Ihr kämpft immer noch gegen die falsche Dystopie

/******** Dies ist ein Rant. Er ist undifferenziert und angreifbar. Ich habe das Gesagte allerdings in differenzierter und durchargumentierter Form in meinen Blogs und vor allem in meinem Buch vorgelegt. Ich darf das. ********/

Technologischer Totalitarismus! Edward Snowden! Wir werden alle unterdrückt! Die Zivilgesellschaft ist am Boden, die Demokratie gemanagt! Das Internet ist zur Kontrollarchitektur geworden, die uns alle versklavt! Überwachungskapitalismus! Totale Kontrolle, kein Entrinnen! Wir müssen Widerstand leisten! Wir brauchen dringend neue, digitale Grundrechte! Und zwar jetzt! Reclaim Autonomie!

Ihr habt doch alle den Schuß nicht gehört! Habt ihr die letzten Jahre einmal aufgepasst? Habt ihr überhaupt mal hingesehen, was gerade passiert?

Nein. Wir haben kein Problem mit der Unfreiheit des Bürgers. Dem Bürger geht es gut. Der ist so frei wie niemals zuvor! Trotz NSA. Trotz Google und Facebook. Nein, halt. Das Gegenteil ist der Fall! Gerade durch Google und Facebook! Durch das Internet.

Ihr erzählt alles falsch herum. Der Bürger wurde durch das Internet ermächtigt, nicht geschwächt. Er wurde immer mächtiger und mächtiger. Er wurde zum Monster. Und der Staat ohnmächtig.

Was ist los? Der Wutbürger ist los! und das Internet hat ihn entfesselt. Und wir – die Netzpeople – wollten das so.

Erinnert euch: wir kämpften für freie Vernetzung, Abbau aller Hierarchien, für dezentrale Machtverteilung, alternative Medien, Gegenöffentlichkeiten und feierten den Tod des Gatekeepers. Zehn Jahre ist das erst her.

Und wir bekamen PEGIDA und andere Facebookgruppen voller Hass, ein Journalismus in der Krise, der niemanden mehr erreicht, weil die alternativen Medien jetzt überall sind und lieber Verschwörungstheorien und Fakenews verbreiten. Eine weltweite Bewegung der desinformierten Wutbürger pflügt gerade die Welt um.

Rafft es endlich: Wir leben nicht in der Dystopie eines Schirrmachers oder Snowdens, sondern in der Utopie der Netzgemeinde. Gone horribly wrong.

Wir waren naiv. Wir dachten der Staat, die Institutionen und die Unternehmen seien die Bösen. Der Mensch müsse nur befreit werden, denn der Mensch, der sei gut. Wir haben uns geirrt.

Und jetzt schreien wir Google und Facebook an, als ob sie Schuld seien an dieser unserer Misere, dabei meinen wir eigentlich: „Hilfe! Wir ersticken im eigenen Hass! Wir brauchen wieder Regulierung, Gatekeeper, Kommunikationskontrolle, zentrale Instanzen, die regeln, was richtig und was falsch ist.“ Wir schreien nach Netzinnenpolitik.

Aber das wird nicht so einfach werden. Der Wutbürger ist los und er wird sich nicht so leicht wieder einfangen lassen. Die Freiheit, die wir ihm gegeben haben, wird er eisern verteidigen. Man merkt das immer dann, wenn irgendwer versucht, beispielsweise gegen Hatespeech und Fakenews vorzugehen. Der Shitstorm („ZENSUR!!1“) ist garantiert.

Wir sind mitten in einem Kulturkampf und die Plattformen werden darin mit Sicherheit eine Schlüsselrolle spielen. Gerade weil sie zentralistische Moloche sind und als solche die Einziegen sind, die die Macht haben, in den Meinungskampf einzugreifen. Und wenn das passiert, dann nicht deshalb, weil Mark Zuckerberg die Weltherrschaft an sich reißen will, sondern weil wir ihn darum anflehen werden.

Ja, das ist der Ort an dem wir sind. Es ist kein schöner Ort. Also können bitte die Feuilletonisten und Netzintellektuellen endlich von ihren „Überwachungskapitalismus“-Podien heruntersteigen und anerkennen, dass sie seit Jahren gegen den falschen Feind anrennen?

Und können wir endlich mal eine ehrliche Debatte führen, ohne den Schirrmacherbullshit? Dann wär doch mal was gewonnen.


IRL – Spätherbstedition

Die Zeiten sind bewegt und deswegen müssen wir reden. Also IRL (in real life), wie man so sagt. Und wie ich das manchmal tue, hier – zusammengefasst – die Veranstaltungen der nächsten Tage.

  1. Nächsten Dienstag, also den 22. November um 17:45 Uhr halte ich einen Vortrag über den „Aufstieg der Plattformen„, am Institut für Kunst und Kunsttheorie / Block B / Theaterraum / R 2.212 / Gronewaldstraße 2, Köln. Zu der Veranstaltung gibt es sogar ein tolles GIF! Seemann_kl

  2. Am Samstag, den 3. Dezember bin ich bei dem Save Democracy Camp im Betahaus in Hamburg zugegen wo wir alle gemeinsam die Demokratie retten werden und werde da sicher ein paar Dinge über die Globale Klasse und die Netzwerkmacht erzählen.

  3. Donnerstag, den 1. Dezember um 19:00 Uhr, moderiere ich den Wikimedia ABC-Salon. Es geht um N wie Niemandsland und um die Frage, ob das Netz zu unreguliert ist. Teilnehmer/innen sind Bruno Kramm und Eva Horn. Die Veranstaltung findet dieses mal im Museum für Kommunikation statt. Leipziger Straße 16.

  4. Montag, den 5. Dezember um 19:30 Uhr, sitze ich auf einem Panel der Konrad Adenauer Stiftung (OHO!) und rede mit spannenden Gäst/innen über „Die Radikalisierung des politischen Diskurs im (vermeintlich?) bürgerlichen Milieu.“ (Ich gehe mal davon aus, dass das in der KAS in Berlin stattfindet)

  5. Mittwoch, den 14. Dezember 16:00 – 18:00 Uhr bin ich als Sachverständiger im Bundestagsanhörung zum Thema: Plattformen: „Interoperabilität und Neutralität“ angefragt worden. (Da Jörn Pohl das schon auf Twitter verbreitet hat, darf ich annehmen, dass das bereits offiziell ist.)

Ich verblogge meine Veranstaltungen nur selten. Wer immer auf dem Laufenden bleiben will, kann sich meinen Veranstaltungskalender abonnieren.


The Global Class – Another World is Possible, but this time, it’s a threat (english version).

/***** My text about the global class has proven somewhat popular, so some readers came up with an english translation. Thank you Pascal Zuta, Daniel Finck! *****/

The Western world is bubbling with a kind of newfound excitement. From all reaches of the globe, cutting-edge “right-wing” movements spring forth and gain momentum. Trump, the Alternative for Germany (“AfD”), the Freedom Party of Austria (“FPÖ”), Marine Le Pen, Brexit… the list goes on, filled with people and organizations giving certain groups of citizens a voice that previously only buzzed quietly just beneath our subconscious. A voice of hatred, of displeasure, of indignation. And all the rest of us can do is sit back and wonder where all this scarcely contained umbrage could have originated from… and where it’s been hiding.

It may be no coincidence that the left believes to have found it’s spooky doppelganger. They see “losers” of globalization, who have been left behind by the capitalist system, and have just re-discovered their political voice. Only, in the midst of their perceived „false consciousness,“ they’ve yet to realize that their true enemy is the capitalist.

The figures don’t show this. It’s true—the army of the frustrated is a large group of low-income and poorly educated service workers. But there is also a second group, almost as large as the first, made up of the bourgeoisie, the middle class, a class which, so far, has been fairly well-represented in the ongoing class wars. German Sociologist Heinz Bude is already talking of a strategic alliance of these two classes, their frustrations analogous for the first time. While the motives of this precarious working class could be interpreted as Marxist, the disgruntled middle class citizens don’t really fit into this mold… do they?

How strange it is to see the working-class and middle-class citizens fighting alongside one another!

The blind spot that befalls us is effective because we ourselves cannot see what upsets them. Why? Because we are the offending party. We look around, embarrassed, but there is no one else. „Us?” We ask. “You couldn’t possibly mean us, right?“

Yes, indeed. The working and middle-class citizens have joined forces to fight a third class—us. But something very unpleasant needs first to be done in order to even recognize this third class. Instead of interpreting the frustration of this enraged group of citizens as a covert distribution struggle, one must listen to what these people say. You must put yourself in their shoes, listen to their cries, understand their narrative. Their fear, you need not take seriously, but rather, their slogans.

It begins with a conspiracy. A conspiracy that extends beyond all party boundaries. That there would no longer exist a real democracy, but, instead, only the one indistinguishable blend of parties, a bedfellow of the media (the Lügenpresse, or “lying press“), and now that an opposition has emerged (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit, and a „real alternative“ in Germany), well, some citizens are finally finding their voice.

It is easy to dismiss these ideas as crazy; however, if you look at the three main pillars of the new right-wing program—migration, globalization, and political correctness—there is no denying a certain basic consensus in the media and between parties. The thing about this consensus is that we gladly assumed it to be a consensus accepted by all of society. Because it is a reasonable consensus. Because it is a human consensus. Because, if I may so boldly say, it is the only correct consensus. It’s what we all want… right?

Let’s be honest here. Is it not frightening that you, as a leftist, in so many political aspects, find yourself siding with Angela Merkel? That you begin to defend projects like the European Union? Or that Yanis Varoufakis announced, in a pathetic tone, that he wants to „save capitalism”? As a genuinely leftish project? Is there not a consensus that has long been recognized as “without alternative” over all classical political frontiers? To welcome refugees with open arms and say to hell with all Nazis? Globalization is a fundamentally positive thing! We never use the N-word. We protect the rights of minorities. But how far does this consensus go? Not as far as we thought.

We forget that all political platforms are a question of perspective. Just as Jersey City and New York City regard themselves as fundamentally different cities and the people in Wyoming see only „East Coast,“ the anxious citizens, too, see us as a homogeneous group. We’re not accustomed to this because it contradicts the way we currently define things. But whether we agree or not doesn’t matter because we, too, are perceived as one group by this new right-wing movement. Already (and for some time now) we are being referred to as “one enemy.” Donald Trump and the alt-right movement have a name for us—“The Globalists.”

If Trump would read, he would have the opportunity to cite Ralf Dahrendorf, on that matter. He described this class quite aptly around the turn of the millennium. It is the ever-growing global unity that has enabled the rise of this new class. This “Global Class“ has discovered the advantages of globalization and made this its productive power. In writing this, Dahrendorf was referring not only to the capitalist entrepreneur who moved his production to Asia, but also to the yoga teacher, and to the Chinese family restaurant in Bottrop. But we moved beyond Dahrendorf. Already this global class has grown rapidly, stabilizing itself culturally on a worldwide scale. The difference now, however, is the productive force it controls—information. There exists, today, a globalized class of information workers of whom most of us are members, and this class is more homogenous and powerful than it thinks. They are well-educated, biased young people who are increasingly globally culturally oriented. They read the New York Times instead of watching the evening news. They have many foreign friends (and even more friends currently living abroad). They travel… a lot, and not necessarily for holiday either. It is a class that lives almost exclusively in large cities, that communicates in perfectly fluent English. A class for which Europe is not an abstract thing, but a reality of life, for which moving from Madrid to Stockholm for a job is “no big deal.” And while Europe and North America may be focal points, the class itself is, indeed, global. It exists in every country of the world—this group of well-connected, globally-oriented peoples. This new globalized class holds positions in the media, in startups, NGOs, political parties. Because it controls the flow of information (liberal media, the so-called “lying press”), it dictates cultural and political rhythms all across the globe. This does not mean that it’s politically homogeneous in its true sense, or at least it doesn’t feel that way. For example, in Germany, peoples of this group can be found all across the political spectrum—CDU, SPD, LEFT, GREEN, FDP.

This class sprung from the bourgeoisie but has emancipated itself from it. This shift of power took place in silence. At some point, the more progressive faction of the bourgeoisie became more culturally oriented and socially linked with its peers across national boundaries. The global class has emerged and accelerated the cultural change of globalization, as well as global standards, not only in business, but also in politics, ethics, and culture. These progressive, increasingly global-oriented people have simply outdated all others. Because they confuse themselves for society as a whole, they don’t even notice. They have no force on their side, and most don’t even have much money, though wealthy globalists do exist. In fact, this class has produced a number of well-off individuals, especially in Silicon Valley. What is interesting, however, is that they transform this wealth, above all, into discursive capital—they invest in other startups, or in ambitious world-rescue programs. Secretly, they have long-known what their real source of power is: they have control over information, and along with it, the definition of human decency.

