Ausblick 2020 – Michael Seemann – Otherwise Network

Beim Otherwise Network veröffentlichen wir gerade unsere Zukunfsprognosen für das kommende Jahrzehnt. Hintergrund ist, dass wir uns vor Weihnachten getroffen hatten und über genau diese Dinge debattiert haben, mit spannenden Interaktionen und Befruchtungen. Nun kommt seit vorletzter Woche jeden Tag ein Post eines unserer Mitglieder raus. Bisher sind sehr spannende Gedanken von Marcel Weiß, Kathrin Ganz, tante, Christoph Engemann, Nele Heise erschienen und nun auch von mir. Ich sehe die Politisierung unserer digitalen Infrastrukturen als ein entscheidendes Paradigma der nächsten Jahre:

Die Folge wird sein, dass es einen Split zwischen Unternehmen geben wird, die sich den Anforderungen Regierungen oder einiger ihre Vorhaben widersetzen und Unternehmen, die kooperieren. Viele werden sich zunächst versuchen irgendwo dazwischen durchzumogeln, ohne sich zu positionieren. Das Spiel ist allerdings nicht lange Durchhaltbar. Plattformen werden politisch.

Quelle: Ausblick 2020 – Michael Seemann – Otherwise Network


Die letzten 10 Jahre

Ein Jahrzehnt endet (jaja, es endet erst in einem Jahr ihr Klugscheißer, aber gefühlt ist das nun mal heute der Fall) und alle schreiben ihre Zusammenfassungen. Für mich bietet sich das ebenfalls an, denn ich bin nun fast genau 10 Jahre professionell damit beschäftigt, was ich halt so tue. Für mich ist der Blick auf die Dekade also ein Blick auf meine Karriere (oder wie man das so nennen will). Deswegen hier mein ganz persönlicher, professioneller Dekadenrückblick:

2010

Ich war zu diesem Zeitpunkt zwar schon seit ca. fünf Jahren Blogger, sogar WMR gab es schon, aber 2010 war es, als mich Frank Schirrmacher als Blogger zur FAZ holte und ich das erste Mal mit dem Bloggen Geld verdiente. Die Zusammenarbeit war von kurzer Dauer, aber das damals entwickelte Blog ctrl-verlust, machte ich andernorts weiter und es wurde zum Grundstein dessen, was ich heute noch tue.

Mein wichtigster Text aus der Zeit war sicher der Gründungstext des Blogs: Die Krankenakte des Tut Ench Amun.

2011

Das Thema meines Blogs – der Informationelle Kontrollverlust und seine Folgen – war sehr gut anschlussfähig zu den Thesen der Post-Privacy, die Christian Heller in einem Buch veröffentlichte. Das Thema Post-Privacy wurde groß und da ich mich auch positiv dazu äußerte, galt ich auf einmal als einer der öffentlich sichtbaren Vertreter. Es gründete sich außerdem die Datenschutzkritische Spackeria. Der Diskurs war laut und interessant, aber teils auch vehement und unversöhnlich. Es wurden damals einige Gräben aufgerissen, die bis heute nicht wirklich verheilt sind.

Mein wichtigster Text dazu war: Was ist Postprivacy (für mich)?.

2012

2012 war in erster Linie das Jahr der Piratenpartei. Sie war gerade in mehrere Landesparlamente eingezogen, auch in Berlin. Es war damals der Überraschungserfolg der Politik. Ich hatte bereits in den Jahren zuvor auf ctrl-verlust das Konzept der Plattformneutralität entwickelt, das innerhalb der Partei viel diskutiert wurde. Plattformneutralität war damals mein Versuch einen regulatorischen Rahmen zu stecken, mit man die Macht der Plattform aus dem politischen und gesellschaftlichen Geschehen raushalten könne. Aus heutiger Sicht ist das sicher naiv und ich habe mich an verschiedenen Stellen vom Konzept distanziert. Damals aber schien es mir und vielen aneren als eine gute Idee.

In einem Post habe ich sogar versucht das politische Denken der Piraten als Plattformneutral zu deklarieren. Es war sicher damals mein wichtigster Text: Das politische Denken der Piraten

2013

2013 war ein komisches Jahr für mich. Es war das Jahr der Snowden-Enthüllungen und offenbar schien das für viele Leute einiges in Frage stellen. Der Netzdiskurs war sehr verunsichert und irgendwas ist damals zerbrochen. Die Piratenpartei versank in Gezanke, die Netzgemeinde verabschiedete sich von lieb gewonnen technologischen Emanzipationsträumen, Schirrmacher veröffentlichte ein düsteres und wahnwitzig schlechtes Buch über die digitale Zukunft. Ich persönlich fand die Aufregung übertrieben, musste aber auf sie antworten.

