wutbürger pflügt gerade die Welt um.

Rafft es endlich: Wir leben nicht in der Dystopie eines Schirrmachers oder Snowdens, sondern in der Utopie der Netzgemeinde. Gone horribly wrong.

Wir waren naiv. Wir dachten der Staat, die Institutionen und die Unternehmen seien die Bösen. Der Mensch müsse nur befreit werden, denn der Mensch, der sei gut. Wir haben uns geirrt.

Und jetzt schreien wir Google und Facebook an, als ob sie Schuld seien an dieser unserer Misere, dabei meinen wir eigentlich: „Hilfe! Wir ersticken im eigenen Hass! Wir brauchen wieder Regulierung, Gatekeeper, Kommunikationskontrolle, zentrale Instanzen, die regeln, was richtig und was falsch ist.“ Wir schreien nach Netzinnenpolitik.

Aber das wird nicht so einfach werden. Der Wutbürger ist los und er wird sich nicht so leicht wieder einfangen lassen. Die Freiheit, die wir ihm gegeben haben, wird er eisern verteidigen. Man merkt das immer dann, wenn irgendwer versucht, beispielsweise gegen Hatespeech und Fakenews vorzugehen. Der Shitstorm („ZENSUR!!1“) ist garantiert.

Wir sind mitten in einem Kulturkampf und die Plattformen werden darin mit Sicherheit eine Schlüsselrolle spielen. Gerade weil sie zentralistische Moloche sind und als solche die Einziegen sind, die die Macht haben, in den Meinungskampf einzugreifen. Und wenn das passiert, dann nicht deshalb, weil Mark Zuckerberg die Weltherrschaft an sich reißen will, sondern weil wir ihn darum anflehen werden.

Ja, das ist der Ort an dem wir sind. Es ist kein schöner Ort. Also können bitte die Feuilletonisten und Netzintellektuellen endlich von ihren „Überwachungskapitalismus“-Podien heruntersteigen und anerkennen, dass sie seit Jahren gegen den falschen Feind anrennen?

Und können wir endlich mal eine ehrliche Debatte führen, ohne den Schirrmacherbullshit? Dann wär doch mal was gewonnen.


IRL – Spätherbstedition

Die Zeiten sind bewegt und deswegen müssen wir reden. Also IRL (in real life), wie man so sagt. Und wie ich das manchmal tue, hier – zusammengefasst – die Veranstaltungen der nächsten Tage.

  1. Nächsten Dienstag, also den 22. November um 17:45 Uhr halte ich einen Vortrag über den „Aufstieg der Plattformen„, am Institut für Kunst und Kunsttheorie / Block B / Theaterraum / R 2.212 / Gronewaldstraße 2, Köln. Zu der Veranstaltung gibt es sogar ein tolles GIF! Seemann_kl

  2. Am Samstag, den 3. Dezember bin ich bei dem Save Democracy Camp im Betahaus in Hamburg zugegen wo wir alle gemeinsam die Demokratie retten werden und werde da sicher ein paar Dinge über die Globale Klasse und die Netzwerkmacht erzählen.

  3. Donnerstag, den 1. Dezember um 19:00 Uhr, moderiere ich den Wikimedia ABC-Salon. Es geht um N wie Niemandsland und um die Frage, ob das Netz zu unreguliert ist. Teilnehmer/innen sind Bruno Kramm und Eva Horn. Die Veranstaltung findet dieses mal im Museum für Kommunikation statt. Leipziger Straße 16.

  4. Montag, den 5. Dezember um 19:30 Uhr, sitze ich auf einem Panel der Konrad Adenauer Stiftung (OHO!) und rede mit spannenden Gäst/innen über „Die Radikalisierung des politischen Diskurs im (vermeintlich?) bürgerlichen Milieu.“ (Ich gehe mal davon aus, dass das in der KAS in Berlin stattfindet)

  5. Mittwoch, den 14. Dezember 16:00 – 18:00 Uhr bin ich als Sachverständiger im Bundestagsanhörung zum Thema: Plattformen: „Interoperabilität und Neutralität“ angefragt worden. (Da Jörn Pohl das schon auf Twitter verbreitet hat, darf ich annehmen, dass das bereits offiziell ist.)