Even if they perceive themselves als far left, in fact, views of the global class are far closer to Michelle Obama or Justin Trudeau than to the political views of most of their fellow citizens. Despite all this „neo-liberal bullshit,“ we consider the EU a good idea, we watch Netflix shows in their original languages, we cut ourselves off from regional and national cultural standards, idols, worldviews, and we are proud of it. We wrinkle our noses at those who cannot, or do not want to, renounce our nation as the most important framework for their identity and values. And the others—the ones culturally left behind—realize this quickly. They realize that their world has become too small for us, that we feel morally superior, and that we strive for something bigger, greater. Above all, they realize that we are successful in this—that we define the standards that are gradually imposed onto them. These standards of ecology, anti-racism, and anti-sexism are all accepted as politically-correct standards after all. The old standards, which are now depreciated and suppressed, once came from the middle class, from a time when they still had a say. It’s cultural gentrification.

In a magical way, the bourgeoisie has lost its power to set those standards even despite their possession of land, private health care, and upper management positions. The slogan of the Brexitians, „Take Back Control,” is the real battle cry of these new right-wing movements. There is a sense of loss of control in the bourgeoisie. Or perhaps, more succinctly, a loss of cultural hegemony, remembered as national “sovereignty.” English standards were determined in England, German standards in Germany, American standards in the U.S.A., but now the global class is messing everything up! This frightens the working class just as much as average citizens themselves. It is not that the working class will deny elites—quite the contrary, actually; however, many want to bring back the old elites, those elites who live in the same world they do. That’s why Trump succeeds where Mitt Romney failed. He’s a prime example of an elite citizen: someone with which the working-class can connect. Trump’s success isn’t based on education or political correctness. He represents the kind of despised elite of the good old days that people are craving. This is an elite that’s selfish and brutally capitalist, but who, above all, remains culturally and nationally grounded. One cannot win against this global class in an argument, so this new right movement simply refuses to argue. Trump, Brexit, and the resurrection of the German word ”Völkisch” (A word popular in the nazi era) are argumentative and moral paving stones to destroy our showcases. They are the international turmoil against the cultural hegemony of the global class. Brexit makes the direction clear— another world is possible, but this time, it is a threat.


Desillusionierung und Selbstdiagnose in Trumpistan

Was ist schief gegangen? Was können wir lernen? Sascha Lobo stellt die richtigen Fragen. Ich habe gestern Nacht noch anfangen darüber nachzudenken.

trauer und wut bei gleichzeitiger erkenntnis, dass trauer und wut
völlig unangemessen sind. das hier ist beyond scheiße. das hier ist
nicht der wahlsieg der falschen, es ist nicht das verlieren der
eigenen partei. es ist das platzen einer blase. so viel eingeständnis
muss sein. das heißt, dass der fehler hier bei mir liegt. in meiner
wahrnehmung. und wenn ich ehrlich bin, habe ich es längst gespürt.
nein, keine trumpaffinität. aber diese falschheit. das nicht-passen.
die uncannyness des valleys, in dem ich lebe. es war alles falsch. und
clinton war falsch. ich habe es gespürt, aber nicht eingesehen. ich
wollte es nicht wahrhaben. und jetzt? keine ahnung. erstmal alles in
frage stellen, woran ich glaubte. you fool me once (brexit), shame on
you. you fool me twice (trump), shame on me. me! ME! zuhören. den
spinnern. so absurd es sich anhört. aber die spinner hatten recht.
oder zumindest haben sie jetzt die macht. wir müssen ihnen zuhören,
auch wenn wir ihnen nicht zustimmen. aber ohne zuhören, ohne den
versuch zu verstehen, werden wir unser leben riskieren. denn sie sind
gefährlich. es wird jetzt alles anders. noch anderser als nach dem 11.
september. am 11. september wurde der westen angegriffen. heute stirbt
er.

Erste Beobachtung: Trump war unschlagbar.

Sein berühmter Spruch, dass er mitten am Tag auf der Fifth Ave in New York jemanden auf offener Straße erschießen könnte, ohne dass es ihn Wählerstimmen kostet, stimmt. Es fällt mir tatsächlich schwer, mir etwas vorzustellen, das dieser Mann noch hätte anstellen können, um als unwählbar zu gelten. Unterhalb von im Fernsehen lebende Menschenbabys zu verspeisen, fällt mir nichts ein.

Ebenso Clinton. Sie hat wirklich alles gegeben. Sie hat keinen einzigen Fehler gemacht. Es war eine perfekte Kampagne. Natürlich hat sie nicht das Charisma eines Obama, aber sie hat alles aus sich rausgeholt und hat ihren Gegnern keinen Millimeter gegeben. Und das obwohl diese jeden Zipfel an ihr zupften, um ihn zu pseudoskandalisieren. Hillary war top. Sie war perfekt. An ihr liegt es nicht.

Wenn also beide Kandidaten alles menschenmögliche daran gesetzt haben, Trump zu verhindern, aber trotzdem scheiterten, dann muss man vielleicht einräumen, dass Trump einfach unverhinderbar gewesen ist. Er war inevitable, wie die Amerikaner sagen.

Oder vielleicht zumindest in dieser Konsstelleation. Und hier ist vielleicht etwas zu lernen.

Erste schmerzhafte Diagnose: Clinton war ein Fehler.

Und das sage ich als jemand, der den Berniehype schon während der Primaries nicht nachvollziehen konnte. Nein, ich habe Clinton von Anfang an für die bessere Kandidatin gehalten und daran hat sich nichts geändert. Sie ist fähiger, schlauer, besser als Sanders in jeder Hinsicht. Und auch inhaltlich bin ich viel mehr auf Clintons Seite als auf Sanders. Ich halte vieles von seiner Plattform für unausgegorenen und bestenfalls naiven – schlimmstenfalls gefährlichen, populistischen Quatsch.

Aber! Aber ich hatte von Anfang an Zweifel, dass Clinton die richtige sein würde, um Donald Trump zu stoppen. Sie ist die fast schon karikaturhafte Verkörperung des politischen Establishments und damit von allem wogegen Trump und seine Anhänger anrennen. Sie wollen das System brennen sehen und dafür war Clinton die dankbarstmögliche Projektionsfläche.

Bernie Sanders hingegen hätte auf diesem entscheidenden Vektor keine Angriffsfläche geboten. Im Gegenteil. Er hätte mit seinem Antiestablishment-Image tief in der Trumpwählerschaft gewildert. Und die Mitte? Die hätte das natürlich doof gefunden, aber was wär ihr übrig geblieben. Sie wären entweder zu Hause geblieben, oder hätten sich mit zugehaltener Nase mit einem der beiden Kandidaten arrangiert. Ich kann natürlich nicht wissen, ob Sanders Trump geschlagen hätte, aber immerhin hätte er eine Waffe gegen ihn gehabt. Clinton hatte keine Chance.

Erster Lernerfolg: Nur ein linker Populismus kann den rechten Populismus schlagen.

Es fällt mir wirklich, wirklich schwer das zu schreiben, denn ich hasse (hasse, hasse, hasse!) die Idee des Linken Populismus. Aber ich fürchte, wir kommen an ihm strategisch nicht mehr vorbei.

Seufz

Um das kurz in Kontext zu setzen: Es gibt das System und es gibt das System stabilisierende Establishment. Und aller (teils berechtigter) Korruptionsvorwürfe, Ungerechtigkeiten und Ineffizienzen zum Trotz, halte ich es für vernünftig an ihm festzuhalten. An den Institutionen, an den Prozessen und an den Ideen. Ja, das ist konservativ, aber erstens habe ich noch keine überzeugende Alternative gesehen und zweitens habe ich eine nicht unbeträchtliche Angst davor, was Thomas Hobbes den Naturzustand des Menschen nennt. Einem Umsturz ins Ungewisse ziehe ich das unperfekte, sich aber stetig inkrementell verbessernde Hier und Jetzt jederzeit vor. Die Welt ist nicht so schlimm, wie alle sagen und im Gegensatz zu den Wahnphantasien von links und rechts hat sie sich die letzten 50 Jahre enorm verbessert und hört nicht auf damit.

Und das liegt an Menschen wie Hillary Clinton, die beständig und mit übermenschlicher Ausdauer und Beharrungsvermögen dicke Bretter bohren und sich von nichts entmutigen lassen. Mir ist eine progressive HandsOn-Reformerin wie Hillary Clinton tausendmal lieber, als ein wirrer, naiver Zausel wie Bernie Sanders. Deswegen habe ich mich die letzten Jahre mehr an Merkel gewöhnt, als mir lieb sein kann und deswegen mißtraue ich auch dem Hype um Corbyn und Konsorten.

Aber ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich einsehen muss, dass das System nicht mehr zu retten ist. Und zwar weil Establishment-Kandidat/innen und (vorsichtig) progressive Reformer/innen dem anscheinend tiefen Wunsch nach radikalem Umsturz und grundlegender Erneuerung nicht gerecht werden können. Und sie werden deswegen immer gegen eine sich radikal gerierende Rechte verlieren. Und dann passieren Dinge wie Brexit und Trump. Und das ist die schlimmste aller Welten.

Wenn aber das System nicht zu retten ist, will ich es lieber nach links, als nach rechts umstürzen sehen. Ich bin persönlich nicht überzeugt von den linksradikalen Positionen, ich halte sie für genau so naiv und wenig durchdacht, wie die des Rechtspopulismus. Aber bei einem Umsturz nach Links sind wenigstens die Minderheiten weniger in Gefahr und es gibt überhaupt einen moralischen Kompass.

Meine Befürchtung ist nur: Wahrscheinlich wird es am Ende egal gewesen sein, in welche Richtung das System gefallen sein wird, weil die Trümmer so oder so niemandem mehr Schutz bieten werden.


Die Globale Klasse – Eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.

/*********** Ich wurde von der Jungle World gebeten einen Text zu der aktuellen Ausgabe zu schreiben. Es sollte grob darum gehen, warum der Abgrund, der sich zwischen besorgten Bürgern und der Restgesellschaft auftut, mehr von kulturellen, denn von sozioökomischen Faktoren getrieben ist. Eine These, die ich teile. Ich schrieb also einen Text, der – wie das so meine Art ist – die Jungle World Leser herausfordern sollte. Ich schrieb einen Text, der Widerspruch erzeugen wollte, indem er eine kritische Perspektive der Leser auf sich selbst erzwingt. Leider ging ich damit wohl zu weit, denn der Chef vom Dienst lehnte den Abdruck ab. (Ich wurde erst sehr spät über die Ablehnung informiert und die Begründung erfolgte auch erst auf Nachfrage). Ich finde das schon recht lustig, denn die Jungle World gilt gemeinhin als linkes Krawallblatt, das gerne kontroverse, die Linke herausfordernde Thesen in die Welt bläst, was ich durchaus zu schätzen weiß. Um so erstaunter bin ich, wie wenig Mut man hat, auch mal Texte zuzulassen, die wiederum den eigenen Narrativen zuwiderlaufen. Aber so ist das ja oft: gerne austeilen, aber nicht einstecken können. Schade. Dann eben hier.

***********/

Die westliche Welt ist in heller Aufregung. Von überall her sprießen neue rechte Bewegungen aus dem Boden oder gewinnen an Fahrt. Von Trump, über AfD, FPÖ, Le Pen bis zu Brexit scheinen sie Leuten eine Stimme zu geben, die vorher glaubten nicht zu Wort gekommen zu sein. Seitdem wird abseits der “besorgten Bürger” gerätselt, was die Ursachen für diesen Unmut sein könnte.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade die Linke hier einen gespenstischen Wiedergänger ihrer Selbst gefunden haben zu glaubt. Und so sind auch die interpretatorischen Vereinnahmungsversuche nicht weit. Das seien alles Globalisierungsverlierer, vom kapitalistischen System abgehängte, die hier ihre politische Stimme finden. Die rüsten für den Klassenkampf, aber haben aufgrund “falschen Bewusstseins” nur noch nicht realisiert, dass ihr eigentlicher Feind der Kapitalist ist.

Die Zahlen geben das allerdings nicht her. Zwar ist es richtig, dass sich das Heer der Frustrierten zu einem Gutteil aus geringverdienenden und wenig gebildeten Dienstleistungsarbeiter/innen speist. Aber da ist ist noch eine zweite, fast genau so große Gruppe. Das mittlere Bürgertum ist ebenfalls gut vertreten auf den Barrikaden. Heinz Bude spricht schon von einer strategischen Allianz aus Arbeiterschaft und frustriertem Bürgertum. Doch während sich die Motivlagen der prekär Beschäftigten marxistisch deuten lassen, passen die Wutbürger nicht so recht ins Bild.

Ist das nicht ein merkwürdiger Klassenkampf, in der Arbeiter und Bürger Seit an Seit gemeinsam kämpfen?

Der blinde Fleck, der uns befällt, wenn wir darauf schauen wollen, was diese Leute aufregt, ist deswegen wirksam, weil wir selbst Stein des Anstoßes sind. Verlegen schauen wir uns um, aber da ist niemand. Uns? Sie meinen tatsächlich uns?