In der Spex versuchte ich einerseits das Snowden-Thema an mein Kontrollverlust-Narrativ anschlussfähig zu machen und ihm dennoch eine zumindest im Ansatz hoffnungsfrohe Wendung zu geben. Herausgekommen ist die Blaupause meines Buches, für das ich noch in dem Jahr das Crowdfunding organisierte. Das neue Spiel: Prism vs. Kontrollverlust.

2014

2014 stand dementsprechend voll im Zeichen des Buches, das ich in den ersten sieben Monaten runterschrieb. Snowden ist dort allerdings nur der Anlass, um die gesamte Theorie-Arbeit, die ich in ctrl-Verlust versammelt hatte, einmal systematisch auszubreiten. Das Buch war kein Bestseller, aber durchaus ein Meilenstein in meiner Karriere. Ich bekomme immer noch Feedback von Leuten, denen es die Digitalisierung erklärt oder ihren Blick darauf schärft. Seitdem läuft auch die Auftragslage besser. Dem Buch habe ich viel zu verdanken. Das neue Spiel – Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust.

2015

Im Jahr 2015 habe ich mich wieder tiefer in meine Überlegungen zu Plattformen eingelassen. Bereits im Buch wird ihnen eine zentrale Stellung zugeschrieben, aber ich wollte diesmal tiefer gehen und nahm die Mechanismen in den Blick, mit denen Plattformen Politik machen. Dies führte zu der Feststellung einer Gegenerschaft von Staat und Plattform, zu einem Neuansatz der Plattformdefinition, der Forderung nach einer Netzinnenpolitik und einem ersten Umreißen dessen, was man wohl Netzaußenpolitik nennen könnte.

Mein wichtigster Text in dem Jahr war allerdings über Internet of Things-Plattformen und ihre Netzwerkeffekte: Game of Things.

2016

Auch 2016 setze ich zunächst meine Überlegungen zu Plattformen fort. Langfristig gesehen, sind hier wichtige Texte entstanden, die nun für mein Plattform-Buch (an dem ich gerade sitze), wesentlich werden sollen. Unter anderem veröffentlichte ich eine erste Skizze einer politischen Ökonomie der Plattform und eine persönliche Anamnese meiner Sicht auf das Web.

Aber der wichtigste Text, den ich damals schrieb, war nicht Teil meines eigentlichen Themen-Schwerpunkts, sondern hatte natürlich mit der rechtspopulistischen Erschütterung in dem Jahr zu tun: Trump und Brexit. Die Globale Klasse – eine andere Welt ist möglich, aber als Drohung.

2017

Die rechtspopulistische Wendung von 2016 hatte mich auch 2017 noch voll im Griff. Wie so viele suchte ich nach Erklärungen, auch deswegen, weil einige der Faktoren für den Erfolg von Brexit und Trump durchaus in meinen Erklärbereich fallen. Die Rolle des Internets und der Plattformen wurde heiß diskutiert. Ich schrieb einen Mehrteiler, in dem ich versuchte, die meiner Ansicht nach besten Erklärungen in ein Narrativ zusammen zu stricken.

Im selben Zeitraum fragte mich Michael Kreil dann, ob ich bei der Auswertung und Erklärung eines seiner Twitter-Datenprojekte mitmachen wolle, das sich genau um dieses Thema drehte. Natürlich wollte ich. Zusammen entwickelten wir Fragestellungen und probierten Dinge aus. Nach einigen unnötigen Querelen kam mein die Analyse als wichtigster Text in dem Jahr raus: Digitaler Tribalismus und Fake News.

2018

Im darauffolgenden Jahr konnte ich mich dann endlich wieder voll meinen Plattform-Studien widmen. Ich entwickelte ein Konzept für meine Beobachtungen zur Plattform-Politik, schrieb einen Text über einen möglichen Plattform-Regulierungs-Ansatz und vor allem hielt ich einen wichtigen Vortrag: 5 beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus, in dem ich die Frage nach der politischen Ökonomie der Plattformen noch mal aufgreife und anhand des Kapitalismus durchdekliniere.