Ich verblogge meine Veranstaltungen nur selten. Wer immer auf dem Laufenden bleiben will, kann sich meinen Veranstaltungskalender abonnieren.


The Global Class – Another World is Possible, but this time, it’s a threat (english version).

/***** My text about the global class has proven somewhat popular, so some readers came up with an english translation. Thank you Pascal Zuta, Daniel Finck! *****/

The Western world is bubbling with a kind of newfound excitement. From all reaches of the globe, cutting-edge “right-wing” movements spring forth and gain momentum. Trump, the Alternative for Germany (“AfD”), the Freedom Party of Austria (“FPÖ”), Marine Le Pen, Brexit… the list goes on, filled with people and organizations giving certain groups of citizens a voice that previously only buzzed quietly just beneath our subconscious. A voice of hatred, of displeasure, of indignation. And all the rest of us can do is sit back and wonder where all this scarcely contained umbrage could have originated from… and where it’s been hiding.

It may be no coincidence that the left believes to have found it’s spooky doppelganger. They see “losers” of globalization, who have been left behind by the capitalist system, and have just re-discovered their political voice. Only, in the midst of their perceived „false consciousness,“ they’ve yet to realize that their true enemy is the capitalist.

The figures don’t show this. It’s true—the army of the frustrated is a large group of low-income and poorly educated service workers. But there is also a second group, almost as large as the first, made up of the bourgeoisie, the middle class, a class which, so far, has been fairly well-represented in the ongoing class wars. German Sociologist Heinz Bude is already talking of a strategic alliance of these two classes, their frustrations analogous for the first time. While the motives of this precarious working class could be interpreted as Marxist, the disgruntled middle class citizens don’t really fit into this mold… do they?

How strange it is to see the working-class and middle-class citizens fighting alongside one another!

The blind spot that befalls us is effective because we ourselves cannot see what upsets them. Why? Because we are the offending party. We look around, embarrassed, but there is no one else. „Us?” We ask. “You couldn’t possibly mean us, right?“

Yes, indeed. The working and middle-class citizens have joined forces to fight a third class—us. But something very unpleasant needs first to be done in order to even recognize this third class. Instead of interpreting the frustration of this enraged group of citizens as a covert distribution struggle, one must listen to what these people say. You must put yourself in their shoes, listen to their cries, understand their narrative. Their fear, you need not take seriously, but rather, their slogans.

It begins with a conspiracy. A conspiracy that extends beyond all party boundaries. That there would no longer exist a real democracy, but, instead, only the one indistinguishable blend of parties, a bedfellow of the media (the Lügenpresse, or “lying press“), and now that an opposition has emerged (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit, and a „real alternative“ in Germany), well, some citizens are finally finding their voice.

It is easy to dismiss these ideas as crazy; however, if you look at the three main pillars of the new right-wing program—migration, globalization, and political correctness—there is no denying a certain basic consensus in the media and between parties. The thing about this consensus is that we gladly assumed it to be a consensus accepted by all of society. Because it is a reasonable consensus. Because it is a human consensus. Because, if I may so boldly say, it is the only correct consensus. It’s what we all want… right?

Let’s be honest here. Is it not frightening that you, as a leftist, in so many political aspects, find yourself siding with Angela Merkel? That you begin to defend projects like the European Union? Or that Yanis Varoufakis announced, in a pathetic tone, that he wants to „save capitalism”? As a genuinely leftish project? Is there not a consensus that has long been recognized as “without alternative” over all classical political frontiers? To welcome refugees with open arms and say to hell with all Nazis? Globalization is a fundamentally positive thing! We never use the N-word. We protect the rights of minorities. But how far does this consensus go? Not as far as we thought.

We forget that all political platforms are a question of perspective. Just as Jersey City and New York City regard themselves as fundamentally different cities and the people in Wyoming see only „East Coast,“ the anxious citizens, too, see us as a homogeneous group. We’re not accustomed to this because it contradicts the way we currently define things. But whether we agree or not doesn’t matter because we, too, are perceived as one group by this new right-wing movement. Already (and for some time now) we are being referred to as “one enemy.” Donald Trump and the alt-right movement have a name for us—“The Globalists.”

