EU-Urheberrechtsreform: Was steckt dahinter? | Digitales Leben | DW | 05.07.2018

Interview mit der Deutschen Welle zu Uploadfiltern und Leistungsschutzrecht.

 „Twitter, Facebook und Co. werden den Newsseiten-Betreibern sagen: ‚Klar könnt ihr Geld von uns verlangen dafür, dass ihr bei uns stattfindet, aber dann schmeißen wir euch halt raus.‘ Und dann werden die Newsseiten ihre Inhalte wieder für null Euro an die großen Plattformen lizenzieren, weil sie auf den Traffic angewiesen sind.“

Quelle: EU-Urheberrechtsreform: Was steckt dahinter? | Digitales Leben | DW | 05.07.2018


Ist die Blockchain eine Lösung für ein Problem, das es nicht gibt? | WIRED Germany

Mein Artikel zum Blockchain-Hype bei Wired.de

All das bedeutet übrigens nicht, dass es nicht irgendwann einen sinnvollen Einsatzzweck von Blockchains geben kann – vielleicht auch von Tezos. Doch so lange der Kryptoanarchismus den Menschen und die Gesellschaft derart missversteht, wird auch in Zukunft jedes Blockchain-Startup gegen jede halbwegs vertrauensvolle Institution mit einfacher Datenbank verlieren. Und gegen Menschen, die sich wenigstens ein bisschen vertrauen.

Quelle: Ist die Blockchain eine Lösung für ein Problem, das es nicht gibt? | WIRED Germany


Datenschutz – Die informationelle Selbstbestimmung ist ein Mythos

Über die DSGVO bei Deutschlandradio Kultur.

Weil diese Wahrheit aber so ungeheuerlich ist, helfen wir lieber bei der Entstehung der Illusion und versichern uns gegenseitig in rituellen Akten kollektiver Unaufrichtigkeit, dass wir total verstehen, was da mit unseren Daten passiert. Je mehr wir „OK“ klicken, desto informationell Selbstbestimmter sind wir. 

Quelle: Datenschutz – Die informationelle Selbstbestimmung ist ein Mythos


Lösch Dich! Deutsche Trolle, die Alt-Right und die Piratenpartei

Eine schöne Doku über rechte Trolle im Netz, inklusive der Infiltration von Reconquista Germanica, dem rechten Kommandoserver der deutschnationalen Rechtstrolle.

Ich wurde ebenfalls interviewt und zwar zur Rolle der Trolle im US-Wahlkampf (der sogenannten Alt-Right) und zur Trolling Culture im Allgemeinen. Hier das Interview in voller Länge:

Man kann dem Film den Vorwurf machen, die Rolle der deutschen Rechtstrolle zu übertreiben, zumindest im Bundetagswahlkampf – was eben ganz im Sinne dieser Trolle ist (siehe dazu diesen Twitterthread von Max Hoppenstedt). In der Tat ist der Vergleich zur Alt-Right ziemlich verwegen. Die deutsche Trollkultur ist entweder nicht ganz so nazifiziert oder eben nicht so stark wie in den USA. Wahrscheinlich ist beides der Fall. Unter ihnen leiden müssen allerdings trotzdem viele.

Es gibt auch Kritik aus der deutschen Youtube-Trollszene, die sich zu unrecht in das rechte Licht gerückt sieht (siehe zum Beispiel). Ich kann einerseits nachvollziehen, dass sie sich dort falsch verortet fühlen und nehme ihnen ab, dass Rassismus und Misogynie nicht ihre Antriebsfeder ist. Ich finde aber trotzdem den Punkt, den der Film hier macht, gültig.

Bei meiner Beschäftigung mit der Alt-Right ist mir dieser schmale Grat immer wieder begegnet. 4chan war auch nicht von Anfang an rechts – als ich das erste mal damit in Berührung kam (so 2009) hatte ich ebenfalls nicht den Eindruck, obwohl sie schon damals mit Hakenkreuzen und KZ-Humor herumprovozierten. Ich verstand die Geste, wie sie wohl gemeint war, als anarchistische „Fuck You“ Botschaft an die Mainstream-Gesellschaft. Und doch ist es ja passiert, und doch kam der Schulterschluss mit den Nazis und doch haben sie politisch etwas bewegt und zwar nach rechts. Das ist vielleicht das Problem mit der Dauerironie: Aus Spaß wird Ernst und hinterher ist niemandem mehr klar, wo diese Grenze überschritten wurde.

Im Film wird das im Interview mit den Youtube-Trollen Imp und Dorian klar. Sie rechtfertigen ihre Nazisymbolik (HKNKRZ-TShirt und Holocaustwitze) als derben Nischenhumor, aber müssen doch zugeben, dass sie sich damit den Beifall der rechten Szene einfangen. Ich kenne den Menschentyp, der dort sitzt. Ich kenne ihn von den vielen Hackerkonferenzen genau so, wie aus der Piratenpartei. Junge, männliche Nerds, die sich in ihrem Intellekt dem Mainstreamdiskurs so weit überlegen fühlen, dass sie meinen, dessen diskursive Regeln würden für sie nicht gelten und sie könnten deswegen jedes Zeichen spielerisch für sich umdeuten. Das ist genau die Attitüde der 4Chan-Nerds gewesen – kurz vor ihrer Eingliederung in die Trump-Campaign.

Hier das ganze Interview mit den beiden.

Meine Pet-These ist ja, dass das frühe und brutale und Scheitern der Piratenpartei eine deutsche Alt-Right verhindert hat. Sie wäre der Missing-Link gewesen, der zwischen den Jungfunktionären der AfD, den Identitären und der Nerdkultur vermittelt hätte. Auch in den USA war es ja erst diese Allianz aus Neuer Rechter und Nerdszene, dieses explosive Gemisch aus rechter Ideologie und Trolling, dass diesen effektiven Meme-War zustande gebracht hat. Diese Verbindung war in der Piratenpartei immer schon angelegt und die Kämpfe, die vor allem 2012 und 13 ausgefochten wurden, fanden statt, weil der linke Flügel diese Affinität spürte, thematisierte und dagegen anging – bis er selbst rausgeekelt wurde.