Ja, das tun sie. Arbeiter und Bürger haben sich zusammengeschlossen, um gegen eine dritte Klasse zu kämpfen. Um diese Klasse überhaupt wahrzunehmen muss man etwas sehr unangenehmes tun. Man muss, statt den Frust der Wutbürger als verkappten Verteilungskampf wegzuinterpretieren, einmal hinhören, was diese Leute von sich geben. Man muss sich in sie hineinversetzen, muss den Slogans lauschen und ihre Narrative nachvollziehen. Man muss zwar nicht ihre Ängste, aber ihre Parolen ernst nehmen.

Da ist zunächst die Erzählung einer Verschwörung, über alle Parteigrenzen hinweg. Es gäbe gar keine echte Demokratie mehr, sondern nur noch die Einheits-Blockpartei CDUSPDFDPGRÜNELINKE. Auch die Medien (“Lügenpresse”) steckten mit unter der Decke. Gut wird empfunden, dass die endlich Gegenwind bekämen (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit) und sich eine „echte Alternative“ (Alternative für Deutschland, Alt-Right-Movement) bildete.

Es ist leicht, diese Vorstellungen als Spinnerei abzutun, aber wenn man sich die drei wesentlichen Eckpfeiler der neurechten Programmatik besieht – Migration, Globalisierung und Political Correctness – dann ist nicht zu leugnen, dass es in diesen Bereichen tatsächlich einen gewissen Grundkonsens in den Medien und Parteien (die CSU mal ausgeschlossen) gibt. Ein Konsens, von dem allerdings gerne angenommen wird, dass es ein gesamtgesellschaftlicher Konsens ist. Weil es vernünftig ist. Weil es menschlich ist. Weil es das einzig richtige ist. Da müssten doch alle dafür sein. Nicht?

Hand aufs Herz! Ist es nicht erschreckend, dass man sich als Linker in so vielen politischen Fragen auf einmal an der Seite von Angela Merkel wähnt. Dass man anfängt, Projekte wie die Europäische Union zu verteidigen oder dass Yanis Varoufakis in pathetischen Ton verkündet, er wolle den Kapitalismus retten. Als genuin linkes Projekt! Gibt es nicht tatsächlich längst bei vielen Fragen einen Konsens, der über alle klassischen politischen Grenzen hinweg als „alternativlos“ empfunden wird? Refugees Welcome und kein Fußbreit. Aber auch: die Globalisierung ist eine im grunde positive Sache, das N-Wort sagt man nicht und Minderheitenrechte müssen geschützt werden. Doch wie weit geht dieser Konsens? Nicht so weit wie wir dachten.

Wir vergessen, dass politische Verortung eine Frage der Perspektive ist. So wie Köln und Düsseldorf sich als grundverschiedene Städte begreifen und der Berliner nur “Ruhrpott” sieht, sehen die besorgten Bürger in uns eine homogene Gruppe. Wir sind das nicht gewohnt, weil es unserer binnenwahrnehmung widerspricht. Aber das spielt keine Rolle, denn wir werden von rechtsaußen so wahrgenommen. Und wir werden längst so referenziert. Donald Trump und das Alt-Rightmovement haben einen Namen für uns. Sie nennen uns „the globalists“.

Würde Trump lesen, könnte er sich dabei auf Ralf Dahrendorf beziehen. Er hat diese Klasse bereits recht treffend um die Jahrtausendwende beschrieben. Der sich aufspannende globale Raum habe den Aufstieg dieser neuen Klasse ermöglicht. Die „globale Klasse“ ist es, die für sich die Chancen der Globalisierung entdeckt und sie zu ihrer Produktivkraft gemacht hat: den Unterschied. Damit meinte er schon damals nicht nur den kapitalistischen Großunternehmer, der seine Produktion nach Asien verlagert, sondern auch den Jogalehrer oder das chinesische Familienrestaurant in Bottrop.

Es wird Zeit über Dahrendorfs These hinauszugehen, denn seitdem ist diese globale Klasse rasant angewachsen und hat sich kulturell stabilisiert. Der Unterschied ist immer noch die von ihr kontrollierte Produktivkraft, jedoch verallgemeinert: als Information.

Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter, der die meisten von uns angehören und die viel homogener und mächtiger ist, als sie denkt. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die New York Times lesen statt die Tagesschau zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt, um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht, wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht. Europa und Nordamerika mögen Schwerpunkte sein , doch die Klasse ist tatsächlich global. Eine wachsende Gruppe global orientierter Menschen gibt es in jedem Land dieser Erde und sie ist gut vernetzt. Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien und weil sie die Informationen kontrolliert (liberal Media, Lügenspresse), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor. Das heißt nicht, dass sie politisch homogen im eigentlichen Sinne ist – zumindest empfindet sie sich nicht so – sie ist zum Beispiel in Deutschland fast im gesamten Parteienspektrum zu finden, in der CDU, SPD, LINKE, GRÜNE, FDP. Diese Klasse entspringt dem Bürgertum, aber hat sich von ihm emanzipiert.

Die Machtverschiebung ging im Stillen vor sich. Irgendwann begann sich der progressivere Teil des Bürgertums sozial enger mit seinesgleichen über Ländergrenzen hinweg zu vernetzen und kulturell zu orientieren. Die globale Klasse entstand und hat den kulturellen Wandel der Globalisierung beschleunigt. Globale Standards nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Politik, Kultur und Moral. Die progressiven, zunehmend global orientierten haben die anderen einfach abgehängt. Aber weil sie anders herrscht und weil sie sich dabei mit der Gesellschaft selbst verwechselt, merkt sie es nicht mal. Sie hat keine Gewalt auf ihrer Seite und die meisten haben noch nicht einmal wahnsinnig viel Geld. Im Gegenteil. Die globale Klasse hat zwar sehr reiche Individuen hervorgebracht, vor allem im Silicon Valley, aber interessanter Weise nutzen sie diesen Reichtum vor allem wieder, um es in diskursives Kapital zurückzuverwandeln; in andere StartUps oder in ambitionierte Weltrettungsprogramme. Denn insgeheim weiß sie längst, was die eigentliche Quelle ihrer Macht ist: Sie kontrolliert den Diskurs, sie kontrolliert die Moral.

Wer die Jungleworld liest, gehört unweigerlich zur globalen Klasse. Egal, wie linksradikal oder gar kommunistisch sich die Leser hier wähnen mögen, mit ihrem Weltbild sind sie uneingestandener Maßen viel näher an Obama und Justin Trudeau, als an den meisten Deutschen. Wir halten trotz der „neoliberalen Scheiße“ die EU für eine gute Idee und gucken zu Hause Netflixserien im Original. Wir haben uns losgesagt von den regionalen und nationalen kulturellen Standards, Idomen, Weltanschauungen und sind auch noch stolz darauf. Wir rümpfen die Nase über die, die für ihre Identität und ihr Wertegefüge auf den Bezugsrahmen Nation nicht verzichten können oder wollen.

Und das merken die anderen, die kulturell Abgehängten. Sie merken, dass uns ihre Welt zu klein geworden ist, dass wir uns moralisch überlegen fühlen und dass wir nach größerem streben. Vor allem merken sie, dass wir dabei erfolgreich sind, dass wir auf diesem Weg die Standards definieren, die nach und nach auch an sie selbst angelegt werden. Ökologische, antirassitische, antisexistische Standards. Politisch korrekte Standards eben. Und die Standards, die dabei entwertet und verdrängt werden, kamen mal aus dem Bürgertum, aus einer Zeit, als sie noch das Sagen hatten. Es ist eine kulturelle Gentrifizierung.

Auf magische Weise hat das Bürgertum trotz Grundbesitz, privater Krankenvorsorge und leitenden Angestelltenfunktion die Deutungshoheit verloren. „Take Back Control“, der Slogan der Brexiter ist der eigentliche Schlachtruf all der neurechten Bewegungen. Es gibt gerade im Bürgertum das Gefühl des Kontrollverlusts. Gemeint damit ist der Verlust der kulturellen Hegemonie, der als nationale “Souveränität” erinnert wird. Englische Standards wurden in England bestimmt, Deutsche in Deutschland, amerikanische in den USA. Die globale Klasse bringt alles durcheinander!

Und das ängstigt die Arbeiter genau so wie die Bürger selbst. Es ist nicht so, dass die Arbeiter Eliten ablehnen, im Gegenteil. Aber viele wollen ihre alten Eliten zurück, die noch in derselben Welt gelebt haben wie sie. Deswegen schafft Trump, was Mitt Romney nicht schaffen konnte: Identifikationsfigur zu sein und positiver Entwurf einer Elite zu sein, zu dem sich die Arbeiter verbinden können. Trumps Erfolg kommt ohne Bildung und ohne Political Correctness aus, deswegen wirkt er erreichbar. Er repräsentiert eine entmachtete Elite der guten alten Zeit, die sich die Leute zurückwünschen. Eine Elite, die zwar egoistisch und brutal kapitalistisch war, die aber kulturell anschlussfähig und national bezogen blieb.

Und weil man gegen die globale Klasse nicht moralisch und argumentativ gewinnen kann, bleibt der alternativen Rechten nur noch, jede Moral und jedes Argument zu verweigern. Trump und Brexit und die Reahabilitation von „Völkisch“ sind argumentative und moralische Pflastersteine in unsere Vitrinen. Sie sind der internationale Aufstand gegen die kulturelle Hegemonie der globalen Klasse. Der Brexit macht die Richtung klar: eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.

PS: wie es der Zufall so will, spülte mir meine Filterbubble genau zum Zeitpunkt der Veröffentlichung folgenden Text rein: Zwischen Hyperkultur in Kulturessentialismus. Er beschreibt meines Erachtens genau den selben Konflikt, den ich hier beschreibe, allerdings wesentlich detaillierter und soziologisch fundierter.


Der/die Social Media Korrespondent/in

Eine kleine Beobachtung der sich wandelnden Medienwelt. Vor allem auf Twitter scheint sich ein neuer Typus von … Informationsknoten (ich sag jetzt mal absichtlich nicht „Journalist/in“) zu etablieren, den ich sehr interessant finde.

In der globalisierten und gleichzeitig durch das Internet mediatisierten Welt erscheinen uns Ereignisse immer näher (siehe dazu Lobo auf SpON). Immer wieder werden uns durch Retweets und Verlinkungen Liveberichte von aktuellen Ereignissen in die Timelines gespült. Das kann man schlimm und bedenklich finden, aber es gibt nun mal einen Drang (auch ich spüre ihn), bei solchen Ereignissen möglichst nahe dran zu sein, möglichst alles in Echtzeit zu erfahren und einen möglichst unverstellten, aber subjektiv anschlussfähigen Blick darauf zu gewinnen. Die Situation, dass Leute, die zufällig (oder auch nichtzufällig) vor Ort sind und davon als „Bürgerjournalisten“ live berichten, wurde bereits lang und breit diskutiert, das erste Mal 2009, als ein Passant die Notlandung des Fluges AWE1549 auf dem Hudson River auf Twitter dokumentierte.

Die Figur, über die ich reden möchte, ist allerdings viel konsistenter und genau deswegen beobachte ich eine zunehmende Institutionalisierung, ohne, dass sie bisher so richtig thematisiert wurde. Ich nenne diese neue Figur den oder die Social Media Korrespondent/in.

Der/die Social Media Korrespondent/in muss nicht vor Ort sein (ist es meist auch nicht), sondern selektiert, übersetzt und kommentiert quasi in Echtzeit Berichte, Meinungen und Äußerungen die von vor Ort kommen, in eine Zielsprache (z.B. Deutsch), und versetzt somit seine/ihre Follower/innen in den Informationsstand eines gut informierten Native-Speakers der Ausgangssprache.

Im Gegensatz zum vor Ort Berichtenden, muss diese neue Figur neben den eigenen Social Media Kanälen nur ein paar Eigenschaften mitbringen:

  1. Er oder sie muss die Landessprache des Ereignisbetroffenen Landes genau so perfekt beherrschen, wie die seines publizistischen Wirkens.
  2. Er oder sie muss in den landes- und sprach-typischen Netzwerken des Ereignislandes inkludiert sein, den wichtigen Medien folgen und den wichtigen Hubs. Muss also schlicht gut informiert sein.
  3. Er oder sie muss sich sehr gut auskennen in dem Ereignisland; muss das politische System kennen, die wichtigen Personen, Details über gesellschaftliche Verhältnisse und die Kultur kennen.
  4. Er oder sie muss darüber hinaus journalistische Eigenschaften mitbringen. Einen kritischen Blick für Quellen, eine gewisse Haltung gehört aber auch dazu.
  5. Idealer weise ist die Person außerdem noch Expert/in für den hintergründigen Konflikt oder sonstigen Kontext des betreffenden Ereignisses.