If Trump would read, he would have the opportunity to cite Ralf Dahrendorf, on that matter. He described this class quite aptly around the turn of the millennium. It is the ever-growing global unity that has enabled the rise of this new class. This “Global Class“ has discovered the advantages of globalization and made this its productive power. In writing this, Dahrendorf was referring not only to the capitalist entrepreneur who moved his production to Asia, but also to the yoga teacher, and to the Chinese family restaurant in Bottrop. But we moved beyond Dahrendorf. Already this global class has grown rapidly, stabilizing itself culturally on a worldwide scale. The difference now, however, is the productive force it controls—information. There exists, today, a globalized class of information workers of whom most of us are members, and this class is more homogenous and powerful than it thinks. They are well-educated, biased young people who are increasingly globally culturally oriented. They read the New York Times instead of watching the evening news. They have many foreign friends (and even more friends currently living abroad). They travel… a lot, and not necessarily for holiday either. It is a class that lives almost exclusively in large cities, that communicates in perfectly fluent English. A class for which Europe is not an abstract thing, but a reality of life, for which moving from Madrid to Stockholm for a job is “no big deal.” And while Europe and North America may be focal points, the class itself is, indeed, global. It exists in every country of the world—this group of well-connected, globally-oriented peoples. This new globalized class holds positions in the media, in startups, NGOs, political parties. Because it controls the flow of information (liberal media, the so-called “lying press”), it dictates cultural and political rhythms all across the globe. This does not mean that it’s politically homogeneous in its true sense, or at least it doesn’t feel that way. For example, in Germany, peoples of this group can be found all across the political spectrum—CDU, SPD, LEFT, GREEN, FDP.

This class sprung from the bourgeoisie but has emancipated itself from it. This shift of power took place in silence. At some point, the more progressive faction of the bourgeoisie became more culturally oriented and socially linked with its peers across national boundaries. The global class has emerged and accelerated the cultural change of globalization, as well as global standards, not only in business, but also in politics, ethics, and culture. These progressive, increasingly global-oriented people have simply outdated all others. Because they confuse themselves for society as a whole, they don’t even notice. They have no force on their side, and most don’t even have much money, though wealthy globalists do exist. In fact, this class has produced a number of well-off individuals, especially in Silicon Valley. What is interesting, however, is that they transform this wealth, above all, into discursive capital—they invest in other startups, or in ambitious world-rescue programs. Secretly, they have long-known what their real source of power is: they have control over information, and along with it, the definition of human decency.

Even if they perceive themselves als far left, in fact, views of the global class are far closer to Michelle Obama or Justin Trudeau than to the political views of most of their fellow citizens. Despite all this „neo-liberal bullshit,“ we consider the EU a good idea, we watch Netflix shows in their original languages, we cut ourselves off from regional and national cultural standards, idols, worldviews, and we are proud of it. We wrinkle our noses at those who cannot, or do not want to, renounce our nation as the most important framework for their identity and values. And the others—the ones culturally left behind—realize this quickly. They realize that their world has become too small for us, that we feel morally superior, and that we strive for something bigger, greater. Above all, they realize that we are successful in this—that we define the standards that are gradually imposed onto them. These standards of ecology, anti-racism, and anti-sexism are all accepted as politically-correct standards after all. The old standards, which are now depreciated and suppressed, once came from the middle class, from a time when they still had a say. It’s cultural gentrification.

In a magical way, the bourgeoisie has lost its power to set those standards even despite their possession of land, private health care, and upper management positions. The slogan of the Brexitians, „Take Back Control,” is the real battle cry of these new right-wing movements. There is a sense of loss of control in the bourgeoisie. Or perhaps, more succinctly, a loss of cultural hegemony, remembered as national “sovereignty.” English standards were determined in England, German standards in Germany, American standards in the U.S.A., but now the global class is messing everything up! This frightens the working class just as much as average citizens themselves. It is not that the working class will deny elites—quite the contrary, actually; however, many want to bring back the old elites, those elites who live in the same world they do. That’s why Trump succeeds where Mitt Romney failed. He’s a prime example of an elite citizen: someone with which the working-class can connect. Trump’s success isn’t based on education or political correctness. He represents the kind of despised elite of the good old days that people are craving. This is an elite that’s selfish and brutally capitalist, but who, above all, remains culturally and nationally grounded. One cannot win against this global class in an argument, so this new right movement simply refuses to argue. Trump, Brexit, and the resurrection of the German word ”Völkisch” (A word popular in the nazi era) are argumentative and moral paving stones to destroy our showcases. They are the international turmoil against the cultural hegemony of the global class. Brexit makes the direction clear— another world is possible, but this time, it is a threat.