Zu einer genaueren Beschäftigung mit der amerikanischen Alt-Right siehe auch meinen Vortrag an der Uni-Köln.

Die Altright – Von Hackern, Gamern, Trollen und Nazis from Kunst & Kunsttheorie Uni Köln.


Blockchain für Dummies

(Diesen Text hatte ich eigentlich für ein Onlineportal geschrieben. Die Redaktion war aber nicht glücklich darüber, dass ich auch die ideologische Seite von Blockchain beleuchten wollte. Sie wollten einen rein technischen Erklärtext. Meines Erachtens ist die Blockchaintechnologie aber rein technisch nicht erklärbar. Sie ohne die dazugehörende Ideologie zu thematisieren, ist schlicht falsche Berichterstattung. Deswegen erscheint der Text eben hier.)

Die ‚Blockchain‘ wird derzeit überall als neue Wundertechnologie gepriesen. Sechs mal kommt das Wort im Koalitionsvertrag vor, immer im Kontext neuer, vielversprechender Digitaltechnologien.

Doch was steckt dahinter?

Die Blockchaintechnologie hat das Licht der Welt gleich in seiner ersten populären Anwendung erblickt: Bitcoin. Bitcoin basiert darauf, dass alle Transaktionen, die mit der digitalen Währung gemacht werden, in einer Art Grundbuch vermerkt werden. Nur liegt dieses Grundbuch nicht in einem zentralen Grundbuchamt, sondern auf den Computern aller Bitcoinnnutzer. Jeder hat eine identische Kopie aller Transaktionen. Und immer wenn eine Transaktion passiert, wird sie mehr oder weniger gleichzeitig in allen diesen Büchern vermerkt. Erst wenn der Großteil aller Bücher die Transaktion aufgeschrieben hat, gilt sie als vollzogen. Dabei wird jede Transaktion mit den Vorhergehenden kryptografisch verkoppelt, so dass ihre Gültigkeit für alle nachprüfbar ist. Schiebt nun zum Beispiel jemand eine gefälschte Transaktion dazwischen, dann stimmen die Berechnungen nicht mehr und das System schlägt Alarm. Am Ende hat man eine Speichertechnologie, die kein Einzelner kontrollieren oder manipulieren kann.

Schon früh räumten selbst Bitcoin-Skeptiker ein, dass unabhängig von der digitalen Währung die dahinterliegende Blockchaintechnologie das eigentliche Zukunftspotential berge. Seitdem zerbrechen sich viele Menschen den Kopf, wo man sie noch anwenden könnte.

Das Internet galt immer als eine besonders dezentrale Technologie, doch das stimmt für die meisten Services schon lange nicht mehr. Alle nutzen eine Suchmaschine (Google), ein Social Network (Facebook) und einen Messanger (WhatsApp). Und alle diese Dienste basieren darauf, dass sie zentral unsere Daten halten und organisieren. Die Blockchaintechnologie scheint einen Ausweg zu weisen: alle Dienste, die bislang über zentrale Datenbanken funktionierten, könnten nun auch mit einer solchen verteilten Blockchain organisiert werden. Ein Zentrum braucht es nicht mehr.

Die Ideen gehen soweit, komplexe Geschäftsprozesse in Blockchains abzubilden. Beispielsweise automatisierte Auszahlungen an ein Konto, wenn eine Aktie einen bestimmten Wert erreicht. Das nennt sich dann „Smart Contracts“.

Der Hype um Blockchain ist beinahe so alt wie der um Bitcoin, wir reden also bereits seit sechs bis sieben Jahren über die Unabwendbarkeit dieser Technologie. Hunderte, ja tausende Startups haben sich seitdem gegründet. Ebensoviele Anwendungszwecke der Blockchain wurden seither behauptet.

Warum – so fragt sich der interessierte Beobachter – gibt es neben den Cryptowährungen (die selbst hauptsächlich Spekulationsblasen ohne wirkliche Anwendung sind) dann noch keine einzige populäre Anwendung? Warum hat noch keine auf Blockchain basierende Suchmaschine Google bedroht, oder ein auf Blockchain basierendes Social Network Facebook? Warum sehen wir keine Fahrtenvermittlung auf Blockchainbasis und keine Wohnungsvermittlung, obwohl genau diese Zwecke so oft angepriesen wurden? Warum verbleiben alle Blockchaintechnologien in der Projektphase und keines findet einen Markt?

Die Antwort ist, dass Blockchain mehr eine Ideologie ist, als eine Technologie. Ideologie meint hier, dass hinter ihr eine Vorstellung steht, wie Gesellschaft funktioniert und wie sie funktionieren sollte.

Eines der ältesten Probleme der Sozialwissenschaft ist die Frage, wie Vertrauen zwischen Unbekannten hergestellt werden kann. Gesellschaft funktioniert erst, wenn dieses Problem hinreichend gelöst ist. Der Ansatz unserer modernen Gesellschaft ist, Institutionen zu etablieren, die als vertrauensvoller Dritter Interaktionen absichern. Denken wir an Banken, das Rechtssystem, Parteien, Medien, etc. All diese Institutionen bündeln Vertrauen und sichern so soziale Handlungen zwischen Unbekannten ab.

Diese Institutionen allerdings erlangen durch ihre zentrale Rolle eine gewisse gesellschaftliche Macht. Diese Macht war schon immer der Dorn im Auge einer bestimmten Denkrichtung: der Libertären, oder auch Anarchokapitalisten. Sie glauben zum Beispiel, dass es keinen Staat geben solle, der sich in die Angelegenheiten der Menschen einmischt. Der Markt – als Summe aller Individuen, die miteinander handeln – solle das von sich aus regeln. Libertäre sind dementsprechend sehr kritisch gegenüber Institutionen wie Zentralbanken, die Währungen ausgeben. Die Zentralbanken – und überhaupt Banken aus der Gleichung zu streichen – ist schon der Grundgedanke hinter Bitcoin.

Hinter Blockchain verbirgt sich der libertäre Wunsch einer Gesellschaft ohne Institutionen. Statt Vertrauen in Institutionen sollen wir Vertrauen in die Kryptographie haben. Statt unserer Bank sollen wir auf die Unknackbarkeit von Verschlüsselung vertrauen, statt auf Uber oder einer Taxi-App sollen wir einem Protokoll vertrauen, das uns einen Fahrer zu vermittelt.