Der/die Social Media Korrespondent/in fungiert als direkter Link zwischen den Sprachbarrieren und Kulturen, die sich heute vor allem in Social Media Bubbles ausdrücken. Sein/ihr Korrespondentendasein ist somit kein geographisches, sondern ein kulturelles. Der/die Social Media Korrespondent/in ist nicht einfach Übersetzer/in, noch Journalist/in (zumindest gibt es meist keine institutionelle Anbindung), sondern irgendwas dazwischen. Eigentlich ist er/sie eine normale Social Media Nutzer/in, was seine/ihre Motivation angeht. Es geht ihm/ihr in erster Linie darum, sich selbst zu informieren, sich eine Übersicht zu verschaffen und dabei das gelernte weiterzuverbreiten – allerdings eben in eine andere kulturelle Sphäre. Heraus kommt die selbstmotivierte Selektion, Übersetzung, sowie Einordnung und Kommentierung des Geschehens, die im besten Fall schneller, umfassend informierter und subjektiv anschlussfähiger ist, als alle Newsticker der klassischen Medienangebote zusammen.

Das erste Mal fiel es mir beim arabischen Frühling auf, als ich einigen englischsprachigen, arabischen Accounts folgte, weil sie vor Ort waren. Ich merkte, dass sie aber auch dann wertvolle Quellen sind, wenn sie gerade nicht vor Ort waren, einfach weil sie immer mit denen vor Ort im Kontakt standen, gut vernetzt waren und eben die Sprache beherrschten und so beständig Ereignisse übersetzten.

Als letztes Jahr der schreckliche Anschlag in Paris stattfand, fing ich auf vielfache Empfehlungen an, @fighti alias Nicolas Martin an zu folgen, der seither für viele Ereignisse aus Frankreich mein direkter Draht in den französischsprachigen Raum ist. Er sitzt laut seiner Twitterbio eigentlich in Barmbek, Hamburg, was der Qualität seiner Berichterstattung aber keinen Abbruch tut.

Seit dem Putsch in der Türkei folge ich außerdem @Ismail_Kupeli, also Ismail Küpeli, der sich neben seinem Engagement für Flüchtige vor allem der Aufgabe verschrieben hat, den türkischsprachigen Diskurs rund um den Putsch und Gegenputsch darzustellen und kritisch zu begleiten.

Ein anderer, vielleicht etwas aus dieser Reihe fallender Social Media Korrespondent ist Martin Gommel (@martingommel). Als freier Fotograf ist er viel Unterwegs auf den Flüchtlingsrouten und beim LaGeSo in Berlin und berichtet per Blog, Twitter manchmal per Podcast direkt und detailliert über die Flüchtlings-Situation. Er ist somit viel mehr ein klassischer Korrespondent, allerdings auf ein Thema festgelegt und ohne die institutionelle Anbindung.

Diese Menschen haben dafür gesorgt, dass ich Ereignisse in anderen Teilen der Welt plastischer, empathischer und verständiger Verfolge, als ich es mittels der klassischen Medien könnte. Und dafür bin ich dankbar.

Man kann sich natürlich fragen (und viele tun das), ob dieses Einlassen auf die Welt, wie es Social Media erlaubt, wünschenswert ist, ob es überhaupt gesund ist und ich habe ehrlich keine Antwort darauf. Ich gebe zu, dass mich diese Nähe auch manchmal überfordert und emotional belastet. Aber ich kann und will mir keine Welt mehr vorstellen, in der ich diese Eingebettetheit missen muss.

Natürlich bleibt eine Menge kritisch zu reflektieren. Wem folge ich da, wessen Weltsicht mache ich mir da zu eigen, welche Teile der Welt bleiben in meiner Timeline unterbelichtet und ist das überhaupt gerecht? Das sind keine Fragen, zu denen man eine Lösung finden kann, aber welche, deren man sich bewusst sein muss. Medienkompetenz ist kein Streichelzoo.

Als letztes: aufgrund der mangelnden institutionellen Anbindung dieser neuen Form der Berichterstattung haben die Social Media Korrespondent/innen meist Probleme, ihr Tun zu finanzieren. Bei Ismail Küpeli und Martin Gommel ist das zumindest so. Also neben der unbedingten Folgeempfehlung seht den Text auch als Aufruf, diese Menschen finanziell zu unterstützen.


Sechs Geschichten vom Ende des Westens

Wir sind drei unglückliche Wahlen vom Ende des Westens entfernt schrieb Anne Applebaum bereits im März diesen Jahres. Die drei Wahlen waren/sind Brexit, Trump und Le Pen. Der Brexit ist wahr geworden. Zusammen mit einer Präsidentschaft von Le Pen würde er die EU sprengen und Trump wäre das sichere Ende des NATO-Bündnisses. Was dann noch bleibt, ist reine Instabilität einander wieder mehr rivalisierender und bedrohender Nationalstaaten mit ungleichen Kräfteverhältnissen. Dazu eine sichere Wirtschaftskrise, die wir uns heute kaum ausmalen können.

Wie konnte es nur so weit kommen? Was ist nur los mit dem Westen? Wo kommt diese Selbstzerstörungswut her?

Ich habe da was über nichtfunktionierende Bremsen geschrieben, aber über die reine Beobachtung der derzeitigen Lage komme auch ich nicht hinaus. Ich habe keine Erklärung für das Verhalten der Menschen, die mich befriedigt. Ich lese aber eine Menge Kram über das Thema und da kam ich auf die Idee, mal wieder so richtig oldschool blogmäßig einfach auf anderer Leute Texte zu verweisen. Deswegen will ich hier ein paar Longreads vorstellen, die sich bei mir angesammelt haben, die alle samt mit unterschiedlichen Perspektiven versuchen, die oben genannten Phänomene zu erklären.

1) Hier erstmal ein Blogartikel anlässlich den anhaltenden Trump-Erfolges, der zum wieder runterkommen ermuntert. Es gibt darin viele sehr richtige Sätze und Erkenntnisse („Trump is an effect, not a cause.“). Seine These lässt sich aber recht leicht zusammenfassen: Das Internet hat eine kommunikative Umgebung geschaffen (Aufmerksamsökonomie), die radikale Stimmen, Weltuntergangsphantasien und Extremismus überproportional mit Reichweite belohnt. Das wiederum versetzt alle in Angst und Schrecken und führt zu der apokalyptischen Grundstimmung, die nach einem starken Führer rufen lässt.

Alles also nur eine selbsterfüllende Prophezeihung einer sich selbst per Social Media aufputschenden Menge von Leuten? Ich denke, da ist schon auch was dran. Als Erklärung reicht es mir aber nicht.

Is It Just Me Or Is The World Going Crazy?


2) Man kann auch vollkommen gegenteiliger Meinung sein und quasi fatalistisch das sichere Ende einer außergewöhnlich friedlichen Zeit herbeischreiben. Dieser Artikel hier beruft sich auf geschichtliche Gewissheiten. Ausgehend von Menschenkrisen wie der Pest oder den großen Kriegen stellt er die These auf, dass sich zivilisatorische Entwicklungen zyklisch vollziehen. Diese Zyklen lassen sich allerdings nur betrachten, wenn man mit eine Perspektive jenseits der menschlichen Lebenspanne auf die Welt blickt. Aus dieser Vogelperspektive wird klar, dass wir uns gerade wieder an der Schwelle einer unruhigen Zeit befinden und wir sollten uns jetzt fragen was unser Prinz Ferdinand Moment sein wird.

Insgesamt also ziemlich düster und fatalistisch, dennoch gut argumentiert. Natürlich haben wir einen Bias was unser Verständnis der Welt angeht. Wir sind uns zu sicher, weil wir in Wohlstand und Stabilität aufgewachsen sind. Die Entwicklung ging immer nach vorn. Diese Situation war aber eine historische Anomalie, das darf man nicht vergessen.

History tells us what may happen next with Brexit & Trump


3) Dieser Artikel im Economist sieht eine paradigmatische Verschiebung der politischen Demarkationslinien als Ursache. Es gehe schon lange nicht mehr um den Kampf Links gegen Rechts, sondern um den von Offen vs. Geschlossen. Dabei finden sich im linken wie im rechten Lager beide Positionen zu offen/geschlossen, nur dass die offen/geschlossen-Kämpfe die links/rechts-Kämpfe mittlerweile überschatten. An Bernie Sanders und Trump kann man das gut studieren. Während sie in der links/rechts-Dichotomie weit auseinander liegen, sind sie sich in vielen Punkten sehr einig, was wirtschaftlichen Isolationismus, das Ablehnen von Handelsabkommen etc. angeht. Hillary dagegen sei die einzige Kandidatin, die für Offenheit steht.

Die beschriebene Grundtendenz lässt sich in der Tat nicht bestreiten, nicht umsonst gehören Pegida und co. mit zu den wehementesten Ablehnern von TTIP und es wird jede Chance genutzt, eine Querfront entlang des Themas zu basteln. Auch die Antieuropatendenzen der gesamten europäischen Rechten sind gut anschlussfähig an linke Globalisierungskritik, weswegen Corbyns Labor-Party auch so schwach für Remain gekämpft hat. Dennoch geht der Artikel sehr weit mit der Gleichsetzung der Globalisierungskritischen Szenen und man wird den Eindruck nicht los, hier werde eine neoliberale Agenda verfolgt.

The new political divide


4) In der Welt argumentiert Alan Posener, dass ein kultureller Bruch in den westlichen Gesellschaften existiert, der ganz gut zu den politischen Lagern des Economist passt. Posner beschreibt die westlichen Gesellschaften als tatsächliche Leistungsgesellschaften, in denen also derjenige, der Leistung bringt, auch echte Erfolge erntet. In einer solchen Gesellschaft bleibt den Verlierern eigentlich keine andere Wahl, als an sich selbst zu verzweifeln (vor allem, wenn es weiße, heterosexuelle Männer sind, die keine Diskriminierung für ihre Lage verantwortlich machen können). Die Leistungsgesellschaft legitimiert den Erfolg des Erfolgreichen, wie auch das Versagen des Verlierers. No one to blame!

Weil dieser Frust also keinen legitimen Kanal findet, wird er irrational, manifestiert sich in Hass und Verschwörungstheorien. Heraus kommen dann solche wirtschaftlichen Selbstverletzungen wie der Brexit oder eben Donald Trump oder AfD.

Ich finde durchaus, dass dieser Artikel einen Punkt hat. In der Tat gibt es einen Bruch zwischen dem Establishment und einer Art Unterklasse, der vor allem kulturell bedingt ist. Ich finde den Artikel aber auch gefährlich, weil er der Leistungsgesellschaft implizit unterstellt, zu funktionieren. Das sehe ich nicht so. Ich halte das ganze Gerede von Leistung und Leistungsträgern für neoliberale Augenwischerei, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verrationalisieren.

Auch wenn das Gefühl, das aufkommt, von Posner richtig beschrieben sein mag, halte ich es für einen Fehlschluss des Subjektes, sich selbst für sein Unglück Verantwortlich zu zeichnen. Dafür ist der Werdegang der Menschen statistisch noch viel zu sehr vom Elternhaus vorgeprägt und der Zufallsfaktor bei den wenigen Erfolgsgeschichten zu gering geschätzt.

Dem Westen droht ein Aufstand der Abgehängten


5) Dieses Paper der Friedrich-Ebert-Stiftung sieht ebenfalls die Ursachen in einem kulturellen Bruch. Die Bruchhälften werden dabei aber interessant benannt, nämlich als zwei Spielarten des Liberalismus. Der Liberalismus der Eliten, der die Globalisierung umarmt und Weltoffenheit propagiert und dann einen anderen Liberalismus, den Liberalismus der kleinen Leute, der „bodenständiger“ ist und die traditionellen Gemeinschaften wertschätzt und erhalten will (wozu dann eben auch der Nationalstaat) gehört.

Weil der elitäre Liberalismus sich zu weit von den Bedürfnissen des bodenständigen Liberalismus nach Übersichtlichkeit und Beherrschbarkeit (Take Back Control!) entfernt hat, docken diese Leute nun bei den Rechtspopulisten an, die ihnen Freiheit trotz und inklusive einer traditionellen Gemeinschaften versprechen.

Obwohl ich den beschriebenen Konflikt für real und ursächlich halte, finde ich die verniedlichung der Rechten Umtriebe als „bodenständigen Liberalismus“ ziemlich fehl am Platz. Natürlich haben die Menschen Angst, aber man darf den impliziten Rassismus und die antidemokratischen Reflexe in diesen Bewegungen nicht unterschätzen oder kleinreden. Alles in allem scheint es mir doch eher ein Rechtfertigungspapier für Gabriels Kuschelkurs mit Pegida zu sein. Sarah Wagenknecht gefällt das.