Ein anderes Thema, das mich in dem Jahr sehr beschäftigte, war Blockchain. Aber nicht, weil ich das Thema so spannend fand, sondern weil mir der Hype darum so dämlich vorkam. Ich weiß gar nicht, ob es mein wichtigster Text des Jahres war, aber definitiv war er mein erfolgreichster: Blockchain for Dummies

2019

In diesem Jahr habe ich wieder angefangen, ein Buch zu schreiben: Die Macht der Plattformen – Politik in Zeiten der Internetgiganten. Es wird im Frühjahr bei Ch. Links erscheinen, wenn alles gut geht. Im Grunde versammelt es so vieles, was ich in und seit dem Neuen Spiel alles zu Plattformen geschrieben habe, aber auch noch so viel mehr. Es ist der Versuch einer umfassenden Theorie der Plattform und einer Analyse ihrer Macht. Es läuft gut, auch wenn ich etwa zeitlich einen Monat hinten dran bin, aber so ist das ja immer. Eigentlich hatte das Jahr aber damit angefangen, dass ich eine Geschichte der Digitalisierung aufschrieb und schließlich den Text zu meinem Vortrag vom letzten Jahr aufschrieb. Das war dann auch mein wichtigster Text des Jahres: Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus.

Fazit

Die letzten 10 Jahre beinhalten den Beginn und die Stabilisierung meiner Karriere als Digitalisierungs-Theoretiker. Es war zwar nicht immer leicht, aber ich musste nur wenige Kompromisse eingehen. Mittlerweile läuft es richtig gut. Ich habe seit etwa 2014 eigentlich keine Existenzangst mehr, muss nicht immer nur Nudeln essen und jedes Jahr geht es mir ein bisschen besser. Ich hab seit diesem Jahr einen neuen Podcast, bin Mitglied des besten Vereins der Welt und pünktlich zum 10 jährigen Bestehen meiner Karriere, kommt dann mein zweites Buch raus. Ich kann mich nicht beklagen, das Jahrzehnt war gut zu mir. Ich bin sehr dankbar.


Plattformen als politische Ökonomien | Netzwerktreffen bewegtbildung.net 2019 – YouTube

Ich war beim Netzwerk Bewegtbildung eingeladen, über Plattformen zu erzählen. Ich habe die Chance genutzt, meine These zu präsentieren, dass Plattformen mehr sind, als technische Infrastrukturen und Unternehmen mit speziellen Geschäftsmodellen. Ich versuche zu zeigen, dass Plattformen eigene politische Ökonomien sind.

Das Netzwerk bewegtbildung.net trifft sich heute bei uns, um über Plattformbestimmungen und Möglichkeiten für politische Bildung mit Webvideo zu diskutiere, die inhaltlichen Inputs liefern von Michael Seemann und Theresa Hein.


(2) 18. Wikipedianischer Salon – YouTube

Ich war beim Wikipedia-Salon eingeladen um zu der Frage „Ist Wikipedia gerecht?“ zu diskutieren. War nett, danke!


Planet B | Ideen für den Neuanfang | Viertausendhertz | Das Podcastlabel

Ich habe ein neues Projekt, auf das ich sehr stolz bin und an dem ich bereits seit einigen Monaten arbeite. Es ist ein neuer Podcast, in dem ich mit Menschen über die Zukunft spreche. Aber nicht mit irgendwelchen Menschen, sondern solchen, die eine bestimmte Vision für die Zukunft haben. Hört bitte rein!

Es ist leider wahnsinnig anstrengend die Welt zu verändern. Warum also nicht lieber ganz neu anfangen? Planet B ist ein Gedankenexperiment und ein Utopie-Testgelände. In diesem Podcast wollen wir neue, gerne radikale Gesellschaftsvisionen ausloten. Eine Gesellschaft ohne Geld, oder gar ohne Eigentum? Was wäre, wenn sich Städte gegen ihre Nationalstaaten durchsetzten? Was ist Identität im digitalen Zeitalter? Und wie sähe eine gerechte Gesellschaft überhaupt aus?

Quelle: Planet B | Ideen für den Neuanfang | Viertausendhertz | Das Podcastlabel


An Unsettling Question for Digital Capitalism | ctrl+verlust

Finally, for non German speaking readers I’m able to provide an english language translation of my text about digital capitalism, or better: my account about why the digital economy doesn’t quite work as capitalism is defined.