Deswegen ist Bitcoin und die Blockchaintechnologie so beliebt in der amerikanischen Rechten, die eine lange libertäre Tradition hat und den Staat ablehnt. Deswegen kommt sie auch bei Deutschen Rechten sehr gut an, zum Beispiel bei Alice Weidel von der AfD die nun die Keynote auf einer großen deutschen Bitcoin-Konferenz halten wird und ein eigenes Blockchainstartup gründet. Wer gegen „Lügenpresse“ und „Altparteien“ wettert, steht im Zweifel auch allen anderen Institutionen kritisch gegenüber.

Wenn man also in Blockchain investiert, macht man eine Wette gegen das Vertrauen in die Institutionen. Und das ist auch der Grund, warum diese Wette noch nicht ein einziges Mal gewonnen wurde. Denn die Ideologie des Anarchokapitalismus ist naiv.

Rein technisch kann eine Blockchain dasselbe, was jede Nullachtfuffzehn-Datenbank schon lange kann – tendenziell eher weniger. Das einzige Feature, das Blockchain auszeichnet, ist, dass niemand einer zentralen Instanz vertrauen muss. Statt einer Datenbank braucht es Millionen Datenbanken. Statt eine Transaktion einmal aufzuschreiben muss sie Millionen mal aufgeschrieben werden. All das kostet Zeit, Rechenkraft und Ressourcen.

Wenn man also die libertäre Grundannahme, dass die Menschen den Institutionen mißtrauen sollen, nicht teilt, dann ist die Blockchain nur die ineffzienteste Datenbank der Welt.


Digitaler Tribalismus – Das hässliche Making Of

Ich habe wirklich sehr gehofft, diesen Text niemals veröffentlichen zu müssen und lange sah es so aus, als ob das auch nicht nötig ist. Doch nun beschuldigt mich Michael Kreil öffentlich, seine Ergebnisse, Daten und Grafiken „geklaut“ zu haben.

Um es vorweg zu sagen: Die Anschuldigungen sind symptomatisch für seine Haltung gegenüber den Wert meiner Arbeit.

Konkret geht es um den Text „Digitaler Tribalismus und Fake News“ bzw. die erst kürzlich herausgekommene englische Übersetzung „Digital Tribalism – The Real Story about Fake News“.

Die Wahrheit ist, dass das unser gemeinsames Projekt war. Und zwar so ziemlich von Anfang an. Nur die allererste Grafik ist komplett ohne meinen Einfluss zustande gekommen (die Geschichte dazu erzähle ich auch im Text). Ansonsten haben wir alles andere gemeinsam erarbeitet. Die Fragestellungen, die wir entwickelt haben, die Auswahl der Beispiele, die wir untersucht haben. All das war unsere gemeinsame Arbeit, nichts davon kann Michael für sich alleine verbuchen.

Richtig ist jedoch: ich habe unsere gemeinsame Arbeit zunächst ohne und später gegen seinen ausdrücklichen Willen veröffentlicht. Das ist nicht nett, aber ich hatte keine andere Wahl.

Um das zu erklären, muss ich die ganze Geschichte erzählen.

Anfang April kam Michael mit der Grafik zur Schweden-Fake-News zu mir und fragte, ob ich nicht Lust hätte was dazu zu schreiben. Es handele sich hier eine Filterblase und ich sollte quasi nur ein Erklärstück darüber schreiben, was die Filterblase ist. Ein kurzer Text sollte es werden und es musste schnell gehen, bis nächste nächste Woche muss das fertig sein. Honorar gebe es leider nicht, denn Budget habe er keines dafür. (Zur Erklärung: damals arbeitete Michael beim Tagesspiegel im Data, Science & Stories-Team).

Ich sagte dennoch zu, denn die Grafik faszinierte mich tatsächlich. Aber von Anfang an hatte ich Zweifel an der Filterblasenthese. Ich war zu dieser Zeit mitten drin in der Recherche und Aufarbeitung der Trumpwahl die ich in der Reihe „Das Regime der Demokratischen Wahrheit“ verarbeitete. Aus der Beschäftigung mit dem Support von Trump und mit der Alt-Right-Bewegung hatte ich bereits eine ganze Reihe Ansatzpunkten für eine genauere Untersuchung des Phänomens an der Hand.

Gemeinsam machten wir uns ans Werk und untersuchten die unterschiedlichen Fälle, testeten die ungeklärten Fragen, während ich mich in meterweise Literatur eingrub. Die Zusammenarbeit war nicht immer einfach, aber auf jedenfall fruchtbar und inspirierend. Und an dieser Stelle sei angemerkt, dass wir kaum inhaltliche Auseinandersetzungen führten. Wir hatten – wie ich damals fand – eine außerordentlich produktiven intellektuellen Austausch auf sehr hohem Niveau und wenn es denn gerade zeitlich und organisatorisch lief, war es eine Freude mit Michael zusammenzuarbeiten.

Irgendwann – wir waren bestimmt schon seit einem Monat dabei – fiel mir auf, dass ich unter der anfänglichen Bedingung, dass es kein Geld gibt, nicht monatelang weiterarbeiten kann. Surprise! Auch Michael sah das ein und so verabredeten wir, dass er das Thema beim Tagesspiegel ansprechen solle. Das war allerdings nicht ganz einfach, denn zu diesem Zeitpunkt war all unsere Arbeit eher ein Pet-Projekt von Michael, denn ein Tagesspiegelprojekt, der von seinem Glück noch gar nichts wusste. Ich nehme an, dass auch das der Grund war, warum Michael das dann sehr, sehr lange nicht hinbekommen hat und ich ihn monatelang in Ohren liegen musste. (Mich hat das damals schon geärgert. Er bekam die ganze Zeit über Gehalt und ich musste ihn ständig anbetteln, damit ich überhaupt Aussicht auf Kompensation bekomme …)

Erst Mitte Juli, direkt an meinem Geburtstag, sollte es ein Treffen mit einer Redaktionsvertreterin geben und ich hatte im vorhinein die Aufgabe, zu schätzen, wie viel ich denn nun für meine Arbeit haben wolle.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon monatelang unentgeldlich Arbeit in das Projekt gesteckt. Meinen üblichen Tagessatz abzurechnen hätte mich locker in den fünfstelligen Bereich katapultiert und natürlich war mir klar, dass das keine Option ist. Ich wusste: hier kann es nur um eine Aufwandsentschädigung gehen. Meine erste Annäherung waren also 1000 pro Monat, bei denen ich dann also bei etwa 3000 Euro rausgekommen wäre. Eine bescheidene Summe für viele die Arbeit, wie ich fand und nach wie vor finde.