»Postliberalismus« oder ein Plädoyer für einen populären Liberalismus


6) Die traditionelle linke Position zur Erklärung von rechtspopulistischen Erfolgen ist ja immer das Narrativ der sozioökonomischen Misere ihrer Anhänger. Ich finde schon seit langem, dass diese Erklärung zu kurz greift, vor allem bei Pegida, Afd und den anderen neueren rechten Strömungen. Sicher, es mag sein, dass sich die Anhänger tendenziell eher aus den unteren Schichten rekrutieren, tendentiell eher schlechtere Bildungsabschlüsse haben und tendenziell unterhalb des Durchschnitts verdienen, etc. Aber es sind eben nicht die prekären und abgehängten (auch hier irrt Posner), sondern es sind größtenteils Menschen mit regelmäßigen Einkommen, meist aus der unteren Mittelschicht. Menschen, die sicher nicht zu den Gewinnern gehören, aber eben auch nicht zu den Verlierern. Leute, die in den letzten Jahren eher wenig Lohnzuwachs hatten, vielleicht sogar leichte Reallohnverluste, aber noch lange nicht am Hungertuch nagen.

Während mir diese konkrete Position nicht einleuchtet und sie eh schon überrepräsentiert ist, will ich trotzdem das sozioökonomische Deutungsmuster nicht auslassen, denn es gibt auch einen Artikel, der eine nicht unterkomplexe Erklärung aus den Daten herleitet.

Grundlage dafür ist ein Chart, der mir ähnlich bereits bei Paul Mason begegnet ist und den ich wahnsinnig aufschlussreich für unsere heutige Situation halte. Er zeigt in diesem Fall die Gewinner und Verlierer der Globalisierung von 1998 bis 2008. Die großen Gewinner sind demnach auf Seiten der asiatischen Aufsteigerstaaten zu finden und andererseits bei den globalen 1Prozent, wie man so schön sagt. Zwischen diesen beiden Gewinnern aber tut sich eine tiefe Kluft auf. Diese Kluft ist die Mittelschicht der westlichen Industrieländer, eben jene Trump-Wähler/innen und Pegidisten von heute.

Anders als Pikettys unterkomplexe, weil nur auf westliche Staaten bezogene Analyse macht dieser Chart die Ambivalenz der Globalisierung klar. Ja, die Reichen werden immer reicher, aber nein, die armen nicht immer ärmer, im Gegenteil. Auch die werden immer reicher, zumindest global betrachtet. Nur die nur relativ armen – in Wirklichkeit aber vergleichsweise reichen Leute der unteren Mittelschicht hierzulande, werden weder reicher noch ärmer, sondern stagnieren auf dem Fleck.

Das ist eine Zustandsbeschreibung, die ganz andere Effekte und Deutungen produziert, als das Narrativ der abgehängten Klasse. Psychologische Studien belegen, dass Menschen ziemlich gut damit umgehen können, arm zu sein. Unglücklich werden sie nur, wenn sie sich in Beziehung setzen zu anderen, denen es besser geht, oder deren Situation sich schneller verbessert.

Es ist kein Zufall, dass Trump immer China als den Konkurrenten, den es zu schlagen gilt, an die Wand malt, dass die AFD die Flüchtlinge als Konkurrenz an den Fresströgen darstellt, dass Globalisierung von rechten Strömungen allgemein als Nullsummenspiel dargesellt wird, in dem uns das versagt wird, was die anderen hinzugewinnen. Das weckt Neid, Missgunst und den Wutbürger in dir! Und Dir!

Auf diese Art findet der Artikel die ideale Synthese aus der „die sozioökonomischen Umstände sind schuld“-Argumentation und der „die Leute sind völlig irrational“-Erklärungen: Ja, die Menschen sind irrational, was aber nicht bedeutet, dass sie es grundlos sind.

Confused Why Donald Trump’s Message Is Resonating? Relative Comparison Theory And Income Inequality Explain A Lot.



Es sind die Bremsen

Gerade wird die Frage heiß diskutiert, ob uns jetzt tatsächlich die Welt um die Ohren fliegt oder ob wir einer psychomedialen Täuschung unterliegen; dass wir uns also nur alle gegenseitig per Twitter und Facebook verrückt machen und die Welt eigentlich gar nicht so schlimm kaputt ist, wie es scheint. Zu der letzteren Position gingen jetzt einige lesenswerte Texte herum. Ich will hier vor allem auf den von Jonas Schaible auf Carta hinweisen, weil er sehr faktenschwer einen fundierten Überblick zu dieser Position liefert.

Denn tatsächlich: alle Daten deuten darauf hin, dass zwar nicht alles gut ist, dass es durchaus einige besorgniserregende Ereignisse und Trends gibt, diese aber harmlos wirken, wenn wir sie mit den Daten von vor 10 oder gar 20 Jahren vergleichen. Bekannter Maßen hat die Welt sowohl die 80er, als auch die 90er überlebt, weswegen es zumindest für das apokalyptische Geraune keine Veranlassung gebe.

So gerne ich mich dieser Analyse anschließen würde, muss ich mich doch outen als jemand, der der ersten, der apokalyptischen Lesart angehört. Die Zahlen überzeugen mich nicht und die These der gegenseitigen Selbstaffektion per Social Media halte ich lediglich für eine moderne Form des Pfeifens im Walde. Ja, ich glaube tatsächlich, dass gerade einiges grundsätzlich ins Rutschen geraten ist, etwas, das man aber nur schwer sieht, wenn man sich auf die Zahlen versteift. Ich will meine Beunruhigung anhand der fraglichen Ereignisse einmal ausformulieren.

Türkei

Fangen wir beim Putsch in der Türkei an. Die Plötzlichkeit, die Geschwindigkeit und die Radikalität des Wandels, den er ausgelöst hat, haben uns alle erschrocken. Aber da ist noch etwas anderes. Ganz ehrlich? Wenn das selbe in Iran oder in Pakistan passiert wäre, hätte ich das sicher auch schlimm gefunden, aber im Grunde hätte ich mich schon eine Stunde später mit anderen Dingen beschäftigt. Ist es also die Nähe, die mich erschreckt? joaa … fast.

Was mich erschreckt ist, dass so etwas in einem Land möglich ist, das so tief eingebunden ist in unser westliches politisches und wirtschaftliches Gefüge. Die Türkei ist nicht teil der EU, aber fast. Die Türkei ist vielfältig eingebunden, mit privilegierten Beziehungen zur EU, mit der Nato-Mitgliedschaft und vielen bilateralen Verträgen. Es ist war trotz aller schon vorher vorhandenen Probleme in fast jeder Hinsicht ein Vorzeigeland unter islamisch geprägten Ländern. Und ich sage ganz offen, dass ich das, was gerade passiert genau deswegen nicht für möglich gehalten habe.

Warum?

Weil eine solche Verflechtung normalerweise disziplinierend wirkt. Die Türkei weiß, dass sie mit diesem radikalen Kurs alle Verbindungen zum Westen aufs Spiel setzt. Das bedeutet nicht nur politische und sicherheitspolitische, sondern vor allem auch wirtschaftliche Vorteile aufs Spiel zu setzten. Das bedeutet also bares Geld, das bedeutet Sicherheit, das bedeutet Geltung in der Welt, die hier auf dem Spiel stehen. Die Beziehungen zum Westen zu riskieren kann die Türkei wirtschaftlich und politisch locker zwanzig Jahre zurück werfen.

Warum macht Erdogan das? Ausgerechnet er, der Architekt, der vieles von dem, was die Türkei bis heute war, selbst geschaffen hat? Hat er den Verstand verloren? Ganz ehrlich; ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ein bisher wirkmächtiger Disziplinierungshebel auf einen Schlag die Wirkung verloren zu haben scheint.

Brexit

Es ist viel darüber debattiert worden, weswegen die Mehrheit der Briten für den Brexit gestimmt hat. War es mediale Desinformation? War es Xenophobie? Waren die dummen alten Schuld, oder die faulen Jungen? War es der Hass auf die Eliten oder war es doch die zu neoliberale EU? Wir wissen es bis heute nicht. Wir wissen aber, dass die Briten gegen ihre eigenen Interessen abgestimmt haben. Es findet sich kein ernstzunehmender Ökonom oder Ökonomin, der oder die nicht den wirtschaftlichen Schaden, den sich Groß Britannien durch diese Entscheidung selbst und ohne Not zugefügt hat, in die hunderte Milliarden berechnet. Und den Briten scheint das egal zu sein. Cameron hatte gedacht, alleine mit dem wirtschaftlichen Argument (also der Wahrheit) Remain gewinnen zu können. Leichtes Spiel, dachte er sich wohl, die Leute werden doch nicht gegen ihren eigenen Geldbeutel stimmen. Das Gegenteil war der fall. Gerade auf dem Land, wo ein Großteil der Bevölkerung fast ausschließlich von EU-Subventionen lebt, war man am entschiedensten für den Brexit. Ich verstehe es nicht und bin ganz ehrlich immer noch fassungslos.

Das liegt daran, dass ich bisher der Auffassung war, dass der wirtschaftlicher Eigennutz disziplinierend auf Menschen wirkt. Wer kennt das nicht? Manchmal will man alles in die Ecke feuern. Aber der Gedanke daran, was eine radikale Tat hinterher für negative Auswirkungen auf einen haben kann, hilft einem, den melodramatischen Akt noch mal zu überdenken. Dieser Mechanismus hat beim Brexit einfach versagt.

Trump

Als Mitt Romney 2012 in einer kleinen Wahlkampfveranstaltung sagte, dass er sich in seiner Präsidentschaft nicht um die 47 % Wohlfahrtsempfänger kümmern wolle, sabotierte er sich jede Chance auf den Einzug ins Weiße Haus. So funktioniert amerikanische Politik. Du machst einen Fehler, er wird skandalisiert – zack, biste draußen. Das System ist unerbittlich.

War unerbittlich. Dann kam Trump. Trump tätigt seit einem halben Jahr fast jeden Tag Aussagen, die jeweils fähig wären in vergangenen Kampagnen jeden beliebigen Kandidaten aus dem Rennen zu kegeln. Wie oft sahen Medien Trump bereits als erledigt an, weil er es wagte den gesellschaftlichen Konsens zu Thema X aufzukündigen? Jedesmal lagen sie falsch. Dabei geht es nicht nur um Themen, die linke Wähler abschrecken, wie Rassismus. Nein, er kann sogar gegen alle Glaubenssätze der Konservativen trollen. Er wagte es zum Beispiel ernsthaft den angesehenen republikanischen Politiker und Kriegshelden John McCain bei seiner Ehre anzugreifen. Etwas, was unter normalen Umständen jeden konservativen Amerikaner auf die Barrikaden bringen würde. Aber da war nichts. Es hat ihm nicht mal geschadet.

Alle medialen und gesellschaftsdiskursiven Disziplinarhebel versagen bei Trump. Der Diskurs ist sprichwörtlich aus den Fugen. Trump spielt jenseits aller Regeln. Das ist es, was mir so Angst macht.

Fazit

Man könnte diese Liste fortsetzen, über versagende Hebel in der Wirtschaftspolitik bishin zu unverhinderbaren Terrorismus via Selbstradikalisierung. Wenn wir sagen, dass die Welt aus den Fugen ist, meinen wir nicht, dass sie auseinander fällt, sondern, dass die Steuerungshebel versagen. Wir erleben einen sprichwörtlichen Steuerungsverlust.

Beim Lesen von Jonas Artikel denke ich mir jemanden, der bei einer rasanten Autobahnfahrt auf den Tacho schaut und beruhigt feststellt: ja gut, erhöhte Geschwindigkeit, aber das kennen wir auch schlimmer. Aber der Tacho interessiert mich gar nicht, ich dreh durch, weil die scheiß Bremse nicht funktioniert.

(PS: Das sieht jetzt alles ziemlich düster aus und ich will das gar nicht relativieren. Ich will nur ankündigen, dass ich all das bereits seit einiger Zeit in einem größeren Framework durchdenke. Grob gesprochen geht es um das Versagen der Institutionen, wie ich es im dritten Kapitel meines Buches (leider unzureichend präzise) beschreibe und damit einhergehend mit einem Versagen der Disziplinargesellschaft (Foucault). In meinem anderen Blog hatte ich dem Ganzen die etwas pathetisch klingende Kategorie „Weltkontrollverlust“ zugeteilt. Jedenfalls bin ich der Meinung, dass dieses Versagen nur mit neuen Institutionen beantwortet werden kann. Die aber können wir erst designen, wenn wir erstens verstanden haben weswegen unsere Steuerungshebel versagen und zweitens erst dann bauen, wenn das Chaos überstanden ist.)


Geburtstagseinladungen, Brexit und die positive Filtersouveränität

Ist es nicht paradox? Da haben wir all diese schönen digitalen Technologien, die kommunikative Dinge so viel einfacher machen sollen und dennoch wird es immer schwieriger, Menschen zu persönlichen Feiern einzuladen. Zumindest mir geht es so in meinem tendenziell überdurchschnittlich online-affinen Freundeskreis.