A spectre is haunting (not only) Europe — the spectre of digital capitalism. And as is fitting for the times we live in, it comes in many shapes and colours: as information capitalism, data capitalism, platform capitalism, surveillance capitalism and cognitive capitalism. A multitude of digital capitalisms have come into existence, however, they essentially indicate the same thing: that we are witnessing fundamental changes. And this exact point leads me to the unsettling question: is this still capitalism?

Quelle: An Unsettling Question for Digital Capitalism | ctrl+verlust


Gestapelte Demokratie | was wäre wenn

Für das WasWäreWenn-Magazin habe ich mich mal wieder in konstruktiven Vorschlägen geübt und eine Idee unterbreitet, wie man Plattformen sinnvoll demokratisieren kann. Das ist schwerer als zu kritisieren und auch undankbarer, denn man macht sich angreifbar. Aber nach so vielen Jahren, in denen ich Demokratsierungsversuche von Plattformen kommen und gehen habe sehen, weiß ich zumindest, wo einige der Fallstricke liegen. Das Thema ist kompliziert und verlangt nach einer komplexen Lösung und ich habe zumindest eine Möglichkeit gefunden, bei der ich gerade keinen Grund finde, warum sie scheitern sollte. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie nicht scheitern würde, denn noch hat sie niemand ausprobiert. Kritik ist sehr willkommen.

Es ist eine Hass­lie­be, die die Gesell­schaft mit den Platt­for­men wie Face­book und You­tube pflegt. Auf der einen Sei­te geben sie vie­len Men­schen das ers­te Mal eine Stim­me, mit der sie sich in der Öffent­lich­keit arti­ku­lie­ren kön­nen, oft sogar poli­tisch (es gab zumin­dest mal eine Zeit, als das als etwas Gutes galt). Auf der ande­ren Sei­te han­delt es sich um Wirt­schafts­un­ter­neh­men, die jeden Cent aus unse­rer Auf­merk­sam­keit und unse­ren per­sön­li­chen Daten pres­sen wol­len. Zudem

Quelle: Gestapelte Demokratie | was wäre wenn

PS: zu der wichtigen Frage der Finanzen gibt es noch einige Anmerkungen auf ctrl-verlust.net.


Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus (Directors Cut) | ctrl+verlust

Für die Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung „Zu Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ) habe ich meinen Vortrag über den digitalen Kapitalismus vom vom letzten Herbst verschriftlicht. Aus Platzmangel wurde er rund um die Hälfte zusammengekürzt, auch wenn die Grundaussage gut erhalten blieb. Dennoch erlaube ich mir hier nun die Directors Cut Version zu posten, für alle, die gerne noch ein paar mehr Argumente hören möchten, warum der digitale Kapitalismus vielleicht not so much ein Kapitalismus ist. Die APuZ kann man hier runterladen oder bestellen.

Kurz: Wachstum bedeutet nichts gutes in der digitalen Ökonomie. Der Nutzen von Wachstum ist negativ und mindert die Wohlfahrt der Gesellschaft. Diese Erkenntnis sollte unser ganzes politisch-ökonomisches Denken umstellen. Wir sollten also aufhören, Wachstum als Ziel zu setzen und wir sollten Politiker/innen ausbuhen, die uns Wachstum versprechen.“Digital Degrowth” wäre nicht wie die ökologische Degrowth-Bewegung eine Verzichts- und Selbstgeißelungs-Religion oder eine aus der Not heraus geforderte Zurückhaltung, sondern ein Programm von dem alle profitieren. „Lasst uns das Bruttoinlandsprodukt senken und so die Konsumentenrente hochdrehen, damit alle was davon haben!“

Quelle: Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus (Directors Cut) | ctrl+verlust


Rezo: Warum CDU?

Weil ich gerade über dieses schöne Projekt des Merkur gestolpert bin und dabei feststellte, dass auch mich das Rezo-Video immer noch nicht loslässt, wollte ich hier nur ein paar Gedanken dazu niederschreiben, die etwas zu lang für Twitter wären.

Erster Gedanke

Ich habe mich bei dem Video tatsächlich ertappt gefühlt. Nicht, dass ich in der CDU wäre oder gar nur je erwägt hätte, sie zu wählen. Aber der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoß war; „Hä? Wieso die CDU??