Michael Kreil jedoch warnte mich im vorhinein, dass das viel zu hoch sei. Ok, 2000 Euro, sagte ich. Das sei immer noch zu viel, meinte er. An solchen Budget-Fragen scheiterten ständig Projekte und so. Ok, 1000 Euro. Mir war das Projekt wichtig, nicht die Bezahlung. 1000 Euro sind nicht mal eine Aufwandsentschädigung. Es ist ein rein symbolischer Betrag unter den ich – das sagte ich Michael mehrmals – niemals gehen würde. Es ist die absolute Untergrenze der Zusammenarbeit.

Das Gespräch mit der Redakteurin lief gut und die 1000 Euro-Forderung wurde ohne Murren zur Kenntnis genommen. Wir planten die Veröffentlichung im August.

Doch daraus wurde nichts. Die Zeit zog und zog sich und ich bekam keine Nachricht. Ich hatte keinen Einblick, was da los war, woran es hängt, und wer da was mit wem beredet. Michael war meine einzige Schnittstelle nach innen und so nervte ich ihn mit Fragen nach dem Fortschritt des Projektes. Und Michael wies mich wieder und wieder darauf hin, dass es vor allem an meiner 1000 Euro-Forderung hänge. Das würde alles verkomplizieren, sagte er. Ich machte ihm daraufhin immer wieder klar, dass das nun mal die absolute Untergrenze ist und ich es darunter nicht machen würde. Ich blieb hart und konnte ehrlich gesagt auch nicht fassen, dass es nun an 1000 Euro scheitern soll.

Schließlich kam Michael mit einem Vorschlag: Der Tagesspiegel wolle 250 Euro zahlen, aber er und sein Data-Team würden aus ihren privaten Taschen auf die 1000 Euro aufstocken.

Das war dann der Punkt, an dem mir der Kragen platzte. Natürlich würde ich das private Geld von Michael und seinen Kolleg/innen nicht anrühren. Wie gesagt, es ging mir nicht ums Geld. Es ging mir ums Prinzip, um Anerkennung meiner Arbeit. 250 Euro für monatelange Recherchearbeit und einen sehr, sehr, sehr langen, prägnanten Text zum aktuellen Aufregerthema Nummer 1 … mir fehlen wirklich Worte, wie man sowas noch nennen soll. Aber Unverschämtheit trifft es meines Erachtens schon nicht mehr.

Ich äußerte Michael gegenüber meinen Unmut über das Angebot. Michael konnte oder wollte meine Aufregung über diese Respektlosigkeit seines Arbeitgebers nicht nachvollziehen. Anscheinend hielt er 250 für die monatelange Arbeit, die ich gemacht habe absolut für angemessen. (Zu dem Zeitpunkt hätte ich vielleicht schon stutzig werden müssen …)

Ich sagte Michael, dass wenn der Tagespiegel nicht bereit ist, die 1000 Euro zu zahlen, das Projekt eben nicht mit dem Tagesspiegel stattfinden wird.

Das war der Stand: Gridlock. Kein vor und kein zurück. Michael und ich waren verstritten.

Ich unternahm einen ersten Rettungsversuch.

Rettungsversuch 1

Michael und ich hatten einige Wochen zuvor bereits über mögliche andere Wege der Publikation gesprochen und es war – zumindest zwischen uns – immer auch eine Option gewesen, das Projekt bei anderen Häusern zu veröffentlichen. Ich machte mich also auf die Suche nach alternativen Veröffentlichungswegen und sprach mit einigen gut vernetzten Medienleuten, was man nun tun könne. Eine Person, mit der ich sprach, hatte gute Kontakte nach ganz oben zum Tagesspiegel und genug Geld über und schlug vor, dass er das Projekt einfach rauskaufen könne. Dann wären wir frei und könnten es überall veröffentlichen. Ich hielt das für eine sehr interessante Idee und kontaktierte Michael mit dem Vorschlag.

Er war nicht begeistert, um es vorsichtig auszudrücken. Genau genommen war er außer sich. Allein der Vorschlag – niemand hatte bis dahin irgendwelche Schritte eingeleitet – empfand er als Verrat, als „Schlag in die Fresse“. Hier wiederum verstand ich ihn nicht. Er blockierte jedes Angebot, sogar sich eines anzuhören. (Wie gesagt, niemand wollte da was über seinen Kopf hinweg unternehmen. Natürlich wollten wir ihn einbeziehen.)

Also wieder Gridlock. Aber dieses mal war es Michael Kreil der das Problem elegant löste, indem er mich einfach vor die Tür setze. „ich beende unsere Zusammenarbeit hiermit.“ Ja, das schrieb er wirklich, so als ob ich sein (unbezahlter) Angestellter gewesen wäre und er mich einfach aus dem gemeinsamen Projekt feuern könnte.

Da stand ich also da. Ich hatte fast vier Monate massiv Arbeit in ein Herzensprojekt investiert, in all der Zeit kein Geld bekommen, stattdessen werde ich vom Tagesspiegel beleidigt und von Michael dann vor die Tür gesetzt. Und das schlimmste: ich konnte das Projekt nicht veröffentlichen. Darum ging es mir. Eigentlich doch nur darum.

Ich sag mal so, im August ging es mir nicht so gut.

An dieser Stelle habe ich bereits mit dem Gedanken gespielt, die Studie einfach auf meinem Blog zu veröffentlichen. Doch ich hatte noch Skrupel, denn noch hatte ich nicht alles versucht.

Rettungsversuch 2

Ich gab mir einen Ruck und schrieb Michael eine Mail, die die abgerissenen Brücken wieder aufbauen sollte. Ich entschuldigte mich für in der Hitze des Gefechts gemachte Formulierungen („Du hast mich verarscht!“) und schlug vor, dass wir gemeinsam einen Weg finden sollten, das Projekt doch noch irgendwie abzuschließen.