Desillusionierung und Selbstdiagnose in Trumpistan

Was ist schief gegangen? Was können wir lernen? Sascha Lobo stellt die richtigen Fragen. Ich habe gestern Nacht noch anfangen darüber nachzudenken.

trauer und wut bei gleichzeitiger erkenntnis, dass trauer und wut
völlig unangemessen sind. das hier ist beyond scheiße. das hier ist
nicht der wahlsieg der falschen, es ist nicht das verlieren der
eigenen partei. es ist das platzen einer blase. so viel eingeständnis
muss sein. das heißt, dass der fehler hier bei mir liegt. in meiner
wahrnehmung. und wenn ich ehrlich bin, habe ich es längst gespürt.
nein, keine trumpaffinität. aber diese falschheit. das nicht-passen.
die uncannyness des valleys, in dem ich lebe. es war alles falsch. und
clinton war falsch. ich habe es gespürt, aber nicht eingesehen. ich
wollte es nicht wahrhaben. und jetzt? keine ahnung. erstmal alles in
frage stellen, woran ich glaubte. you fool me once (brexit), shame on
you. you fool me twice (trump), shame on me. me! ME! zuhören. den
spinnern. so absurd es sich anhört. aber die spinner hatten recht.
oder zumindest haben sie jetzt die macht. wir müssen ihnen zuhören,
auch wenn wir ihnen nicht zustimmen. aber ohne zuhören, ohne den
versuch zu verstehen, werden wir unser leben riskieren. denn sie sind
gefährlich. es wird jetzt alles anders. noch anderser als nach dem 11.
september. am 11. september wurde der westen angegriffen. heute stirbt
er.

Erste Beobachtung: Trump war unschlagbar.

Sein berühmter Spruch, dass er mitten am Tag auf der Fifth Ave in New York jemanden auf offener Straße erschießen könnte, ohne dass es ihn Wählerstimmen kostet, stimmt. Es fällt mir tatsächlich schwer, mir etwas vorzustellen, das dieser Mann noch hätte anstellen können, um als unwählbar zu gelten. Unterhalb von im Fernsehen lebende Menschenbabys zu verspeisen, fällt mir nichts ein.

Ebenso Clinton. Sie hat wirklich alles gegeben. Sie hat keinen einzigen Fehler gemacht. Es war eine perfekte Kampagne. Natürlich hat sie nicht das Charisma eines Obama, aber sie hat alles aus sich rausgeholt und hat ihren Gegnern keinen Millimeter gegeben. Und das obwohl diese jeden Zipfel an ihr zupften, um ihn zu pseudoskandalisieren. Hillary war top. Sie war perfekt. An ihr liegt es nicht.

Wenn also beide Kandidaten alles menschenmögliche daran gesetzt haben, Trump zu verhindern, aber trotzdem scheiterten, dann muss man vielleicht einräumen, dass Trump einfach unverhinderbar gewesen ist. Er war inevitable, wie die Amerikaner sagen.

Oder vielleicht zumindest in dieser Konsstelleation. Und hier ist vielleicht etwas zu lernen.

Erste schmerzhafte Diagnose: Clinton war ein Fehler.

Und das sage ich als jemand, der den Berniehype schon während der Primaries nicht nachvollziehen konnte. Nein, ich habe Clinton von Anfang an für die bessere Kandidatin gehalten und daran hat sich nichts geändert. Sie ist fähiger, schlauer, besser als Sanders in jeder Hinsicht. Und auch inhaltlich bin ich viel mehr auf Clintons Seite als auf Sanders. Ich halte vieles von seiner Plattform für unausgegorenen und bestenfalls naiven – schlimmstenfalls gefährlichen, populistischen Quatsch.

Aber! Aber ich hatte von Anfang an Zweifel, dass Clinton die richtige sein würde, um Donald Trump zu stoppen. Sie ist die fast schon karikaturhafte Verkörperung des politischen Establishments und damit von allem wogegen Trump und seine Anhänger anrennen. Sie wollen das System brennen sehen und dafür war Clinton die dankbarstmögliche Projektionsfläche.