Hintergrund: Mein Twitterstream besteht zu ca. ein Drittel aus SPD-hate. Natürlich kritisere ich auch die CDU, aber die muss sich da schon ungefähr 10 mal so sehr ins Zeug legen, damit ich gegen sie was sage. Warum? Weil ich die CDU heimlich viel toller finde, als die SPD?

Eben nicht. Ich halte von der CDU rein gar nichts. Ich halte von ihr so wenig, dass ich noch nicht mal irgendwas von ihr erwarte. Klar, wenn sie rassitische Ausfälle hinlegt, oder wieder mal in irgendeinen Spendenskandal verwickelt ist, dann hau ich da auch drauf. Legalität und einen gewissen Grundkonsens menschlichen Anstands erwarte ich auch von der CDU – aber darüber hinaus? Kompetenz? Ehrlichkeit? Integrität? Gar eine gute Politik? No way!

Mit anderen Worten: Von Rezo fühlte ich mich in meinem Zynismus ertappt. Über die Dinge, über die er sich (zu recht) aufregt, habe ich mich schon lange aufgehört aufzuregen. Und ganz vor allem habe ich schon lange aufgehört, von der CDU ein Mindestmaß an politischer Kompetenz oder gar Integrität zu erwarten. Ich habe die CDU aufgegeben.

Zweiter Gedanke

Umso mehr muss einen die Reaktion der CDU auf das Video erschüttern. Rezos Video war – viel mehr als mein Genöle oder der Großteil der normalen Berichterstattung – ein echtes, ein ehrliches Gesprächsangebot. Rezo hat in seinem Video – auch das wäre zu thematisieren – die CDU tatsächlich ernst genommen. Er hat sie beim Wort genommen und gezeigt, wie sie an ihren eigenen Ansprüchen scheitert. Rezo war zu dieser Zeit nicht verloren für die CDU – das zeigt sein Video sehr klar. Und Anngret Kramp-Karrenbauer hat – wie man aus ihrer katasprophalen Pressekonferenz entnehmen kann – sich nicht mal die Mühe gemacht, das Video überhaupt anzusehen. Was für eine verrottete Arroganz; was für eine Bankrotterklärung!

Dritter Gedanke

Es war genau dieser entwaffenende Nicht-Zynismus Rezos, der das Video (und zwar völlig egal, welche medientheoretische Einordnung man hier treffen will) so erfolgreich gemacht hat. Seine Haltung war mit Sicherheit repräsentativ für einen Großteil der #FridaysForFuture- und Artikel13-Generation und war deswegen dort wahnsinnig erfolgreich, ABER: darüber hinaus hat es auch bei Leuten jenseits dieser Kohorten etwas aufgebrochen – so wie es bei mir etwas aufgebrochen hat. Es hat die Möglichkeit wieder ins Bewusstsein gerufen, dass man noch etwas erwarten kann – und sollte – von der Politik – und ja, sogar von der CDU. Es hat klar gemacht, dass der Zustand, in dem die Republik seit mindestens 10 Jahren vor sich her döst nicht normal ist und wir ihn nicht akzeptieren sollten.

Vierter Gedanke

Ich habe mir immer zum Ziel gesetzt, möglichst offen zu bleiben, zu lernen, mir intellektuelle Möglichkeiten nicht durch zunehmende Borniertheit im Alter zu verbauen. Ich musste an Rezo feststellen, dass mir das nicht gelungen ist. Egal, wie man sich anstrengt, man passt sich Erwartungen an, man hört auf zu träumen und zu fordern – mir ist das jedenfalls passiert. Ich bin zynisch und vielleicht sogar ein bisschen verbittert geworden. Aber ich arbeite wieder dran.

Und gottseidank kommt da ja eine Generation nach mir.


Politik und Open Source

Die Rolle von Open Source ist eine nicht ganz neue Arena in der politischen Diskussion um Digitalisierung, aber meines Erachtens eine entscheidende. Deswegen hatte ich vor einiger Zeit versucht, da neue Impulse zu setzen, die zumindest von manchen dankbar angenommen wurden. Unter anderem auch deswegen war ich zu einem spannenden Streitgespräch von T3N und irgendwie auch IBM eingeladen. Ich habe mein bestes gegeben, meinen Punkt verständlich zu machen und ein bisschen gegen Politik und Unternehmen zu pöbeln. Mit mir diskutieren Stephan Dörner, Saskia Esken, Peter Ganten und Stefan Pfeifer. Viel Spaß!