Tatsächlich war Michael gesprächsbereit. Im Telefonat erzählte er mir, dass er bereits mit einer Stiftung im Gespräch sei, die Interesse an dem Projekt geäußert hatte. Ich war etwas perplex. Auf einmal geht eine Veröffentlichung außerhalb des Tagesspiegels also? Seine Erklärung dazu fand ich erstaunlich: das Projekt herauszukaufen hätten wir uns ja gar nicht leisten können. Wie er auf diese Idee komme, fragte ich. Und dann fing er an, mir vorzurechnen, dass alleine für seine geleistete Arbeit etwa 50.000 Euro fällig würden …

Vielleicht versteht ihr meine Irritation. Erstens, dass er wirklich glaubt, dass eine Stiftung (und es handelt sich um eine nicht sonderlich reiche Stiftung) 50.000 Euro für das Projekt ausgeben würde, erschien mir … unwahrscheinlich. Und zweitens: ist das wirklich die Relation mit der er den Wert unserer Arbeit gewichtet? 50.000 zu 250?

Nach unserem Telefonat ließ ich das noch mal sacken. So langsam kam mir der Gedanke, dass all das kein Unfall war. Dass Michael Kreil den Wert unserer Arbeit wirklich in genau dieser Relation sieht. Dass er mich nur als Handlager, Textdienstleister oder ähnliches betrachtet. Einer den man mit 5 Cent pro Stunde abspeisen und feuern kann, wann es einem beliebt und dessen kreativer Einfluss auf das Projekt so niedrig einzuschätzen ist, dass er es ohne rot zu werden sein Projekt, seine Ergebnisse, seine Daten und seine Grafiken nennen kann.

Ich schrieb ihm eine Mail, in der ich ihn mit der 50.000 Euroforderung aufzog und – da ich finde, wir sollten Einnahmen halbe/halbe teilen – pauschal dasselbe für meine Arbeit einforderte, was er für seine veranschlagt.

Michael ist ein weiteres mal komplett ausgeflippt und hat mich ein zweites Mal vor die Tür gesetzt. Er kündigte außerdem an, sich jemand anderes zu suchen, um das Projekt fertig zu machen.

Und wieder stand ich da. Aber dieses mal wusste ich, dass es mit Michael keine Einigung geben würde. An diesem Punkt war mir klar, dass ich niemals einen fairen Anteil bekommen würde, denn das Problem war nicht (nur) der Tagesspiegel. Es war Michael, der mir eine faire Bezahlung schlicht nicht gönnte.

Ich bin da anderer Meinung. Und deshalb habe ich das Projekt in dem Stadium, in dem ich es verlassen habe, einfach auf eigene Faust und unentgeltlich auf meinem eigenen Blog veröffentlicht. Die Hälfte von 0 Euro ist 0 Euro. Ein fairer Deal, wie ich finde.

Außerdem finde ich, dass ich ein Recht darauf habe, dass unsere Ergebnisse veröffentlicht werden. Und dass Michael in seinem Tweet von „meinen Ergebnissen, Daten und Grafiken“ sprechen kann zeigt nur symptomatisch, wie gering er meine Arbeit schätzt. Denn bis auf die erste Grafik ist kein Ergebnis, sind keine Daten und Grafiken ohne meine Mitarbeit entstanden. Es waren meine Theorien, die größtenteils zu meinen Fragenstellungen führten, die diese Ergebnisse, Daten und Grafiken möglich gemacht haben. (Und hier und da habe ich auch direkt in der Datenauswertung selbst mitgearbeitet). Für Michael zählt das alles nicht.

Man kann mein Verhalten sicherlich trotzdem scheiße finden und einige Freunde in meinem Umfeld empfanden es so. Allerdings konnte mir niemand von ihnen eine Alternative nennen, wie ich die Sache anders hätte handhaben können. Die einzige Alternative wäre gewesen, zurückzustecken. Dreieinhalb Monate Arbeit und wie ich finde wichtige Erkenntnisse einfach in den Wind zu schlagen und einfach weiterzuleben als wäre nichts gewesen. Das war keine Option. Wirklich. Ich habe alles versucht. Und zwar mehrmals. Diese Entscheidung ist mir alles andere als leicht gefallen, aber ich glaube, ich musste sie so treffen, wie ich sie getroffen habe.

Und um das nochmal klarzustellen: Ich wollte Michael zu keinem Zeitpunkt schädigen. Ich habe immer darauf geachtet, dass er als Studienautor entsprechend mit gewürdigt wird. Diesen Text hier wollte ich nie veröffentlichen, aber Michaels öffentliche Anschuldigungen lassen mir leider keine andere Wahl, mich zu erklären. Michael ist ein begnadeter Datenanalyst. Leider haperts bei ihm an anderer Stelle.


It’s Alte-Weiße-Männer-Ranttime

Heute hatte ich zwei Zusammenstöße auf Twitter mit weißen alten Männern und ihrem gänzlich unoriginellen Unverständnis gegenüber ihrem eigenen unoriginellen Unverständnis.

Zunächst: mir ist klar, dass ich den genannten Kriterien fast vollumfänglich entspreche. Wems beim Verständnis hilft: ja, ich kritisiere hier meine eigene Identitätsgruppe, okay?

Da wäre zunächst Frank Schmiechen, ehemaliger Redakteur bei WELT und jetzt Chefredakteur bei Gründerszene. Er mischte sich in die ebenfalls recht rantige Debatte um SUVs ein, die ich iniziiert hatte und stellte einen eigenes Essay mit folgenden Worten in Aussicht.

Ich kann mir den Text bildlich vorstellen:

„Jetzt darf man also nicht mal mehr SUV fahren! Totalitäre Moralapostel verbieten einfach alles! Tugendfuror! Das wird ja wohl noch fahren dürfen!“

Vielleicht in hübschere Worte gekleidet, aber basicly this. Ich nenne es „Alte Männer Sermon“ und prognostiziere einen großen Klickerfolg, denn eine feste Zielgruppe hat das Genre ja.