Gestern hatte ich Geburtstag (jaja, danke, danke!) und ich habe am Tag zuvor reingefeiert. Nun melden sich etliche Enttäuschte, die von den Feierlichkeiten nichts mitbekommen haben. Das wundert mich nicht, denn eingeladen hatte ich vor allem per Facebook, aber auch per Darktwitter habe noch mal auf die Veranstaltung hingewiesen. ich weiß, das ist recht wenig, ich hätte wesentlich mehr tun können, vielleicht auch müssen. Dieses Jahr war ich aber wirklich ein bisschen in Zeitnot, weil die Einladungen direkt vor meinem Urlaub rausgehen mussten.

Ein paar der Probleme, die sich aus der Situation ergeben:

  1. Viele haben kein Facebookkonto. Klar.
  2. Leute, die ein Facebookkonto haben, schauen da nicht rein. Hmpf.
  3. Leute, die da reinschauen, sind von den überboardenden Notifications überfordert. Tjo.
  4. Auf Darktwitter folgen mir noch viel weniger und Timelines werden eh nur gelegentlich durchgescrollt. Ok.

Ich wusste natürlich vorher, dass ich so nicht alle erreichen würde. Bei vergangenen Geburtstagen habe ich auch versucht, mehr Kanäle zu nutzen. Aber auch hier ergeben sich weitere Probleme.

  1. Viele sind nicht auf WhatsApp.
  2. Email und SMS scheinen die höchste Erreichbarkeit auszustrahlen. Bis man feststellt, dass man von vielen Leuten – sogar guten Freunden – überhaupt keine Nummer, oder Emailadresse hat. Oder dass sich Nummern und E-Mailadressen inzwischen geändert haben, was man nicht merkte, weil man über irgendeinen anderen Dienst miteinander kommunizierte.
  3. Dann verteilen sich bei mir auch noch Leute auf Dienste, die außerhalb der Techiblase niemand nutzt: Threema, Signal, Telegram oder jabber. ja, Jabber!
  4. Eventuell sollte ich jetzt noch via SnapChat … ach, egal.

Ich gebe es zu: mit einiger Planung, Nachdenken und dem Arbeitsaufwand von ungefähr einem Tag, wäre es möglich gewesen alle und jeden, die es interessiert mit der Einladung zu erreichen. Aber das kann doch wirklich nicht die Lösung sein. Ich glaube, da liegt ein Grundlegender, ein systematischer Fehler vor.

Das beschriebene Dilemma ist eine gute Veranschaulichung dessen, was ich in meinem Buch versucht habe in der Regel 5 auszudrücken: Du bist die (positive) Freiheit des Anderen (Seite 198). Dieses auch „positive Filtersouveränität“ genannte Konzept leitet sich direkt aus der Theorie der Netzwerkeffekte ab. Wenn jede/r zusätzliche Teilnehmer/in eines Netzwerkes den Nutzen des Netzwerkes für alle anderen Teilnehmer/innen erhöht, dann hat die Entscheidung der Teilnahme oder der Nichtteilnahme an einem Netzwerk auch eine ethische Dimension.

Ich persönlich versuche deswegen auf allen (einigermaßen relevanten) Netzwerken präsent zu sein, weil ich weiß, dass es das Leben meines Gegenübers – wer immer mit mir in Kontakt treten will – erleichtert. Ich erhöhe seine positive Freiheit. Wenn ich andersrum aber an einem Netzwerk nicht teilnehme, dann erhöhe ich für mein Gegenüber den Organisationsaufwand für das Mich-Erreichen, mit anderen Worten, dann schade ich ihm.

Diese Ethik des Nutzens von Netzwerken mag manche verwirren oder in ihren Ohren gar anstößig klingen. Vielmehr glauben Menschen, dass zum Beispiel Facebook zu boykottieren sogar ein ethischer Akt sei, während ein Facebookkonto zu haben, unethisch ist, weil man Kontrolle über seine persönlichen Daten abgibt. So hat sich die Auffassung etabliert, das Nichtnutzen von Diensten sei ein ethisches Distinktionsmerkmal so wie „bio“ kaufen. Dass sie sich und ihren Freunden schaden und jedem, der mit ihnen in Kontakt kommen will, wird schulterzuckend hingenommen, weil Individualismus, (Daten-)Souveränität und (informationelle) Selbstbestimmung als ungleich höhere Werte gelten.

Es ist ein bisschen so wie mit dem Brexit. Meine Vermutung ist, dass Leute, die für den Brexit stimmten, Wirtschaft noch als eine Art Nullsummenspiel betrachten. Ein Vorteil, den jemand anderes hat, ist automatisch mein Nachteil. Dass der gemeinsame Wirtschaftsraum mit gemeinsamen Regeln, der die EU ausmacht, allen daran Teilnehmenden Vorteile bringt, geht nicht wirklich zusammen mit einer individualistischen Logik. Genau so wie Facebook-verweigerer sind sie kognitiv in einer Ethik gefangen, in der „Take back control“ eine total gute Idee ist. (Was vielleicht auch den Unterschied zwischen alten und jungen Wähler/innen erklärt. Jüngere Menschen erfassen die Implikationen der vernetzten Welt viel eher, als ältere.)

Die vernetzte Logik zwingt dazu, aus individualistischen Deutungsmustern auszubrechen. Souveränität, Kontrolle, Selbstbestimmung, unbeschränkte persönliche Freiheit gelten seit der Aufklärung als wichtigste Pfeiler unseres Wertesystems. In der Vernetzung relativieren sich diese Werte aber. In der vernetzten Welt macht es durchaus Sinn, Kompetenzen, Kontrolle und Souveränität abzugeben und so das Leben aller Teilnehmer/innen zu vereinfachen und den Nutzen von gemeinsamer Infrastruktur durch Partizipation für alle zu erhöhen.

Ich hoffe, dass diese Zusammenhänge irgendwann besser begriffen werden und ich dann vielleicht über einen einzigen Dienst oder Netzwerk, eine Einladung an alle meine Freunde schicken kann.


Ich lehne Marx‘ Arbeitswerttheorie ab und hier ist warum

Bildschirmfoto 2016-06-07 um 13.52.41

Einleitung

Gerade habe ich Paul Masons Buch Postcapitalism (Amazon Affiliate Link (ja, ich brauche das Geld)) gelesen und muss sagen, das ist eine lesenswerte Lektüre. Es gibt aber ein Problem und zwar ist Mason Marxist und er argumentiert mit verve mit der Arbeitswerttheorie. Unglücklicherweise lehne ich diese Theorie ab und muss mich seitdem in meinem vornehmend sehr linken Freundeskreis immer wieder dafür rechtfertigen.

Deswegen ist Mason zwar der Anlass, warum ich hier über die Marxsche Arbeitswerttheorie schreibe, aber er ist nicht der Grund. Der Grund sind die unzähligen Stunden, die ich mit Diskussionen verbracht habe, wenn ich mal wieder mit Marxist/innen auf diese Frage gestoßen bin. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, habe mich ihnen zu liebe jetzt schon so oft mit Marx‘ Kapital rumgequält, habe Sekundärtexte gelesen, habe versucht zu verstehen und nachzuvollziehen, aber ich habe keine Lust mehr.

Die Idee dieses Textes ist also sowas wie ein Befreiungsschlag. Nicht in dem Sinne, dass ich mit diesem Text jetzt alle Marxist/innen bekehren werde (wahrscheinlich nicht einen einzigen). Die Idee ist vielmehr einen Link zu haben, den ich posten oder weitergeben kann, wann immer ich mich genötigt sehe, mal wieder zu erklären, warum ich nicht von der Arbeitswertheorie überzeugt bin.

Arbeitswerttheorie, was ist das?

Zunächst muss ich mich hier weit aus dem Fenster lehnen, denn ich muss für alle, die nicht genau wissen, was gemeint ist, die Arbeitswerttheorie erklären. Leider kann man das nur falsch machen. Marxist/innen teilen die Welt für gewöhnlich in zwei Lager ein: Nein, nicht Arbeiter und Kapitalisten, sondern Marxist/innen und Menschen, die die Arbeitswerttheorie nicht verstanden haben. Und tatsächlich ist die Theorie wahnsinnig kompliziert und ihre Entwicklung erstreckt sich über das gesamte Werk von Marx. Der Diskurs dazu ist zudem extrem tradiert und wurde in alle möglichen Richtungen weiterentwickelt. Es gibt mehr als eine, mehr als zwei, vermutlich 10 bis 20 unterschiedliche Lesarten, Auslegungen und Weiterentwicklungen. Und nein, ich habe sie nicht alle gelesen. Ich werde hier nur die Grundzüge erläutern und nicht in die Details gehen. Das reicht aber vollkommen aus, da meine Ablehnung der Theorie auf einer sehr grundsätzlichen Ebene ansetzt.

Also hier meine Zusammenfassung: Marx fragt sich gleich zu beginn des Kapitals, wie es kommt, dass den Waren ein gewisser Wert zugeschrieben wird. Er sieht zum einen, dass Menschen eine Ware etwas wert ist, weil sie nützlich ist. Diesen Nützlichkeitswert nennt er den Gebrauchswert. Er sieht aber auch, dass den Menschen eine Ware so viel wert ist, wie x Einheiten einer anderen Ware. Waren stehen also in einem Äquivalenzverhältnis, welches er Tauschwert nennt. Und ab nun geht es vor allem darum, wie dieser Tauschwert zustande kommt.

Marx‘ Antwort ist Arbeit. Jeder Tauschwert ist im Grunde ein Ausdruck der Arbeit (auch: abstrakte oder gesellschaftlich notwenige Arbeit), die beim Produktionsprozess in eine Ware gesteckt wird. Und etwa ab hier wird es kompliziert, denn Marx versucht nun über sein gesamtes Werk hinweg zu erklären, wie diese Verrechnung von statten geht. (An dieser Stelle sei mit Vorsicht und etwas Ratlosigkeit angemerkt, dass bei Marx Tauschwert und Preis nicht das selbe sind. Es gibt bei Marx eine gewisse Anerkennung von Marktkräften, die den Preis ebenfalls determinieren. Der Tauschwert verwirklicht sich zwar im Preis, kann aber davon wesentlich abweichen. Wenn aber von der Arbeitswerttheorie nicht auf den Preis geschlossen werden kann, fragt sich für mich, zu was sie überhaupt gut sein soll … egal, nehmen wir das einfach zur Kenntnis.)

Es wäre nun natürlich zu einfach, nur die konkreten Arbeitsstunden zu verrechnen, denn die Arbeitsstunden selbst haben ja ebenfalls unterschiedliche Tauschwerte, denn auch die Arbeit selbst ist ja eine Ware, in die Arbeit eingeflossen ist (Ausbildung, Erfahrung, etc.) sowie die Arbeit, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten („Reproduktionsarbeit“).

Eine weitere Komplexitätsstufe wird erreicht, wenn man bedenkt, dass der Arbeitswert auch durch die Produktivkraft beeinflusst ist. Wenn ein Arbeiter/eine Arbeiterin durch eine neue Maschine an einem Tag 100 statt nur 50 Schuhe herstellen kann, dann wirkt sich das ebenfalls auf den Wert der Ware aus, aber eben nicht einfach, dass der Wert sich halbiert, denn man muss ja noch bedenken, dass der in der Maschine enthaltene Arbeitswert (um sie zu konstruieren) ebenfalls auf den Warenwert umgelegt werden muss, etc. Ihr könnt euch das Durcheinander vorstellen.

Den Arbeitern wird aber eben nicht der volle Wert ihrer Arbeit ausgezahlt, sondern nur der Teil, der für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft notwendig ist. Der Rest – der Mehrwert – geht als Profit in die Bilanzen des Kapitalisten ein. Daraus ergibt sich also das Ausbeutungsverhältnis.

Das war jetzt etwas verkürzt, aber wie gesagt, so tief müssen wir da jetzt nicht rein, denn mein Unglaube setzt bereits grundsätzlicher an. Bei der Existenz des Wertes ansich.

Meine Kritik

Ich glaube nicht an die Marx’sche Arbeitswerttheorie. Ich glaube nicht, dass ein Wert in den Waren oder Gütern existiert. Und ja, diese Frage ist eine Frage des Glaubens. Genau so wie ich als Atheist nicht die Nichtexistenz Gottes beweisen kann, kann ich nicht die Nichtsexistenz des Wertes beweisen. Aber genau so, wie ich meinen Atheismus dennoch begründen kann, kann ich Gründe dafür anführen, warum ich nicht an den Wert glaube.

Grund 1. Das, was der Arbeitswert erklären will, lässt sich anders – leichter, einfacher und schlüssiger – erklären.

Occam’s razor beschreibt ein wissenschaftsphiliosophisches Prinzip, dem ich mich voll und ganz anschließe. Es lautet etwa so: Wenn es verschiedene Hypothesen zu einem Sachverhalt gibt, dann sollte man diejenige wählen, die am wenigsten Vorannahmen erfordert. Etwas verkürzt könnte man sagen: die vorraussetzungsärmste Theorie gewinnt.