Bernie Sanders hingegen hätte auf diesem entscheidenden Vektor keine Angriffsfläche geboten. Im Gegenteil. Er hätte mit seinem Antiestablishment-Image tief in der Trumpwählerschaft gewildert. Und die Mitte? Die hätte das natürlich doof gefunden, aber was wär ihr übrig geblieben. Sie wären entweder zu Hause geblieben, oder hätten sich mit zugehaltener Nase mit einem der beiden Kandidaten arrangiert. Ich kann natürlich nicht wissen, ob Sanders Trump geschlagen hätte, aber immerhin hätte er eine Waffe gegen ihn gehabt. Clinton hatte keine Chance.

Erster Lernerfolg: Nur ein linker Populismus kann den rechten Populismus schlagen.

Es fällt mir wirklich, wirklich schwer das zu schreiben, denn ich hasse (hasse, hasse, hasse!) die Idee des Linken Populismus. Aber ich fürchte, wir kommen an ihm strategisch nicht mehr vorbei.

Seufz

Um das kurz in Kontext zu setzen: Es gibt das System und es gibt das System stabilisierende Establishment. Und aller (teils berechtigter) Korruptionsvorwürfe, Ungerechtigkeiten und Ineffizienzen zum Trotz, halte ich es für vernünftig an ihm festzuhalten. An den Institutionen, an den Prozessen und an den Ideen. Ja, das ist konservativ, aber erstens habe ich noch keine überzeugende Alternative gesehen und zweitens habe ich eine nicht unbeträchtliche Angst davor, was Thomas Hobbes den Naturzustand des Menschen nennt. Einem Umsturz ins Ungewisse ziehe ich das unperfekte, sich aber stetig inkrementell verbessernde Hier und Jetzt jederzeit vor. Die Welt ist nicht so schlimm, wie alle sagen und im Gegensatz zu den Wahnphantasien von links und rechts hat sie sich die letzten 50 Jahre enorm verbessert und hört nicht auf damit.

Und das liegt an Menschen wie Hillary Clinton, die beständig und mit übermenschlicher Ausdauer und Beharrungsvermögen dicke Bretter bohren und sich von nichts entmutigen lassen. Mir ist eine progressive HandsOn-Reformerin wie Hillary Clinton tausendmal lieber, als ein wirrer, naiver Zausel wie Bernie Sanders. Deswegen habe ich mich die letzten Jahre mehr an Merkel gewöhnt, als mir lieb sein kann und deswegen mißtraue ich auch dem Hype um Corbyn und Konsorten.

Aber ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich einsehen muss, dass das System nicht mehr zu retten ist. Und zwar weil Establishment-Kandidat/innen und (vorsichtig) progressive Reformer/innen dem anscheinend tiefen Wunsch nach radikalem Umsturz und grundlegender Erneuerung nicht gerecht werden können. Und sie werden deswegen immer gegen eine sich radikal gerierende Rechte verlieren. Und dann passieren Dinge wie Brexit und Trump. Und das ist die schlimmste aller Welten.

Wenn aber das System nicht zu retten ist, will ich es lieber nach links, als nach rechts umstürzen sehen. Ich bin persönlich nicht überzeugt von den linksradikalen Positionen, ich halte sie für genau so naiv und wenig durchdacht, wie die des Rechtspopulismus. Aber bei einem Umsturz nach Links sind wenigstens die Minderheiten weniger in Gefahr und es gibt überhaupt einen moralischen Kompass.

Meine Befürchtung ist nur: Wahrscheinlich wird es am Ende egal gewesen sein, in welche Richtung das System gefallen sein wird, weil die Trümmer so oder so niemandem mehr Schutz bieten werden.


Die Globale Klasse – Eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.