Das vielleicht nervigste an alten, weißen Männern ist ihre vollkommene Ahnungslosigkeit ob ihrer eigenen Unoriginalität. Sie schreiben einen Artikel nach dem anderen gegen „Political Correctness“ und den „Totalitären Moralwahn“ und glauben tatsächlich jedes mal von neuem wahnsinnig mutig ein „Tabu zu brechen“ und „es endlich mal auszusprechen„. Man kann eine ganze Bibliothek damit füllen, aber sie glauben jedesmal total originell zu sein. Es wäre zum Schreien komisch, wenn es nicht so traurig wäre.

Die zweite Begegnung hatte ich in Form dieses Zeitartikels von Jochen Bittner, der als Verteidigungsschrift eben jener weißen Männer gedacht war. Leider findet sich der grundsätzliche Verständnisfehler bereits im zweiten Absatz. Bittner schreibt:

„In der Beschwerde über „weiße Männer“ steckt ja mehr als die Abwehr von offener oder unterschwelliger Diskrimierung. Sie ist eine Unterstellung, die selbst auf eine Diskrimierung hinausläuft: Jemand, der weiß ist, männlich und ein gewisses Alter hat, bringt höchstwahrscheinlich ein bestimmtes, nämlich falsches Denken mit.“

Und das ist schlicht falsch. Es geht nicht um Falschheit, sondern um Einseitigkeit. Niemand unterstellt weißen Männern generell ein falsches Denken oder ein falsches Bewusstsein. Es ist halt nur kein sonderlich originelles Denken oder sonderlich originelles Bewusstsein, sowie eine eingeschränkte Perspektive, wie beide aufgeführten Beispiele schön beweisen. Und es ist eine Perspektive, die die deutschen Feuilletons seit es sie gibt dominiert, die durchaus eine berechtigte und manchmal auch wunderbar richtige Sicht der Welt bereithält – aber eben nicht die einzig mögliche. Nur die Meinung von weißen (und meist über 40 jährigen, bürgerlichen, überdurchschnittlich gebildeten, heterosexuellen) Männern zu hören, ist eine unnötige Verengung des Blickfelds auf die Welt, zudem eine Aufforderung zur Denkfaulheit, Zirkelschlüssen und Groupthink. Der Hauptgrund jedoch, warum diese Perspektive aufgebrochen gehört, ist, dass sie für diese unfassbare Dröge in den Blättern verantwortlich ist.

Ich formulierte meinen Widerspruch in einem Tweet und es folgte ein Austausch mit dem Autor, der dem mit Schmiechen in Sachen Unverständigkeit in nichts nachsteht. Bittner wollte die unterstellte Eindimensionalität der Perspektive nicht stehen lassen, also erklärte ich, dass der Grund dafür die Homogenität von Erfahrungshorizonten ist. Darauf Bittner:

Nee, is klar. Die Diversität von Erfahrunswelten innerhalb der Gruppe weißer Männer ist schließlich groß genug. Und die Zeit-Artikel von arbeitslosen polnischen Fabrikarbeitern nehmen eh schon überhand. Da ist ja auch mal gut mit Diverstät und so.

Es ist fast peinlich, das erklären zu müssen: natürlich ist „weiße Männer“ nur die Schiffre für die Homogenität zum Beispiel in Redaktionen wie der der ZEIT, die über „weiß“ und „männlich“ weit herausreicht und natürlich immer auch den Arbeiter, den Behinderten den Schwulen, die Transsexulle, die PoC etc. strukturell ausgeschließt. Und den arbeitslosen polnischen Fabrikarbeiter natürlich auch. Sich auf ihn zu berufen, um auf eine vermeintliche innerweißmännlichen Pluralität zu verweisen, zeugt von einem derartigen Unverständnis der Problemlage, dass ich ernsthaft zweifle, dass Bittner für seinen Job geeignet ist.

Ich bin sowas von genervt von der Unoriginalität dieses vor sich hergetragenen Unverständnisses, dass mir nur noch bleibt, diese Demonstration geballter Ignoranz als Beweis der Legitimität der Kritik an alten, weißen Männern vorzuführen.

Also, mal von altem weißen Mann zu altem weißen Mann: Ich will gar nicht, dass ihr alle aus den Redaktionen verschwindet. Ich will nur gerne eine breitere Perspektive haben. Aber vor allem fehlt mir Originalität, Ideenreichtum und ein Mindestmaß an Selbstreflexion. Meine Hoffnung: wenn Redaktionen diverser werden, dann werden auch die Ansprüche an euch steigen. Dann kommt ihr mir euren wehleidigen, tausend mal gelesenen Gejammer nicht mehr weit. Dann müsst ihr euch plötzlich anstrengen, wenn ihr noch mitspielen wollt. Das wär doch mal was!


Der stille Wahlkampf vor dem Sturm

Mir ist dieser Wahlkampf unangenehm. Und das meine ich nicht im Sinne, dass er mir einfach nur auf den Keks geht, wie es eigentlich alle Wahlkämpfe bei allen Menschen tun. Ich meine das auf einer durchaus tieferen Ebene.

Erstens: Nach dem letztem Jahr muss einiges, was wir über die Welt, die Demokratie und die Menschen zu wissen glaubten, in Frage gestellt werden. Nichts davon ist in diesem Wahlkampf präsent. Es ist der technisch standardmäßigste, strategisch routinierteste und inhaltlich weitersoste Wahlkampf, den ich bisher erlebt habe.

Zweitens: In der weltpolitischen, ökologischen und auch der technologischen Situation in der wir (die Welt) uns befinden, sind – meines Erachtens – radikale Maßnahmen zu ergreifen. Und sie sind jetzt zu ergreifen, bevor es zu spät ist. Doch wieder nichts. Gar nichts davon ist in den Wahlprogrammen irgendeiner Partei zu spüren. Nicht mal die Grünen scheinen ihrer eigenen Agenda über den Weg zu trauen.