Schon sehr früh, wurde der Werttheorie mit Gegentheorien begegnet. Die vorherrschende „bürgerliche Auffassung“ vom Austauschverhältnis der Waren ist seitdem, dass der Preis sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage der Ware zusammensetzt. Die Theorie dazu nennt sich Grenznutzentheorie. Diese Theorie verwirft die Idee eines allgemeinen, objektiven Wertes und sagt, dass Wert einer Ware (bürgerlich: „eines Gutes“) subjektiv als Nutzen empfunden wird. Allerdings auch nicht zu allen Situationen gleich. Wenn ich gerade keinen Hunger habe, hat eine Bratwurst keinen Nutzen für mich. Wenn ich bereits ein Auto habe, ist mein Willen, ein weiteres zu kaufen, sehr viel geringer. Die akkumulierten Nutzen verschiedener Konsumenten an einer Ware bilden die Nachfrage. Demgegenüber steht das Angebot, dass diese Nachfrage versucht zu bedienen. Schafft sie es nicht, erhöht sich der Preis, bietet sie mehr als die Nachfrage, sinkt er.

Vergleichen wir also die Voraussetzungsreichtum beider Theorien.

Arbeitswertheorie:

  • Die Existenz einer „Wertsubstanz“ wird bei Marx nicht hinterfragt, sondern apriori als gegeben vorausgesetzt. Dass ein empfundener Tauschwert evtl. sozial konstruiert ist, dass also der Preis den empfundenen Tauschwert determiniert statt umgekehrt, wird nicht mal in Betracht gezogen.
  • Es braucht eine Art Transformationsprozess, der die Arbeitszeit als Wertsubstanz in der Ware anlegt. Wie das funktionieren soll, wird ebenfalls nicht geklärt, sondern einfach vorausgesetzt. Zudem fragt sich, wie sich die in Maschinen gespeicherte Wertsubstanz auf die Produkte überträgt. Alles sehr rätselhaft.
  • Menschen hingegen brauchen für diese Theorie eine Art Sensorium mit dem sie den Wert einer Ware einschätzen können. Ein sechster Sinn? Bei zunehmend komplexen Fertigungsprozessen, ist einer Ware die Herstellungsarbeitszeit nicht mehr anzusehen.

Ich kenne mich mit Marxismus nicht sonderlich gut aus und bin auch kein Ökonom. Ich kenne mich aber ganz gut mit Theorien aus. Diese hier ist schlecht. Schlecht as in Esoterik-level schlecht. (Falls Marx diese Vorannahmen doch irgendwo ausgeräumt hat, mögen Marxexperten mich hier bitte belehren.)

Grenznutzentheorie:

  • Es braucht nutzenoptimierende Akteure, die rational-egostisch danach streben, stets den besten Deal zu suchen, the biggest Bang for the Buck. Ihr wisst schon, dieser Unsympath namens Homo Oeconomicus.
  • Zudem braucht es einen transparenten Markt, also die Idee, dass die Nachfrager an den Märkten über alle Angebote bescheid wissen und die Anbieter die Nachfrage einschätzen können.

Auch diese Theorie ist schlecht, denn man kann diese Vorannahmen ebenfalls mit einem gewissen Recht in Zweifel ziehen. Als strenge Vorannahmen funktionieren sie nicht, denn die Akteure sind natürlich Menschen und damit nicht absolut zweckrational und der Markt ist natürlich nicht absolut transparent und schon die Idee, die Nachfrager würden viel Aufwand treiben, um Angebote einzuholen, ist recht weltfremd. Dem kann man allerdings gegenüberstellen, dass der Preismechanismus auch bei nur annähernder Erfüllung von Transparenz und Rationalität bereits hinreichend funktioniert. Uns sind Preise nicht völlig egal, Natürlich versuchen wir in gewissem Maße zu optimieren. Nur den Aufwand, den wir dafür treiben, ist recht überschaubar und wird von vielen anderen Einflussfaktoren flankiert.

Fazit:

Ich persönlich finde auch die Grenznutzentheorie nicht sonderlich überzeugend. Wir haben es hier also mit zwei schlechten Theorien zu tun. Die Grenznutzentheorie ist allerdings mit großem Abstand die weniger schlechte, weswegen sie zu präferieren ist.

Grund 2: Ich glaube zu verstehen, warum es zu der Annahme eines Arbeitswertes hat kommen können.

Zunächst ist die Theorie des Arbeitswertes gar nicht Marx‘ Idee gewesen. Sie war zu seiner Zeit schlicht die vorherrschende Auffassung, wie Wirtschaft funktioniert. Schon Adam Smith hat an den Wert durch Arbeit geglaubt und nach ihm David Ricardo. Vor allem an letzterem hat sich Marx dann auch abgearbeitet.

Zu Lebzeiten Marx war auch die Physik noch eine andere. Es war nicht nur die Zeit vor Einsteins Relativtätstheorie, sondern auch noch eine Zeit, in der selbst die größten Physiker noch an den sogenannten Äther glaubten. Der Äther, so war man der Überzeugung, sei das Medium, in dem sich Licht ausbreitet. Es war keine andere Erklärung denkbar zu der Zeit. Schall- oder Wasserwellen sind ja schließlich auch nur bewegte Materie, warum sollte es sich mit elektromagnetischen Wellen anders verhalten? Die Tatsache, dass ein Äther bis dato noch nicht nachgewiesen war, veranlasste zwei Physiker noch zu Lebzeiten Marx dazu, einen Apparat zu bauen, der den Äther endlich einmal vermessen sollte. Die Messungen von Michelson und Morley waren allesamt eine Reihe von Reinfällen. Sie konnten den Äther nicht nachweisen und haderten deswegen Zeitlebens mit ihrem Ingenieursgeschick. Weil zu dieser Zeit kein ätherloses Universum vorstellbar war, kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass ihr Nachweis seiner Nichtexistenz, sogar ein revolutionärer Erfolg gewesen ist. Bis weit ins 20ste Jahrhundert hinein wurden ähnliche Experimente durchgeführt, weil sich einige Menschen nicht von der Äthertheorie lösen können.

Ich glaube, auch die Arbeitswertheorie war wie die Äthertheorie einfach Ausdruck eines Zeitgeistes. Und Marx kam deswegen kaum in den Sinn, sie in Frage zu stellen. Die Frage war für ihn nicht, ob den Waren ein Wert innewohnt, sondern nur, wie er zustande kommt.

Die Idee des Äthers kommt daher, dass die Wellenformen, die man sonst so kannte, immer in einem Medium stattfanden. Wasserwellen im Wasser und Schallwellen in der Luft. Ich habe den Verdacht, dass die Idee des Wertes ebenfalls aus der Physik kommt, genauer vom Energieerhaltungssatz. Der erste Satz der Termodynamik bedeutet unter anderem, dass Gegenstände Arbeit als Energie absorbieren und speichern können. Wenn wir zum Beispiel eine Kugel heben (physikalische Arbeit verrichten), dann ist diese Arbeit als potentielle Engergie in der Kugel gespeichert. Sie wird, wenn wir sie fallen lassen, in Form von kinetischer Energie wieder freigegeben. So nahe diese Metapher auch liegen mag; den physikalischen Begriff von Arbeit auf den sozialen Begriff von Arbeit zu beziehen, ist eine gewagte Operation, die jedem heutigen Theoretiker um die Ohren gehauen würde.

Eine zweite Inspiration für den Arbeitswert kann man dem Kapital direkt entnehmen. Marx begründet den Arbeitswert dadurch, dass es doch etwas gemeinsames geben müsse, dass den Wert der Waren äquivalent mache. Dieses gemeinsame sei eben die menschliche Arbeit, die in die Produktion gesteckt werde.

Gehen wir einen Schritt zurück: Eine der wesentlichsten Veränderungen, die die Industrialisierung gebracht hat, ist die Massenproduktion. Vorher wurden die meisten Gegenstände individuell hergestellt und verkauft. Jeder Stuhl und jedes paar Schuhe waren individueller Ausdruck der Handwerkskunst und Sorgfalt ihres Herstellers. Es gab also nur Unikate. Zwischen Anbieter und Nachfrager entspann sich zudem eine Verhandlung, um die Frage, wie viel das Hergestellte wohl wert sei. Am Ende der Verhandlung einigte man sich per Handschlag und Ware und Geld wurden getauscht. Der erzielte Preis war Ausdruck sowohl der individuellen Qualität der Ware, wie auch des Verhandlungsgeschicks sowie der Beziehung der jeweiligen Geschäftspartner. Es gab damals nichts gemeinsames aller Waren.

Mit der Industrialsierung ändert sich das. Als nun die Massenproduktion Stühle und Hemden in hohen Stückzahlen herstellte, die alle einander wie ein Ei dem anderen gleichen, trat auch eine neue Preisfindungsstrategie auf den Plan: Alle Waren bekamen den selben Preis.

Wenn man nun die Transition vergegenwärtigt: Von der indivduellen Herstellung individueller Waren, die zu individuellen Preisen verkauft werden – hin zu massenhaften einander gleichenden Massenwaren, die nach standardidierten Verfahren hergestellt einen gemeinsamen Preis erzielten. Ein Einheitspreis weist also auf einen Einheitswert hin, der wie es scheint, wiederum aus der einheitlichen Produktionsweise herleitbar ist. Dass es die menschliche Arbeit war, der diesen Einheitspreis als Einheitswert rechtfertigte, lag also nahe.

Die Wahrheit aber ist, dass der Einheitspreis weniger auf einen Einheitswert, als vielmehr einer im Massenmarkt folgerichtigen Vertriebsstrategie entspringt. Es ist zwar sehr wohl möglich, massenproduzierte Waren zu unterschiedlichen Preisen zu verkaufen, jedoch nur unter der Voraussetzung komplexer Vertriebsstrukturen, die wiederum hohe Transaktionskosten verschlingen würden. Marx konnte Transaktionskosten noch nicht kennen, sie wurden erst im 20sten Jahrhundert entdeckt. Massenprodukte wurden zu Einheitspreisen verkauft, nicht weil sie „gleich viel wert waren“, sondern schlicht, weil es einfacher war.

Fazit: Es lassen sich spezifische zeitgenössische Umstände identifizieren, die zu der These eines Arbeitswertes ausschlaggebend gewesen sein könnte. Das widerlegt die These natürlich nicht, macht aber ihr Entstehen unabhängig vom ihrem Wahrheitsgrad plausibel.

Grund 3: Ich glaube überdies verstanden zu haben, warum die Arbeitswerttheorie bis heute in gewissen Kreisen bestand hat.

Der wesentliche Hauptgrund für die Tatsache, dass die Arbeitswerttheorie bis heute nicht totzukriegen ist, liegt natürlich daran, dass sie in Marx Werk einen so zentralen Stellenwert hat. Sie erklärt, wie der Mehrwert entsteht und skandalisiert damit die Ausbeutungsverhältnisse. Damit schultert die Werttheorie auch die gesamte politische Moral des Marxismus. Ohne Wertheorie kein Mehrwert, ohne Mehrwert keine Ausbeutungsverhältnisse und ohne Ausbeutungsverhältnisse keine moralische Logik der Revolution. Kurz: ein Marxismus ohne Werttheorie ist eigentlich nicht denkbar.

Der zweite Grund, warum sich die Werttheorie (in gewissen Kreisen) bis heute halten konnte, ist, dass sie bis heute nicht ganz abwegige Resultate produziert. Vieles von den Mechaniken, die Marx mit der Werttheorie folgert, finden sich tatsächlich in der realen Wirtschaft wieder. Die Werttheorie „wirkt“ bisweilen richtig.

Huch? Wie kann das sein?

Ich sagte bereits, dass ich die Grenznutzentheorie nur für begrenzt nützlich halte. Jedenfalls ist sie unvollständig, wenn man nicht sowas schnödes, wie die Kostenrechung mit einbezieht. Und die Kostenrechnung sagt: Egal, was für eine Grenznutzenpräferenz der Kunde hat: Wenn er nicht bereit ist, dem Anbieter der Ware mindestens so viel Geld zu geben, dass der die Kosten der Ware wieder einfährt, wird er den Deal nicht eingehen. Mit anderen Worten: Waren werden nie unterhalb ihrer Herstellungs-(oder Beschaffungs-)Kosten verkauft.

Nun sind Kosten – und zwar zu Marx Zeiten noch sehr viel mehr als heute – sehr durch die in sie einfließenden Lohnkosten bestimmt. Lohnkosten sind häufig der größte Posten bei der Herstellung von … egal was.

Wenn nun also Waren in einem Markt von verschiedenen Akteuren in einem gegenseitigen Konkurrenzverhältnis angeboten werden, werden diese nach dem Marktgesetz auf Dauer nur unwesentlich höhere Preise erziehen, als ihre Stückkosten. Marx Arbeitstheorie und die gängigen Wirtschaftstheorien sind sich also im Ergebnis einig.