/*********** Ich wurde von der Jungle World gebeten einen Text zu der aktuellen Ausgabe zu schreiben. Es sollte grob darum gehen, warum der Abgrund, der sich zwischen besorgten Bürgern und der Restgesellschaft auftut, mehr von kulturellen, denn von sozioökomischen Faktoren getrieben ist. Eine These, die ich teile. Ich schrieb also einen Text, der – wie das so meine Art ist – die Jungle World Leser herausfordern sollte. Ich schrieb einen Text, der Widerspruch erzeugen wollte, indem er eine kritische Perspektive der Leser auf sich selbst erzwingt. Leider ging ich damit wohl zu weit, denn der Chef vom Dienst lehnte den Abdruck ab. (Ich wurde erst sehr spät über die Ablehnung informiert und die Begründung erfolgte auch erst auf Nachfrage). Ich finde das schon recht lustig, denn die Jungle World gilt gemeinhin als linkes Krawallblatt, das gerne kontroverse, die Linke herausfordernde Thesen in die Welt bläst, was ich durchaus zu schätzen weiß. Um so erstaunter bin ich, wie wenig Mut man hat, auch mal Texte zuzulassen, die wiederum den eigenen Narrativen zuwiderlaufen. Aber so ist das ja oft: gerne austeilen, aber nicht einstecken können. Schade. Dann eben hier.

***********/

Die westliche Welt ist in heller Aufregung. Von überall her sprießen neue rechte Bewegungen aus dem Boden oder gewinnen an Fahrt. Von Trump, über AfD, FPÖ, Le Pen bis zu Brexit scheinen sie Leuten eine Stimme zu geben, die vorher glaubten nicht zu Wort gekommen zu sein. Seitdem wird abseits der “besorgten Bürger” gerätselt, was die Ursachen für diesen Unmut sein könnte.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade die Linke hier einen gespenstischen Wiedergänger ihrer Selbst gefunden haben zu glaubt. Und so sind auch die interpretatorischen Vereinnahmungsversuche nicht weit. Das seien alles Globalisierungsverlierer, vom kapitalistischen System abgehängte, die hier ihre politische Stimme finden. Die rüsten für den Klassenkampf, aber haben aufgrund “falschen Bewusstseins” nur noch nicht realisiert, dass ihr eigentlicher Feind der Kapitalist ist.

Die Zahlen geben das allerdings nicht her. Zwar ist es richtig, dass sich das Heer der Frustrierten zu einem Gutteil aus geringverdienenden und wenig gebildeten Dienstleistungsarbeiter/innen speist. Aber da ist ist noch eine zweite, fast genau so große Gruppe. Das mittlere Bürgertum ist ebenfalls gut vertreten auf den Barrikaden. Heinz Bude spricht schon von einer strategischen Allianz aus Arbeiterschaft und frustriertem Bürgertum. Doch während sich die Motivlagen der prekär Beschäftigten marxistisch deuten lassen, passen die Wutbürger nicht so recht ins Bild.

Ist das nicht ein merkwürdiger Klassenkampf, in der Arbeiter und Bürger Seit an Seit gemeinsam kämpfen?

Der blinde Fleck, der uns befällt, wenn wir darauf schauen wollen, was diese Leute aufregt, ist deswegen wirksam, weil wir selbst Stein des Anstoßes sind. Verlegen schauen wir uns um, aber da ist niemand. Uns? Sie meinen tatsächlich uns?

Ja, das tun sie. Arbeiter und Bürger haben sich zusammengeschlossen, um gegen eine dritte Klasse zu kämpfen. Um diese Klasse überhaupt wahrzunehmen muss man etwas sehr unangenehmes tun. Man muss, statt den Frust der Wutbürger als verkappten Verteilungskampf wegzuinterpretieren, einmal hinhören, was diese Leute von sich geben. Man muss sich in sie hineinversetzen, muss den Slogans lauschen und ihre Narrative nachvollziehen. Man muss zwar nicht ihre Ängste, aber ihre Parolen ernst nehmen.

Da ist zunächst die Erzählung einer Verschwörung, über alle Parteigrenzen hinweg. Es gäbe gar keine echte Demokratie mehr, sondern nur noch die Einheits-Blockpartei CDUSPDFDPGRÜNELINKE. Auch die Medien (“Lügenpresse”) steckten mit unter der Decke. Gut wird empfunden, dass die endlich Gegenwind bekämen (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit) und sich eine „echte Alternative“ (Alternative für Deutschland, Alt-Right-Movement) bildete.