Aber ich will mich gar nicht so sehr über die Politik auskotzen, denn … ich weiß es doch auch nicht besser. Ich habe keine Konzepte, wie man heute Wahlkampf machen müsste. Im Grunde bin ich immer noch nicht sicher, was wir aus dem letzten Jahr lernen können. Ganz ehrlich: Ich bin immer noch ein bisschen im Schockzustand. Und meine radikalen Agenden zu Klimawandel, Künstliche Intelligenz und Nord Korea sind ebenfalls noch ungeschrieben. Weiß ich, was jetzt zu tun ist? Wenn ich ehrlich bin: nein.

Hinzu kommt, dass es Deutschland als ökonomisch-politische Entität objektiv und vor allem auch relativ zu den meisten Staaten in und außerhalb der EU erstaunlich gut geht. Es ist doch irgendwie alles relativ okay. Es gab jedenfalls schon schlechtere Zeiten. Ich kann die Politik irgendwie verstehen. Warum soll man die Leute also mit großen Veränderungen erschrecken? Das ist keine gute Wahlkampfstrategie.

Es ist also ein bisschen wie die Stille vor dem Sturm. Und doch bin ich überzeugt, dass der Sturm die nächste Legislaturperiode kommen wird. Und ich habe nicht das Gefühl, dass wir gut gerüstet sind oder dass irgendeine der Parteien auf diese Fragen überzeugende Antworten hat. Sicher kann man sagen, dass es Parteiprogramme gibt, die tendentiell schon irgendwie eher in die richtige Richtung gehen. Aber ich halte die Parteiprogramme eh nur für begrenzt aussagekräftig, denn auf die Umwälzungen, die auf uns zukommen, kann man nur mehr reagieren, als proaktiv irgendeine Agenda durchzusetzen.

Das Paradoxe ist nun, dass mich all das eher konservativ denken und wählen lässt. Nein, ich werde nicht die CDU wählen, aber doch präferiere ich eine Regierung Merkel vor einer Regierung Schulz. Ich glaube, dass die nächste Legislaturperiode weniger dadurch geprägt sein wird, bestimmte politische Projekte umzusetzen, als vielmehr das Steuer auf rauer See im Griff zu behalten. Und da traue ich Merkel wesentlich mehr zu als Schulz.

Ich werde dieses Jahr die Grünen wählen, nicht trotz der Option auf Schwarz-Grün, sondern mit dem expliziten Wunsch danach.

In vier Jahren wird die Welt eine andere sein. Hoffen wir, dass es bis dahin linke Konzepte und Ideen gibt- vielleicht sogar einen oder eine überzeugende Kandidat/in – mit der man wieder eine visionsgetragene Politik machen kann. Dieses Jahr ist es nicht so weit.


Des Faschodrives neuste bürgerliche Fassade

Ich muss zugeben, dass mir die Ereignisse und immer noch überall ausbrechenden Nachbeben zu Hamburg ebenfalls zu denken geben. Sascha Lobo beschreibt das, was mich beunruhigt so:

„ein sozialer Medien-Massenfuror, nicht als einzelner Wutausbruch, sondern über zwei, drei Tage, sich immer wieder selbstentzündend. Die deutsche Netzöffentlichkeit hat sich nach anfänglicher Irritation über die Härte der Polizei hineingesteigert in einen Empörungsrausch. […] Jemand fordert, man müsse „diese Leute endlich Terroristen nennen“. Jemand anderes erklärt, dass nach der ersten Gewaltnacht eigentlich jeder Demonstrant zum Mob gehöre. Ein Dritter wünscht sich Scharfschützen herbei, es könnte ein überzogener Scherz sein, aber weitere Kommentare sind eindeutig: „Abschlachten das Pack“, „zur Strafe selbst anzünden“, „Erschießen ist zu gnädig“.“

Nicht nur Sascha ist das aufgefallen, sondern auch Leo Fischer. Er aber sieht in den maßlosen Kommentaren nicht einfach den emotionalen Momentzustand der Kommentatoren, sondern unterstellt eine unterschwellige Grundstimmung. Er nennt diese Leute „Umfaller“, weil sie sich liberalbürgerlich inszenieren, heimlich aber Pozeistaatsphantasien pflegen.

„Ich weiß nicht, wie Sie’s halten, aber ich merke mir solche Leute. Gerade solche, die von unserer als der freiesten aller Gesellschaften schwafeln, aber sich in wütendste Apologeten der Staatsgewalt verwandeln, sobald sie das Gefühl haben, dass nun doch der Ausnahmezustand vor der Tür steht. Diese Leute sind zu nichts zu gebrauchen. Ihre Liberalität, ihre Bürgerlichkeit, ihr Konservatismus ist nichts wert, wenn er unter der geringsten Erschütterung zusammenbricht. Ihre Liebe zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung reicht nur für den Alltag.“

Ich glaube, Fischer hat recht. Dahinter steckt mehr, als ein im Eifer des Gefechts passierter Ausbruch. Und hier ist nun meine Theorie dazu:

Es wurde ja des öfteren bemerkt, dass wir es derzeit mit einem weltweiten Rechtsruck zu tun haben. Wir sehen die Türkei in die Diktatur abdriften, Polen und Ungarn eifern ihr nach. Brexit und Trump waren ebenfalls solche Indikatoren. Man kann von einer weltweiten Lust am Totalitären sprechen, am Autokratischen, an uneingegrenzter staatlicher Gewalt und einfachem Freund/Feind-Denken. Ich nenne diese allgemein steigende Lust am Totalitären der Einfachheit halber den „Faschodrive“. (Ich habe indes keine gute Theorie dazu, wo er herkommt, darum soll es hier aber auch nicht gehen.)

Interessanter Weise galt Deutschland immer – und seit die AfD so absäuft – immer mehr als Ausnahme zu diesem Trend. Und ich fürchte, das beruht auf einem Mißverständnis.

Es ist zwar richtig, dass der Faschodrive in Deutschland besondere Herausforderungen zu meistern hat, da er aufgrund unserer Geschichte … sagen wir verpönt ist. Aber das heißt nur, dass umso mehr Energie darauf abgestellt werden muss, beim vor sich hinfaschistoieren, die bürgerliche Fassade zu wahren. Das ist genau das Angebot, das die AfD immer unterbreitete und eine ganze Zeit lang erfolgreich an den Mann gebracht hat. Ich persönlich glaube, es war Björn Höcke, der es versaut hat. Seine Rhetorik erinnerte dann doch einen Deut zu viel an den Geschichtsunterricht, so dass die bürgerliche Fassade nicht mehr glaubhaft aufrecht zu erhalten war. Die bürgerlichen Sympathisanten fühlten sich ertappt und wandten sich ab, von den – auf einmal – Schmuddelkindern.