Bei ausgedehnter Produktion (also wir skalieren die Menge der produzierten Waren), marginalisieren sich die anteiligen Fixkosten (Fabrik, Maschinen, etc.) aus der Rechnung und die Stückkosten nähern sich immer mehr an ihren Grenzkosten (die Kosten, das jedes zusätzlich produzierte Stück kostet) an.

Mit anderen Worten: in vielen Situationen eines entwickelten industrialisierten Kapitalismus verhält sich der angenommene Warenwert nach Marx analog (quasi proportional) zu den Grenzkosten – und damit zum Preis. Das gilt vor allem auch die Produktivkraft/Produktivität durch Rationalisierung/Automatisierung betreffend. Je höher der Automatisierungsgrad, desto geringer der Wert/die Grenzkosten. Es ist exakt diese Analogie, weshalb Paul Mason in seinem Postkapitalismus die Thesen von Jerimy Rifkins Zero Marginal Cost Society einfach marxistisch adaptieren konnte.

Fazit: Es ist bei der Analyse einiger wesentlicher Phänomene des Kapitalismus quasi egal, ob man sie marxistisch oder neoklassisch betrachtet. Das macht die Arbeitswerttheorie nicht richtiger. Aber wie sagt man so schön: alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich.

Grund 4: Ich lehne die Arbeitswerttheorie auch politisch ab. Ich glaube, dass sie eine politische Sackgasse aufgemacht hat, die bereits viel Schaden angerichtet hat.

Gut, die Arbeitswerttheorie ist vielleicht nicht ganz koscher, aber hey, sie ist doch nützlich. Warum also überhaupt gegen anstinken? Lass denen doch ihren Spaß.

Ich habe tatsächlich ein Problem mit der Theorie, das darüber hinaus geht, dass ich sie für falsch halte. Und dieses Problem ist die implizite Moral, die sie erfolgreich in den politischen Diskurs eingeschleust hat. Eine Moral, die einmal sehr hilfreich war, aber – so meine Auffassung – heute toxisch wirkt.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht eine weitere Inspiration für die Werttheorie von Marx anführen: die Eigentumstheorie von John Locke. John Locke hat zu seiner Zeit philosophisch zu begründen versucht, warum es Eigentum gibt/bzw. geben muss. Eine kurze Zusammenfassung: Zunächst definiert er die Freiheit des Menschen als naturrechtliches Eigentum an sich selbst. Daraus folgt er das naturrechtliche Eigentum des Individuums an seiner eigenen Arbeit. Mithilfe der Arbeit kann der Mensch sich die Natur also aneignen und die angeeignete Natur wiederum ist somit sein natürliches Eigentum.

Der Kontext ist hier wichtig. John Locke argumentiert hier natürlich moralisch (die klassisch-liberalen Denker waren alle große Moralisten, ja, auch Adam Smith). Es ging natürlich darum, diese Argumentation den Feudalherren als Begründung für Illegitimität ihrer absoluten Besitzansprüche entgegenzuschleudern. Und in genau diese Tradition – nur eben im nächsten gesellschaftlichen Transformationschritt – sah sich Marx. Und so ist, wenn man es genau besieht, auch seine Arbeitswerttheorie ein moralisches Naturrechtsargument. Wenn der Wert einer Ware durch die Arbeit bestimmt ist, die zu ihrer Herstellung geleistet wurde, dann gibt es quasi einen naturrechtlichen Anspruch des Arbeiters/der Arbeiterin auf diesen Wert. Er/Sie hat den Wert schließlich erzeugt. Marx hat lediglich John Lockes Argumente in den Kapitalismus verlängert.

Die frühen Aufklärer hatten die Arbeit als wesentliches – und vor allem moralisches – Distinktionsmerkmal im Kampf gegen den Adel in Stellung gebracht. Mit großem Erfolg. Never Change a winning Strategy, dachte sich Marx. Was gegen die Feudalherren half, wird auch gegen die Kapitalisten helfen.

Das mächtige am Marxismus ist, dass es in die Welt des Kapitalismus in einen moralische Äther taucht. Es geht mit Marx nicht darum, eine bestimmte Bezahlung aus Mitleid, Mitmenschlichkeit oder den Erfordernissen des menschlichen Bedürfnisses herzuleiten. Es geht auch nicht – wie später bei Keynes – darum, die volkswirtschaftlichen Vorteile einer hohen Binnenkaufkraft ins Feld zu führen. Streng genommen geht nicht mal darum, einen „gerechten“ Lohn „auszuhandeln“. Bei Marx hat der Arbeiter/die Arbeiterin die moralische Position um einzufordern, was ihm/ihr naturrechtlich zusteht. Der Mehrwert steht den Arbeitern zu, das ist logisch herleitbar! Nachzulesen im Kapital, ein Vertrag, geschrieben mit der Handschrift der Natur. Wer ist der Kapitalist, sich dieser Logik zu widersetzen?

Das Problem ist nur: ein Naturrecht gibt es nicht. Recht ist etwas menschliches. Es wird von Menschen gemacht, verhandelt und durchgesetzt. Bei all dem spielen Macht, Interessen und Gewalt eine Rolle und der Ausgang ist immer kontingent. Sorry, liebe Marxisten, die Natur hat kein Konzept von Gerechtigkeit, das müssen wir schon selbst aufstellen, nötigenfalls erkämpfen.

Der Marxismus hat ziemlich lange ziemlich gut funktioniert und wirkt in vielem bis heute nach. Damit meine ich nicht nur die realexistenten Sozialismusexperimente hinter dem eisernen Vorhang. Ein realweltliches Resultat des Marxismus ist unter anderem die Sozialdemokratie. Auch sie hat ihren Marx gelesen und ihre DNA ist noch voll mit der Werttheorie.

Jetzt werden einige Linke sicher schäumen. Die SPD habe den Marxismus doch verraten und repräsentiere mitnichten auch nur annähernd seine Lehren. Ich kann diesen Reflex verstehen, glaube aber, dass er etwas wesentliches übersieht. Aber es kommt noch schlimmer.

Ich behaupte, der Ausdruck der moralisch-naturrechtlichen Ideologie der Arbeitswerttheorie findet sich heute vor allem in dem Spruch: „Leistung muss sich wieder lohnen!“

Ja, richtig. Ich bin überzeugt: die moralische Kopplung von Wert an Arbeit ist Marx‘ Beitrag zum Neoliberalismus. Glaubt ihr wirklich, dass es ein Zufall ist, dass es New Labor geben konnte und dass die Agenda 2010 ausgerechnet von den Sozialdemokraten durchgesetzt wurde? Dieses Mindset war einerseits natürlich hilfreich, als man als organisierte Arbeiterschaft mit den Kapitalisten um höhere Löhne stritt. Sie ist aber wahnsinnig schädlich, wenn eine Gesellschaft ihr Selbstwertgefühl an Arbeit koppelt. Sie wird geradezu toxisch, wenn die Arbeit knapp wird aber der Wohlstand dennoch steigt, ganz ohne Arbeit.

Ja, ich glaube, dass das was wir heute als Neoliberalismus beschimpfen, von der marxistischen Arbeitswertideologie mit affiziert ist. Arbeit als Grundlage für Wert hat eine Gesellschaft geschaffen, in der nur derjenige was wert ist, der Arbeit hat. In der derjenige mehr wert ist, wenn er mehr Lohn bekommt. Eine Gesellschaft, die Wert ohne Arbeit nicht denken kann.

Hartz4 steckt bereits konzeptionell in der Arbeitswerttheorie drin. Nicht erst seit Gerhard Schröder, übrigens. Schon Stalin und vor ihm August Bebel riefen den Arbeitern zu: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Sie konnten sich damit prima bei Marx ideologisch rückversichern.

(Vorsicht bei den Beschimpfungen: ich sage nicht, dass der Marxismus der einzige Baustein der neoliberalen Ideologie ist, sondern nur einer unter vielen. Ich würde aber sagen, ein in seiner Wichtigkeit unterschätzter. Ohne eine Gesellschaft, die es als unanständig empfindet, wenn ihre Mitglieder nicht arbeiten, ließen sich Individuen nicht so unter Druck setzen, selbst für nur wenig mehr als Hartz4 jeden Scheißjobs anzunehmen. Der Homo Oeconomicus dagegen würde dem Kapitalisten was husten.)

Fazit

Die Arbeitswerttheorie ist eine Theorie, die eigentlich nur noch historisch interessant sein sollte. Ähnlich wie die Äthertheorie hat sie sich wissenschaftlich überlebt, einfach weil heute bessere Theorien zur Verfügung stehen, die vielleicht nicht völlig befriedigend sind, aber allemal bessere Vorhersagen machen, als die Werttheorie.

Wir können die Werttheorie nicht widerlegen, aber wir können zeigen, welche Faktoren ihre Entstehung plausibel gemacht haben und warum sie bis heute noch in gewissen Kreisen erfolgreich ist. Mehr kann man auch jeder Religion nicht entgegensetzen.

Ich bin überzeugt, dass einige der Schlüsse, die sich aus der Arbeitswerttheorie ziehen lassen, heute toxisch auf den gesellschaftlichen Diskurs wirken, weswegen ich dazu rate, in der Linken von diesem Denken Abstand zu nehmen. Der Marxismus ist an dieser Stelle nicht zukunftsfähig.

Für eine gerechtere Zukunft müssen wir Arbeit und Lohn trennen und das geht nur, wenn wir uns von der Idee des Wertes völlig verabschieden. Ich kenne einige Marxisten, die an das Grundeinkommen glauben, aber auch viele, die es aus eben jenen ideologischen Gründen ablehnen.

Mason versucht zwar einen Weg raus aus diesem Dilemma zu zeigen (die „Freie Maschine“ vernichtet auch den Wert, also brauchen wir uns also nicht mehr darum zu kümmern), aber ich bin nicht überzeugt und einige Marxisten, mit denen ich über Mason geredet habe, noch viel weniger. Aber das ist ja deren Sache.

Eine Sache noch: Ich lehne Marx nicht grundsätzlich ab. Mit der Arbeitswerttheorie aber doch einen großen Teil des Marxismus. Ich mag zum Beispiel alles, was er über den historischen Materialsismus schreibt. Auch die Idee der „Politischen Ökonomie“ halte ich für eine wichtige Betrachtungsweise, die vor allem die neoklassischen Ökonomen immer wieder aus dem Blick verlieren. Ich halte Marx für einen großen Denker. Aber auch große Denker irren sich und vor allem sind sie wie wir alle Kinder ihrer Zeit. Ich finde es wichtig, auch den größten Ikonen mit einer gewissen Skepsis gegenüberzutreten und sie aus ihrer Zeit heraus zu lesen.

Und ja, auch Mason kann ich sehr empfehlen. Liest sich trotz seines Marxismus ganz großartig. Und auch wenn seine Utopieversuche für Jeremy Rifkin-Kenner nicht ganz neu sind, ist zumal seine aktuelle Krisenanalyse spannend.

Ich weiß auch, dass ich meine marxistischen Freunde nicht überzeugt haben werde und das ist vollkommen ok. Ich habe auch christlich gläubige Freunde und auch das akzeptiere ich. Christen haben sich den toleranten Umgang mit den Ungläubigen auch erst mühsam über die Jahrtausende erarbeiten müssen. Die Marxist/innen werden das auch noch schaffen. 😉

Und jetzt könnt ihr mich steinigen und mir vorwerfen, dass ich Marx überhaupt nicht verstanden habe.

PS: In dem Text habe ich angedeutet, dass ich auch mit der Grenznutzentheorie der klassischen Ökonomie auch nicht zufrieden bin. Mason macht den Punkt, dass dieses Modell unter der nicht mehr vorhandenen Knappheit aufgehört hat zu funktionieren. Es würde derzeit ausgetauscht werden mit monopolartigen Strukturen, die relativ beliebige Preise festsetzen, siehe z.B. iTunes. Damit hat er zweifelsohne recht. Womit er aber meiner Meinung nach nicht recht hat, ist zu glauben, dass Plattformen nur eine temporäre Selbsterhaltungsstrategie des Kapitalismus sind. Womit er ebenfalls nicht recht hat, ist, dass die Arbeitswerttheorie das Dilemma lösen wird.

Stattdessen ist meine Vermutung, dass es eine neue, allgemeinere Theorie des Preises geben werden muss. Eine, die sowohl auf den Präkapitalismus, den Kapitalismus und den Postkapitalismus (wenn wir, wie Mason, die Aushebelung des Preismechanismus bereits als solchen bezeichnen wollen.) anwendbar ist. Wenn, wie ich glaube, Plattformen die strukturbildenden Vehikel in die Zukunft sind, dann werde ich diese Theorie liefern müssen. Stay tuned.