Es ist leicht, diese Vorstellungen als Spinnerei abzutun, aber wenn man sich die drei wesentlichen Eckpfeiler der neurechten Programmatik besieht – Migration, Globalisierung und Political Correctness – dann ist nicht zu leugnen, dass es in diesen Bereichen tatsächlich einen gewissen Grundkonsens in den Medien und Parteien (die CSU mal ausgeschlossen) gibt. Ein Konsens, von dem allerdings gerne angenommen wird, dass es ein gesamtgesellschaftlicher Konsens ist. Weil es vernünftig ist. Weil es menschlich ist. Weil es das einzig richtige ist. Da müssten doch alle dafür sein. Nicht?

Hand aufs Herz! Ist es nicht erschreckend, dass man sich als Linker in so vielen politischen Fragen auf einmal an der Seite von Angela Merkel wähnt. Dass man anfängt, Projekte wie die Europäische Union zu verteidigen oder dass Yanis Varoufakis in pathetischen Ton verkündet, er wolle den Kapitalismus retten. Als genuin linkes Projekt! Gibt es nicht tatsächlich längst bei vielen Fragen einen Konsens, der über alle klassischen politischen Grenzen hinweg als „alternativlos“ empfunden wird? Refugees Welcome und kein Fußbreit. Aber auch: die Globalisierung ist eine im grunde positive Sache, das N-Wort sagt man nicht und Minderheitenrechte müssen geschützt werden. Doch wie weit geht dieser Konsens? Nicht so weit wie wir dachten.

Wir vergessen, dass politische Verortung eine Frage der Perspektive ist. So wie Köln und Düsseldorf sich als grundverschiedene Städte begreifen und der Berliner nur “Ruhrpott” sieht, sehen die besorgten Bürger in uns eine homogene Gruppe. Wir sind das nicht gewohnt, weil es unserer binnenwahrnehmung widerspricht. Aber das spielt keine Rolle, denn wir werden von rechtsaußen so wahrgenommen. Und wir werden längst so referenziert. Donald Trump und das Alt-Rightmovement haben einen Namen für uns. Sie nennen uns „the globalists“.

Würde Trump lesen, könnte er sich dabei auf Ralf Dahrendorf beziehen. Er hat diese Klasse bereits recht treffend um die Jahrtausendwende beschrieben. Der sich aufspannende globale Raum habe den Aufstieg dieser neuen Klasse ermöglicht. Die „globale Klasse“ ist es, die für sich die Chancen der Globalisierung entdeckt und sie zu ihrer Produktivkraft gemacht hat: den Unterschied. Damit meinte er schon damals nicht nur den kapitalistischen Großunternehmer, der seine Produktion nach Asien verlagert, sondern auch den Jogalehrer oder das chinesische Familienrestaurant in Bottrop.

Es wird Zeit über Dahrendorfs These hinauszugehen, denn seitdem ist diese globale Klasse rasant angewachsen und hat sich kulturell stabilisiert. Der Unterschied ist immer noch die von ihr kontrollierte Produktivkraft, jedoch verallgemeinert: als Information.

Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter, der die meisten von uns angehören und die viel homogener und mächtiger ist, als sie denkt. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die New York Times lesen statt die Tagesschau zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt, um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht, wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht. Europa und Nordamerika mögen Schwerpunkte sein , doch die Klasse ist tatsächlich global. Eine wachsende Gruppe global orientierter Menschen gibt es in jedem Land dieser Erde und sie ist gut vernetzt. Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien und weil sie die Informationen kontrolliert (liberal Media, Lügenspresse), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor. Das heißt nicht, dass sie politisch homogen im eigentlichen Sinne ist – zumindest empfindet sie sich nicht so – sie ist zum Beispiel in Deutschland fast im gesamten Parteienspektrum zu finden, in der CDU, SPD, LINKE, GRÜNE, FDP. Diese Klasse entspringt dem Bürgertum, aber hat sich von ihm emanzipiert.

Die Machtverschiebung ging im Stillen vor sich. Irgendwann begann sich der progressivere Teil des Bürgertums sozial enger mit seinesgleichen über Ländergrenzen hinweg zu vernetzen und kulturell zu orientieren. Die globale Klasse entstand und hat den kulturellen Wandel der Globalisierung beschleunigt. Globale Standards nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Politik, Kultur und Moral. Die progressiven, zunehmend global orientierten haben die anderen einfach abgehängt. Aber weil sie anders herrscht und weil sie sich dabei mit der Gesellschaft selbst verwechselt, merkt sie es nicht mal. Sie hat keine Gewalt auf ihrer Seite und die meisten haben noch nicht einmal wahnsinnig viel Geld. Im Gegenteil. Die globale Klasse hat zwar sehr reiche Individuen hervorgebracht, vor allem im Silicon Valley, aber interessanter Weise nutzen sie diesen Reichtum vor allem wieder, um es in diskursives Kapital zurückzuverwandeln; in andere StartUps oder in ambitionierte Weltrettungsprogramme. Denn insgeheim weiß sie längst, was die eigentliche Quelle ihrer Macht ist: Sie kontrolliert den Diskurs, sie kontrolliert die Moral.