Der Zusammenbruch der AfD ist natürlich zu begrüßen, heißt aber auch, dass der wachsende Faschodrive seit einem Jahr ein neues Ventil sucht. Und dieses fand er in Hamburg. Wenn man die öffentlichen Reaktionen aus dem bürgerlichen Lager in Relation zu den tatsächlichen Ereignissen stellt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass hier etwas explodiert ist. Und das, was da explodierte, hatte wenig mit den paar brennenden Autos und Mülltonnen zu tun, sondern ist viel besser mit einem überreifen, entzündeten Pickel voller Faschodrive-Eiter vergleichbar.

Aber warum Hamburg? Wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, woran der Faschodrive in Deutschland so leidet, stellt man fest, dass Hamburg ein super Anlass war, ihn unter einer perfekt bürgerlichen Tarnung zu entfesseln.

  1. Während die AfD und Pegida-Heinis immer „gegen das System“, waren, konnte man bei Hamburg „mit aller Härte“ für das System sein. Hier waren die Linken die Outsider und kaum hatte man sie als Outgroup definiert, konnte man ihnen schnell jedes Recht auf alles absprechen. Und wer sollte die eigene Bürgerlichkeit dabei in Frage stellen, wo doch der Bürger traditionell immer auf Seiten des Staates ist. Sich mit dem System zu identifizieren und diejenigen zu jagen, die „gegen das System“ sind, passt prima in das bürgerliche Selbstbild. (Natürlich wären, wenn diese Menschen es wirklich durchdächten, Freiheiten wie das Versammlungsrecht und das Recht auf körperliche Unversehrtheit auch der Polizei gegenüber ebenfalls „Teil des Systems“, aber solche Ausbrüche haben ja selten etwas mit denken zu tun.)

  2. Die Linken sind auch deswegen gerade das perfekte Ziel des Faschodrives, weil der Angriff auf sie nicht unter Rassismusverdacht fällt. Das ist sehr wichtig, weil es – gerade auch durch die Debatten um AfD und Pegida – eine verschärfte Diskussion um bürgerliche Werte gab, in der Rassismus mehr und mehr als unbürgerlich und pfuibah identifiziert wurde. Das kann man durchaus als Erfolg verbuchen, führt aber erstmal dazu, dass sich die Bürgerlichen für ihren Faschodrive neue Hassopfer suchen müssen. Die Linksradikalen geben hier – mit ihrer meist selbst weißdeutsch-bürgerlichen Herkunft – ein unbelastetes Ziel ab.

  3. Man kann die Links(-Radikalen/Extremisten) hassen, ohne sich damit „gefühlt“ politisch allzu sehr zu verorten. Während man bei der AfD gleich ein ganzes politisches Programm unterschreiben muss und bei Pegida immerhin mit den Redebeiträgen und hochgehaltenen Schildern OK sein muss, kann man die eigene Härte gegen „Linke“ für sich immer noch in ein pragmatisches Narrativ verpacken. Man will ja nur Ruhe und Ordnung bewahren und wenn dabei ein paar Demos verhindert werden, Knochen brechen und Menschen unschuldig hinter Gittern landen, dann ist das eben ein kleiner Preis, den man dafür zahlt. Dass die eigenen totalitären Forderungen weit über jede Verhältnismäßigkeit hinausgehen, ist ja schließlich Ansichtssache.

Und so wurden die Hamburgereignisse ein ideales Ventil für den inneren Nazi mit der perfekten bürgerlichen Tarnung. Und das macht es so gefährlich.

Daraus kann sich etwas entwickeln, das ich für fast noch gefährlicher halte, als die AfD. Eine aus der bürgerlichen Mitte entspringende Bewegung, die Schulter an Schulter mit dem Establishment Amok gegen das Grundgesetz rennt – mit der Rechtfertigungsstrategie, es zu verteidigen.

Jetzt werden mir die Bürgerrechtsbewegten auf die Schulter klopfen und zurecht einwenden, dass diese Bewegung lange Existiert und mal „CDU“ und mal „SPD“ und in letzter Zeit vor allem „Große Koalition“ genannt wird. Aber ich meine es ernst. Es ginge hier nicht mehr um das Kleinklein stetig ausgedehnter Vorratsdatenspeicherungstaatstrojaner-Befugnisse, sondern um das Umsetzen der Forderungen, die man nach Hamburg eben so hörte. Zerschlagt die Antifa, stürmt die Rote Flora, schießt auf linke Demonstranten, die Bundeswehr soll die Schanze aufräumen. Sowas. Also eher voll in Richtung Erdogan.

Was daraus folgt? Wir sollten, nur weil die AfD besiegt erscheint, nicht aufhören, wachsam zu sein. Der Faschodrive kann uns auch in Gestalt eines SPD-Bürgermeisters oder eines sonst liberalen Kommentator entgegenspringen. Leo Fischer hat recht. Wir sollten uns diese Menschen merken.


Nachgetragen: Bundestagsanhörung

Mit meinem alten Macbook Air (2010) konnte ich irgendwann keinen Videoschnitt mehr machen, weswegen ich einige Veröffentlichungen aufgeschoben habe. Mit dem neuen Macbook geht das wieder ganz gut, so mein Eindruck, weswegen ich nun hier ein paar Videos von Auftritten nachreichen möchte.

In diesem Fall handelt es sich um einen Zusammenschnitt meines Auftritts als Sachverständiger im Ausschuss Digitale Agenda des Bundestags vom Dezember 2016. Es ging um Plattformregulierung, Interoperabilität und Neutralität. Ich habe hier nur die Einleitung, mein Eingangsstatement sowie die Fragen an mich und meine Antworten auf bequeme 22 Minuten zusammengeschnitten. Die gesamte Anhörung findet ihr hier, und hier findet ihr noch den von mit beantworteten Fragenkatalog, der das, was ich im Video nur in aller Kürze ansprechen kann, genauer ausführt. Viel Spaß.