Wer die Jungleworld liest, gehört unweigerlich zur globalen Klasse. Egal, wie linksradikal oder gar kommunistisch sich die Leser hier wähnen mögen, mit ihrem Weltbild sind sie uneingestandener Maßen viel näher an Obama und Justin Trudeau, als an den meisten Deutschen. Wir halten trotz der „neoliberalen Scheiße“ die EU für eine gute Idee und gucken zu Hause Netflixserien im Original. Wir haben uns losgesagt von den regionalen und nationalen kulturellen Standards, Idomen, Weltanschauungen und sind auch noch stolz darauf. Wir rümpfen die Nase über die, die für ihre Identität und ihr Wertegefüge auf den Bezugsrahmen Nation nicht verzichten können oder wollen.

Und das merken die anderen, die kulturell Abgehängten. Sie merken, dass uns ihre Welt zu klein geworden ist, dass wir uns moralisch überlegen fühlen und dass wir nach größerem streben. Vor allem merken sie, dass wir dabei erfolgreich sind, dass wir auf diesem Weg die Standards definieren, die nach und nach auch an sie selbst angelegt werden. Ökologische, antirassitische, antisexistische Standards. Politisch korrekte Standards eben. Und die Standards, die dabei entwertet und verdrängt werden, kamen mal aus dem Bürgertum, aus einer Zeit, als sie noch das Sagen hatten. Es ist eine kulturelle Gentrifizierung.

Auf magische Weise hat das Bürgertum trotz Grundbesitz, privater Krankenvorsorge und leitenden Angestelltenfunktion die Deutungshoheit verloren. „Take Back Control“, der Slogan der Brexiter ist der eigentliche Schlachtruf all der neurechten Bewegungen. Es gibt gerade im Bürgertum das Gefühl des Kontrollverlusts. Gemeint damit ist der Verlust der kulturellen Hegemonie, der als nationale “Souveränität” erinnert wird. Englische Standards wurden in England bestimmt, Deutsche in Deutschland, amerikanische in den USA. Die globale Klasse bringt alles durcheinander!

Und das ängstigt die Arbeiter genau so wie die Bürger selbst. Es ist nicht so, dass die Arbeiter Eliten ablehnen, im Gegenteil. Aber viele wollen ihre alten Eliten zurück, die noch in derselben Welt gelebt haben wie sie. Deswegen schafft Trump, was Mitt Romney nicht schaffen konnte: Identifikationsfigur zu sein und positiver Entwurf einer Elite zu sein, zu dem sich die Arbeiter verbinden können. Trumps Erfolg kommt ohne Bildung und ohne Political Correctness aus, deswegen wirkt er erreichbar. Er repräsentiert eine entmachtete Elite der guten alten Zeit, die sich die Leute zurückwünschen. Eine Elite, die zwar egoistisch und brutal kapitalistisch war, die aber kulturell anschlussfähig und national bezogen blieb.

Und weil man gegen die globale Klasse nicht moralisch und argumentativ gewinnen kann, bleibt der alternativen Rechten nur noch, jede Moral und jedes Argument zu verweigern. Trump und Brexit und die Reahabilitation von „Völkisch“ sind argumentative und moralische Pflastersteine in unsere Vitrinen. Sie sind der internationale Aufstand gegen die kulturelle Hegemonie der globalen Klasse. Der Brexit macht die Richtung klar: eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.

PS: wie es der Zufall so will, spülte mir meine Filterbubble genau zum Zeitpunkt der Veröffentlichung folgenden Text rein: Zwischen Hyperkultur in Kulturessentialismus. Er beschreibt meines Erachtens genau den selben Konflikt, den ich hier beschreibe, allerdings wesentlich detaillierter und soziologisch fundierter.